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12.02.00 Öm Liggerke

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Februar 2000


Öm Liggerke
Von JOACHIM GRONAU

Schon von weitem konnte ich erkennen: an der Hochfahrtscheune, die etwas abseits vom Gutshof lag, war eine Menge Kinder beim Rodeln. Sogar das Juchen war bis hierher zu hören. Verdammt, da hatte ich doch wieder zu lange an den Schularbeiten gesessen!

Die Hochfahrtscheune war unter den Scheunen von Gr. Schwandfeld, Kreis Bartenstein, die höchste, hatte sozusagen ein zweites Stockwerk und war so konstruiert, daß im Sommer die beladenen Getreidewagen über eine lange Rampe bis in das obere Stockwerk fahren konnten. Dort wurden die Garben einfach nach unten geworfen, wo sie von den Frauen ordentlich gepackt wurden. So vermied man das mühselige Hochstaken. War der Leiterwagen leer, fuhr der Gespannführer einfach geradeaus weiter durch das andere obere Scheunentor hinaus, über die zweite Erdrampe hinunter und lenkte seine vier Pferde im Trab zum Feld. Diese zweite Rampe war kürzer, dafür aber viel steiler und deshalb für uns Kinder eine ideale Rodelbahn. Die rechte Wagenspur war zum Rodeln da, die linke zum Hinaufsteigen.

Wie zu allen Zeiten und überall auf der Welt gab es auch bei uns Dorfkindern das Zweiklassensystem: die Armen und die Reichen. Deutlich zeigte sich der Unterschied im Winter. Die "Reichen", zu denen auch ich zählte, besaßen Schlitten, die anderen nicht. Doch mögliche soziale Spannungen wurden ohne umfangreiche Gesetzgebung oder Klassenkampf dadurch gelöst oder gemildert, daß es für die reichen Kinder (die vom Stellmacher, Sattler, Gärtner, Lehrer, Schmied) Ehrensache war, die armen auf dem Schlitten mitzunehmen.

Als ich oben am Start angekommen war, stand dort schon die Angelika und wartete geduldig und gottergeben auf einen Schlittenbesitzer. Sie hatte ihre Arme vor die Brust gelegt und ihre Schultern zusammengedrückt. Sie fror in ihrem dünnen, abgetragenen Wolljäckchen.

Vielleicht hatte ja die bekannte Kreativität der Modekünstler schon damals schicke Wintermodelle für Kinder in farbenfrohem Design geschaffen: bis zu den Schwansfelder Landarbeiterfamilien waren sie jedoch noch nicht vorgedrungen. Wir Jungen trugen kurze Hosen, lange, entsetzlich kratzende Strümpfe aus gesponnener Schafwolle, die mit schlichten Strumpfhaltern aus Gummi an einem Leibchen befestigt waren. Diejenigen, denen die Ausgaben für solchen lächerlichen Schnickschnack zu hoch erschienen, begnügten sich zum Halten der Strümpfe mit Weckringen. Tradition und leerer Geldbeutel schlossen den Gedanken an lange Hosen für Jungen (oder gar Mädchen) völlig aus. Die trug man erst vom Tage der Einsegnung an. Sozusagen als Zeichen der Mannbarkeit. Pullover, Schals, Handschkes, Pudelmütze, alle von der Mutter gestrickt, vervollständigten den Winterdress der modernen Dorfjugend. Natürlich wurde er an die jüngeren Geschwister weitervererbt, denn das hätte den geplagten Müttern ja noch gefehlt, für jedes der fünf Kinder alles extra zu stricken. Bei der Fußbekleidung waren Holzschlorren oder mit Stroh ausgepolsterte Klumpen "in", beides von den Vätern in Heimarbeit hergestellt. Wie es sich gehört, trugen die Mädchen Kleider, darüber den Pullover und darunter dicke Wollschlüpfer. Beim Rodeln konnten wir Jungens das deutlich sehen.

Ich nickte also der blaugefrorenen Angelika zu, gab ihr die Anweisung: "Öm Riederke" (Reitsitz) und legte mich bäuchlings auf den Schlitten. Sie nickte dankbar zurück, zog die Nase hoch und setzte sich auf meinen Rücken. Ab ging’s. Die Bahn war glatt und schnell, der Fahrtwind schnitt mir durch das Gesicht. Unten, am Ende der Rampe, galt es eine Linkskurve zu meistern. Obwohl es da einige Hubbel gab, die den Schlitten etwas springen ließen, verlief alles ohne Zwischenfälle.

Angelika war leicht wie eine Feder und balancierte ausgezeichnet mit, eine natürliche Rodelbegabung. Jetzt drohte nur noch Gefahr von zwei dicken Pappeln, zwischen denen man hindurchsteuern mußte. So mancher Anfänger hatte sich an ihnen schon eine schorfige Nase geholt. Noch ein kleiner Absatz, und wir waren auf dem zugefrorenen Teich, der die Abfahrt sachte beendete. Wir stiegen ab. Angelika von mir und ich vom Schlitten.

"Bahn frei!" schrie da Arno, der hinter mir gestartet war mit Erich als "Rieder". Ich zog eilig meinen Schlitten aus der Spur, und der Krät kam doch tatsächlich zehn Zentimeter weiter als ich. Na ja, der Erich war auch schwerer als die Angelika, kein Wunder.

Es gab ein ungeschriebenes Rodelgesetz, wonach der Mitfahrer als Entgelt für das genossene Vergnügen den Schlitten nach oben ziehen mußte. Das fanden alle Beteiligten nur recht und billig. Während also die schmächtige Angelika den Schlitten hochschleppte und ich nebenher leichtfüßig emporstieg, rasten die anderen von diesem künstlichen Berg zu Tal, die Jungen stumm und konzentriert, die Mädchen oft zu dreien und juchzend. Welch ein Spaß, wenn jemand umkippte!

Am Start warteten bereits drei frierende Mitfahrer, an die sich Angelika anschloß. Diesmal war Kurt an der Reihe. Da er noch ganz klein war – mindestens zwei Jahre jünger als ich, ein kleiner Kruschke sozusagen –, verfügte er noch nicht über meine langjährige Rodelpraxis, und so ordnet ich zu seiner eigenen Sicherheit an: "Öm Huckerke!", worauf er sich vor mich auf den Schlitten setzte und die Füße auf die eiserne Querstange stellte. (Wenn man die übrigens bei scharfem Frost mit nassen Fingern berührte, blieben sie kleben.)

Nun weiß natürlich jeder vernünftige Mensch, daß man im Huckerle nicht so gut steuern kann. Neue Rekorde im Weitfahren waren somit unmöglich. Selbstlos und etwas lässig fuhr ich nur zu Kurts Vergnügen die Bahn hinunter. Eifrig und stolz zog er meinen Schlitten zum Start zurück.

Ich hatte Glück, diesmal gab es keine wartende Schlange. Klarer Fall: Ich fahre "öm Liggerke". Bei dieser idealen Rodelposition kann man ordentlich Anlauf nehmen und sich im Rennen auf den Schlitten schmeißen. Es bestand die Möglichkeit, den heute aufgestellten Rekord zu brechen. Kopf und Schal riskierend schoß ich in rasender Fahrt auf die Kurve zu, nahm sie, ohne viel zu bremsen, und schaffte den Rekord tatsächlich. Glücklich wischte ich mir auf dem Teich die Tränen des Fahrtwindes aus den Augen.

Allen Kindern war von den Eltern eingebleut worden: "Wenn et duster ward, kömmst na Huus, sonst jöfft wat möttem Reume!" Vaters Hosenhalter, der Riemen, diente auch als praktisches Strafvollzugsmittel. Im Dunkeln hatten die Kinder draußen nichts zu suchen! Genaue Rückkehrzeiten wurden nicht gegeben, weil niemand eine Uhr besaß. Wir richteten uns nach dem Sonnenstand. Damit gab es für uns einen erheblichen Entscheidungsspielraum. Diejenigen, die die strengsten Eltern hatten, zogen als erste ab. Die Kussins Jungens blieben immer bis zuletzt. Ob sie so liberale Eltern hatten oder ergeben eine Tracht Prügel über sich ergehen ließen, um das Rodelvergnügen bis zur Neige auszukosten, weiß ich nicht. Beim traurigen Abschied von der Hochfahrtscheune tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß die erwachsenen Brüder von Fritz Rautenberg heute Abend Wasser auf die Bahn gießen wollten, damit sie richtig vereist und morgen noch schneller sein würde.

Auf dem Heimweg traf ich auf der Dorfstraße einen mit Mist beladenen, zweispännigen Arbeitsschlitten. Ich lief also zum Kutscher und rief: "Unkelke, dörf öck mi anbommle?" – "Häng di man an." Behende schlang ich die Schlittenleine um eine Runge und ließ mich wie ein hoher Herr bis vor unsere Haustür fahren. Der genußreiche Winternachmittag endete mit Mutters Klunkersupp.