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12.02.00 Posaune und Politik Interview mit dem Vorsitzenden des Vereins "Russisch-deutsche Freundschaft" in Rauschen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Februar 2000


Posaune und Politik
Interview mit dem Vorsitzenden des Vereins "Russisch-deutsche Freundschaft" in Rauschen

Etwas über zwei Jahre ist es nun her, daß aktive Bürger aus Rauschen und Georgenswalde den Verein russisch-deutsche Freundschaft gründeten. Zwar dauerte es ein Jahr, bis die Behörden endlich bereit waren, den Verein auch als eingetragenen Verein zu akzeptieren, aber die unermüdlichen Bürger Rauschens gaben niemals auf und konnten auch dies schließlich und endlich im Oktober 1998 durchsetzen. Was mit einem kleinen Deutschkurs der Rauschener Journalistin und Deutschlehrerin Rosalia Iskandarowa begann, entwickelte sich bis zum heutigen Tage als mittlerweile schon anerkannte gesellschaftliche Organisation. Aus ehemals zehn Gründern wurden mittlerweile schon mehr als 30 Bürger des nördlichen Ostpreußen Mitglieder in diesem Verein, darunter hier so bekannte Persönlichkeiten wie der Leiter des Königsberger Symphonieorchesters, Arkadi Feldmann, und die über Königsbergs Grenzen hinaus bekannte Pianistin Irina Losina. Gegründet wurde der Verein, um vor allem gemeinsam etwas für die Gesellschaft, für die Bürger des Kreises Rauschen, zu tun, denn nur zweimal in der Woche gemeinsam die deutsche Sprache lernen, daß langte den Beteiligten nach einem Jahr gemeinsamen Unterrichts nicht mehr. Alle zusammen waren der Ansicht, daß die Probleme zu vielfältig sind, als das man sie ständig ignorieren kann. Vieles hat sich nun in den vergangenen zwei Jahren um die aktiven Mitglieder des Rauschener Vereins getan. Wir hatten Gelegenheit, mit dem Vorsitzenden des Vereins, Slawa Tichonow, über Vergangenheit und Zukunft des Vereins Russisch-Deutsche Freundschaft zu reden.

Ostpreußenblatt: Herr Tichonow, würden Sie, zwei Jahre zurückblickend, Ihren Schritt der Vereinsgründung noch einmal wagen?

Slawa Tichonow: Auf jeden Fall! Bisher haben wir alle den Schritt nicht bereut. Vor allem, weil es uns allen, die wir heute Mitglied in unserem Verein sind, viele neue Freundschaften gebracht hat.

Wie wir erfahren konnten, gibt es Vereine wie den Ihren, der aus einer Gruppe von Bürgern heraus entstanden ist, im nördlichen Ostpreußen nur ganz selten, vor allem, wenn er wie bei Ihnen einen für hiesige Verhältnisse so starken Mitgliederzuwachs hat. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Ich denke, das liegt vor allem daran, daß wir etwas tun, das zum einen uns und zum anderen den Bürgern unserer Stadt Freude macht. Irgendwie können wir uns als Individuum, aber auch als Gruppe, im Gefüge unserer Stadt verwirklichen. Die neue Zeit, die vielen Probleme in unserer Gesellschaft, bringen viele Aufgaben mit sich, die nicht nur von der Verwaltung bewältigt werden können. Aber wir wollen nicht die Defizite der hiesigen Verwaltung kompensieren, wir wollen eher diese Defizite aufzeigen und mit unserer Arbeit zeigen, daß man auch ohne große finanzielle Kraftanstrengungen den Anforderungen der heutigen, einer für Rußland ganz anderen Zeit gerecht werden kann.

Welches sind denn die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Im vergangenen Jahr, und das gilt wohl auch für das Jahr 2000, waren es drei Standbeine, die unser Club hatte und hat. Selbstverständlich laufen unsere Deutschkurse in Georgenswalde, dort hat ja alles begonnen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, weiter. Zum zweiten arbeiten wir nun seit Beginn unseres Bestehens mit deutschen Hilfsorganisationen zusammen und haben vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit dem Verein Hilfe für Königsberg e. V. aus Duisburg in Rauschen ein Sozialbüro eröffnet. In diesem Sozialbüro koordinieren wir mittlerweile die humanitären Hilfsaktionen für einen großen Teil der Samlandküste gemeinsam mit unseren deutschen Freunden. Unser, nennen wir es drittes Bein ist die Kulturarbeit. Wir sind als Verein der Meinung, daß eine Kur- und Urlaubsstadt wie Rauschen ihren Gästen einfach mehr bieten muß als Meer und Cafés. Daher haben wir im vergangenen Jahr, quasi als Experiment, zwei Open-air-Konzerte mit dem Königsberger Symphonieorchester organisiert, die auf eine durchaus positive Resonanz gestoßen sind. Wir planen für Anfang März einen großen runden Tisch in Rauschen, zu dem wir die Besitzer aller Restaurants und Hotels und auch den im vergangenen Jahr gegründeten Unternehmerverband einladen werden, um gemeinsam ein Kulturprogramm unter dem Motto "Rauschener Kultursommer" zu planen. Wir sind da recht zuversichtlich, daß wir ein gutes Programm zustande bringen werden.

Planen Sie auch Auftritte ausländischer Künstler?

Das würden wir sehr gerne, aber da taucht dann doch die Frage der Finanzierung auf. Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn in absehbarer Zukunft vor allem auch Musik- oder Tanzgruppen einmal an unserem Kultursommer teilnehmen werden, aber im Moment sehen wir keine Möglichkeit, so etwas zu finanzieren. Doch auch da bin ich zuversichtlich, daß dies einmal klappen wird. Sollten natürlich Gruppen aus Deutschland hierherkommen und vielleicht im Rahmen ihres Urlaubs oder einer Kulturreise bei uns auftreten wollen, so sind wir gerne bereit, dieses entsprechend zu organisieren. Aber ansonsten fehlen uns derzeit noch die richtigen Sponsoren.

Herr Tichonow, wie bringen Sie das eigentlich alles zeitlich unter einen Hut?

Zunächst können alle Mitglieder, die wollen, und die, die es zeitlich und räumlich schaffen (wir haben nämlich auch schon vier Mitglieder, die in Deutschland wohnen), an unserem monatlichen Clubtreffen in unserem Büro teilnehmen. Während der Sommerferien finden diese Treffen wöchentlich statt. Bei diesen Treffen besprechen wir unsere Aktivitäten, die Aufnahme neuer Mitglieder und auch die allgemeine Situation in unserer Stadt. Dort werden dann auch die Arbeiten aufgeteilt. Zum anderen haben wir das Glück, daß unser Verein einen ehrenamtlichen Geschäftsführer hat, der sämtliche Arbeiten und Aktivitäten unserer Gemeinschaft koordiniert. Ich kann sagen, daß es uns vor allem gelungen ist, die vielfältigen Aufgaben auf viele Schultern zu verlagern. Das ist es auch, was uns ständig neu motiviert, weiterzumachen und vielleicht auch die ein oder andere neue Aufgabe anzugehen.

Was ist darunter zu verstehen?

Nun, wir sprachen eingangs schon darüber, daß es hier bei uns vielerlei Probleme gibt, die von der derzeitigen Administration nur schleppend oder gar nicht angegangen werden. Wir bekennen uns dazu, daß wir etwas zum Wohle der hier lebenden Menschen verändern wollen. Dies geht natürlich nicht immer, wenn man nur außerhalb der gewählten politischen Gremien steht. Wir haben hier nicht ein politisches Parteiensystem wie Sie in Deutschland. Dies hat seine Nachteile, aber es bietet auch Vorteile. Einen dieser Vorteile wollen wir in diesem Jahr nutzen. Wir beabsichtigen, uns in diesem Jahr aktiv an den Kommunalwahlen in Rauschen zu beteiligen. Wir wollen natürlich nicht den Bürgermeister stellen. Aber wir können uns durchaus vorstellen, mit einigen Mitgliedern in den Stadtrat einzuziehen.

Was für Ziele verfolgen Sie damit?

Wir haben noch kein Wahlprogramm, wenn Sie dies meinen, aber wir wollen uns vor allem für die sozialen Belange unserer Bürger einsetzen. Aber auch der Kulturbereich soll in unserem Bestreben nicht zu kurz kommen. Und nicht zuletzt wollen wir uns dafür einsetzen – Nomen est omen –, daß wir als Rauschener und Georgenswalder vielleicht irgendwann in naher Zukunft eine kleine Partnerstadt in Deutschland finden. Ich darf vielleicht noch das folgende anmerken: Wer bei uns mitmachen will, kann gerne Mitglied werden. Alle Mitglieder erhalten mindestens einmal jährlich unseren Jahresbericht und sind auch zu allen Aktivitäten eingeladen.

Herr Tichonow, wir danken Ihnen für das Gespräch. BI