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12.02.00 Ein preußischer Architekt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Februar 2000


Ein preußischer Architekt
Zum 200. Geburtstag von Friedrich August Stüler

Zu etwa dreihundert Kirchenneu- und -umbauten in Preußen fertigte der am 28. Januar 1800 in Mühlhausen in Thüringen als Pfarrerssohn geborene und in Berlin an der Bauakademie und der Universität studierende Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler Entwürfe an. Mit dem Thronwechsel zu Friedrich Wilhelm IV. und Schinkels Erkrankung und Tod 1840/41 erhielt Stüler zunächst neben Ludwig Persius und nach dessen frühem Tod 1845 allein das gesamte Hof- und Staatsbauwesen Preußens übertragen. 1853 wurde er Dezernent für Kirchenbau in der Zentralbehörde, der Bauabteilung des Handelsministeriums, und war damit für den gesamten vom Staat subventionierten Kirchenbau zuständig.

Für Königsberg entwarf Stüler 1840 als Direktor der Schloßbaukommission die Dekorationen für die Huldigung der preußischen Stände am 7. September im Schloßhof und einen Umbauplan des Schlosses, der allerdings nicht ausgeführt wurde. 1861 stattete er für die Krönungsfeier Wilhelms I. die Schloßkirche aus. Als sich 1864 die alte Schloßturmspitze neigte, führte man einen erhöhten, achteckigen Turmhelm mit Galerie und vier Ecktürmchen nach dem Entwurf Stülers in neugotischem Stil auf. Der bedeutendste Bau Stülers in Königsberg aber ist die Neue Universität auf dem Paradeplatz. 1843 legte Stüler seinen Entwurf für den Bau "im altflorentinischen Stil", das heißt im Stil der italienischen Frührenaissance, vor. Bei der Einweihung der Universität 1861 durch den Rektor, Kronprinz Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich III., übergab ihm der Architekt die Schlüssel. Am 22. Juli 1862 wurde Stüler die Ehrendoktorwürde der Albertina verliehen. Nicht zu vergessen, daß Stüler die Entwürfe der 1843 bis 1862 im romantisch-neugotischen Stil erbauten, heute noch zum größten Teil existierenden Stadttore des inneren Festungsringes von Königsberg mit auf die Geschichte der Stadt Bezug nehmendem Statuen- und Büstenschmuck anfertigte. Die originalen Entwurfszeichnungen der Universität und der Stadttore haben die Zeitläufte im Geheimen Staatsarchiv in Berlin überdauert.

In Berlin, wo Stüler Entwürfe für den Neubau des Doms am Lustgarten und zahlreiche Kirchen von Tiergarten bis Nikolskoe anfertigte, konnte unlängst ein noch im 1997 vom Landesdenkmalamt herausgegebenen Werkkatalog als "zerstört" angegebenes Ausstattungsteil einer ehemals bedeutenden Berliner Kirche wiedergewonnen werden. Es sind die im Bezirk Mitte bei Bauarbeiten an der Spandauer Straße zutage gekommenen Marmorteile. Diese ließen sich als Altartisch der einst hier befindlichen Alten Berliner Garnisonkirche, den Stüler 1853 zusammen mit einem marmornen Ziborium (Baldachin) entworfen hat, identifizieren. Die Kirchenruine ließen 1962 die Machthaber in Ostberlin, bereits sechs Jahre vor der Potsdamer Hof- und Garnisonkirche, sprengen.

Pfarrer Georg Goens berichtet in seiner "Geschichte der Königlichen Berlinischen Garnisonkirche" (1897), die das einzig erhaltene Foto der gesamten Altaranlage enthält, daß der "damals viel bewunderte Marmoraltar mit goldstrahlendem Baldachin" 1700 Taler kostete, die Friedich Wilhelm IV., der Kirchenpatron, aus der Privatschatulle bestritt. Mit der Stiftung des Altars führte der König, so der bei der Einweihung des Altars am 9. Juli 1854 als Divisionsprediger assistierende Adolph Strauß, dessen Vater der Seelsorger König Friedrich Wilhelms II. war, "die Gedanken seines in Gott ruhenden Vaters aus, und gebot 1853", hundertfünfzig Jahre nach der Einweihung der ersten Kirche (1703), "einen Marmor-Altar unter glänzendem Dache zu erbauen." Den Altar hätte Friedrich Wilhelm III. aus Kostengründen nicht mehr in "so glänzender Weise" herstellen können, als er es beabsichtigte.

Von den drei vorderen Säulenstützen wurde nur ein Exemplar gefunden, das zudem von der Baustelle gestohlen wurde. Falls der Dieb, der sich am einst vornehmsten Ausstattungsstück der Kirche vergriffen hat, die Säule nicht herausrückt, ist es dem jetzt mit der Wiederherstellung des Altartisches beauftragten Berliner Steinbildhauer Roland Luchmann nur möglich, die Säulen nach einem "Schnappschuß" aus der Vorkriegszeit nachzubilden. Wenn in Kürze die als Provisorium dienende klobige Pfeilerstütze in der Mitte durch die Säulen ersetzt ist, werden auch die quadratischen Marmorinkrustationen der Rückwand des Tisches, deren starke Farben Rot und Grün zu dem Weiß derselben kontrastierender zur Wirkung kommen.

Stüler folgte mit diesen von römischen Vorbildern inspirierten Ziborium-Altären den Wünschen Friedrich Wilhelms IV., der wegen seiner romantisch-religiösen Schwärmerei und Hinwendung zur altchristlichen Architektur bekanntlich der "Romantiker auf dem Thron" genannt wird. Die Altäre gehören zu der Vorstellung des Königs von der Erneuerung der altchristlichen Kirche, in der er die noch unverfälschte Kirche, den Vorläufer und das Vorbild der protestantischen Kirche sah. Sie verkörpern einen zur Restitution altchristlicher Liturgieformen vorgesehenen Typus, den Stüler mit gewissen Variationen wiederholte. Vorbilder dieser Altäre hatte der König bereits als Kronprinz auf seiner Italienreise 1828 in den frühchristlichen Basiliken Roms auch direkt kennengelernt.

Die Ziborien erscheinen vor allem im engsten Umkreis des königlichen Interesses, so 1847 in der Friedenskirche in Potsdam-Sanssouci, in welcher Friedrich Wilhelm seine letzte Ruhestätte gefunden hat, oder 1853 – ein Jahr vor der Einweihung des Altars der Berliner Garnisonkirche – in der Kapelle des 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses. Diese nach Stülers Entwurf errichtete "neue Zeremonienkapelle des Königshauses" war eine Lieblingsidee schon des Kronprinzen, das private Pendant zur Domplanung. Vor kurzem ist als einziges Überbleibsel der Schloßkapelle das mit silbervergoldetem Blech beschlagene, edelsteinbesetzte Altarkreuz mit Christuskopf und Evangelistensymbolen von der Rückwand des Ziboriums in einem Depot in Potsdam wiederaufgetaucht und soll in einer Kirche in Berlin oder Potsdam Aufstellung finden. Auch die evangelische Kirche in Schirwindt, der östlichsten Stadt im damaligen Preußen an der Grenze zu Litauen, wurde mit einem Ziborium-Altar von Stüler ausgestattet. An der Einweihung der Kirche 1856 nahm der König persönlich teil. Hier hatte er nämlich 1845 aus Enttäuschung darüber, daß die von weitem sichtbare doppeltürmige Kirche eine jenseits der Grenze liegende katholische war, einen stattlichen Bau als eine Art Gegenstück zum Kölner Dom im Westen versprochen. So erhielt diese Stüler-Kirche, um im Rahmen seiner spröden Formensprache und der finanziellen Möglichkeiten diesen Vergleich anzudeuten, den Charakter einer zweitürmigen hochgotischen Basilika. Der von Stüler zunächst als fünfschiffige Basilika nach altchristlicher Formenauffassung entworfene Neubau des Berliner Doms, den Friedrich Wilhelm IV. als "Primas des Protestantismus" errichten wollte, wurde zwar 1845 gebilligt, doch kam der Bau über die Apsidenmauern nicht hinaus. 1848 mußte nämlich als Folge der Revolution – das Budgetrecht war an den Landtag gefallen – das kostspielige Bauvorhaben eingestellt werden. Auch spätere Entwürfe für einen Kuppelbau Anfang der 50er Jahre kamen letztlich durch den Tod des Königs 1861 nicht mehr zur Ausführung. Wilhelm I. ließ des Bruders Großprojekt unterbrechen. Für den von Schinkel umgebauten alten Dom schuf Stüler aber noch 1864/65 – kurz vor seinem Tode am 18. März 1865 – den größten und prächtigsten marmornen Altartisch aus kostbarsten Marmorsorten, unter anderem gelbem Alabaster aus Ägypten für die Säulen. Dieser 1905 in den neubarocken Dom Kaiser Wilhelms II. übernommene Altar bildet noch heute den Mittelpunkt des Gottesdienstes.

Der verloren geglaubte, im Vergleich dazu bescheiden wirkende Altartisch des "Militärdoms", der Alten Berliner Garnisonkirche, um den sich einst, wie Pfarrer Strauß 1862 hervorhebt, in jedem Jahre "gegen zehntausend Abendmahlsgäste" versammelten, wurde jetzt im neu geschaffenen Lapidarium auf dem Alten Berliner Garnisonfriedhof in der Kleinen Rosentha-ler Straße 3 aufgestellt. Die Eröffnung des Schutzbaus über den Fundamenten der zerstörten Friedhofskapelle Anfang März darf man deshalb mit Interesse erwarten. Heinrich Lange