20.10.2021

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12.02.00 Wojwodina-Hauptstadt Neusatz im Streit mit Belgrad

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Februar 2000


Wiederaufbau zerstörter Donaubrücken:

Geburtswehen der Autonomie
Wojwodina-Hauptstadt Neusatz im Streit mit Belgrad
Von Petra Schirren

Die machtpolitische Erosion der
Bundesrepublik Jugoslawien nimmt ihren Lauf. An allen Ecken und Enden kriselt es.

Montenegro steuert hartnäckig auf die Unabhängigkeit zu, und die USA haben Milosevic unmißverständlich davor gewarnt, gewaltsam einzugreifen. Jüngste Umfragen zeigen bereits eine Mehrheit von 42 Prozent Unabhängigkeits-befürwortern, während sich 40 Prozent der Einwohner Montenegros für einen Verbleib bei Jugoslawien aussprechen.

Auch die stark wachsende Zahl von Albanern im eigenen Kernland bereitet Belgrad zunehmend Sorgen. So machte am 31. Januar die Partei der ungefähr 100 000 Albaner in Südserbien auf sich aufmerksam, indem sie zur Kontrolle der staatlichen Polizei UNO- und OSZE-Beobachter für ihre Hochburgen in den Städten Presevo, Bujanovac und Medvedja forderte.

Auch über der von der Habsburgerzeit geprägten Wojwodina mit ihren mitteleuropäisch anmutenden Barockbauten sind Gewitterwolken aufgezogen. Die Verwaltung der Regionalhauptstadt Neusatz (Novi Sad) hat entgegen den Wünschen der serbischen Zentralregierung zum Monatsanfang mit dem Wiederaufbau von einer der vier in der Gegend zerstörten Donaubrücken begonnen.

Präsident Milosevic hatte zuvor verlauten lassen, er wolle die Rekonstruktion der im Kosovo-Krieg zerbombten Brücken – neben Neusatz ist hiervon auch Belgrad betroffen –, und damit die freie Fahrt für den internationalen Schiffsverkehr so lange aussetzen, bis die am Krieg beteiligten Nato-Länder sich zu Schadensersatzzahlungen verpflichtet hätten.

Diese Haltung erregt nicht nur den Unmut sämtlicher Donau-Anrainerstaaten, sondern schadet natürlich auch der eigenen Exportwirtschaft. In der relativ wohlhabenden Wojwodina wird das besonders schmerzlich empfunden.

Die an Kroatien, Ungarn und Rumänien grenzende Nordprovinz ist die Kornkammer Serbiens. Dort werden ein Drittel des Weizens, 40 Prozent des Maises, zwei Drittel der Zuckerrüben und drei Viertel der Sonnenblumen und Sojabohnen angebaut.

Etwa 40 Prozent des gesamtstaatlichen Steueraufkommens stammen aus der Wojwodina. Alle diese Gelder müssen direkt nach Belgrad abgeführt werden, und nur sehr wenig fließt wieder zurück.

Bis 1989 verfügten die zwei Millionen Einwohner über eine Autonomie, wie sie damals auch das Kosovo besaß. Neben einer eigenen Vertretung auf Bundesebene gab es eine separate Zentralbank, eine regionale Polizei, ein eigenes Bildungs- und Gerichtssystem sowie ein Parlament in Neusatz.

Vor allem die über 300 000 Personen umfassende ungarische Minderheit (15-17 Prozent der Gesamtbevölkerung der Wojwodina) sehnt sich nach diesen Zeiten einer größeren politischen und wirtschaftlichen Selbständigkeit zurück. Aber auch ein Teil der serbischen Mehrheit (etwa 60 Prozent der Einwohner) will sich dem totalen Zugriff Belgrads entziehen.

So tritt die Partei "Liga der Sozialdemokraten" unter ihrem Vorsitzenden Nenad Canak für eine"multiethnische und demokratische Republik Wojwodina" als Bestandteil des serbischen Staatsverbandes ein.

Die Stadt Neusatz wird seit den Wahlen vom November 1996 von einer Koalition mehrerer Oppositionsparteien regiert. Bereits seit 1992 gibt es hier auch einen deutschen Verein "Donau", in dem die winzigen Reste der nicht vertriebenen oder umgebrachten Donauschwaben organisiert sind.

Weitere Ortsgruppen bestehen in Subotica, Betschkerek (Zrenjanin), Hodschag und Bajmok. Insgesamt sind in dem Verein etwa 500 Familien zusammengeschlossen.

Bis zum Zweiten Weltkrieg lebte im jugoslawischen Teil des Banats, in der Batschka und in Syrmien annähernd eine halbe Million Deutsche.

Auch für die 1500 bis 5000 verbliebenenen Donauschwaben, denen eine Aufnahme in der Bun- desrepublik Deutschland oder in Österreich verwehrt wird, könnte eine Wiederherstellung der Autonomie in der Wojwodina vorteilhaft sein. Dennoch sind die Tage der vielfach angefeindeten, teilweise bereits assimilierten Volksgruppe ebenso gezählt wie die der Regierung von Slobodan Milosevic in Belgrad.