20.10.2021

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12.02.00 Die ostpreußische Familie extra

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 12. Februar 2000


Die ostpreußische Familie extra
Lewe Landslied,

"Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus" ist bekanntlich ein altes deutsches Sprichwort. Wir haben in unserer Familienspalte recht kräftig gerufen – also aufgerufen, Fragen und Wünsche zu erfüllen –, und ebenso kräftig schallte es zurück. Das Echo kann sich hören, vielmehr lesen lassen.

Zuerste möchte ich mich bei allen Leserinnen und Lesern bedanken, die mir helfen, das alte "Gebets- und Erbauungsbuch" in die richtigen Hände zu geben. Zur Erinnerung: Frieda Lukner aus Orlando in Florida übersandte mir dieses 900 Seiten starke, wertvolle Gebetsbuch mit dem festen Vertrauen, die Ostpreußische Familie werde es schon richten. Die Schwierigkeit liegt darin, daß die in dem etwa 150 Jahre alten, kostbar illustrierten Buch handschriftlich eingetragenen Personen- und Ortsnamen nichts mit Ostpreußen zu tun haben. Und so ist es denn auch, denn die Zuschriften ergaben, daß sich die gesuchten Orte in Süddeutschland befinden: Gutenstein liegt an der Bahnstrecke Ulm–Tuttlingen und ist heute ein Stadtteil von Sigmaringen – das frühere Kirchdorf Randegg, dicht an der Schweizer Grenze gelegen, gehört jetzt zu Gottmadingen im Kreis Konstanz. So bestätigen sich meine Vermutungen, da sich in dem Buch auch ein Kommunionsblatt der St. Stefanskirche in Kontanz befand, deren Anschrift mir Elisabeth Krahn mitteilte. Allen Einsendern herzlichen Dank, besonders Rainer Claaßen, der in einem alten Orts- und Bahnhofsverzeichnis nachgeschlagen hat, und Ernst Vogelsang, der mir eine sehr instruktive E-Mail zusandte, die auch die Anschriften der betreffenden Pfarrämter enthält. Herr Vogelsang wies dazu auf die heutigen Träger der angegebenen Personennamen hin. Aufgrund dieser sehr präzisen Unterlagen kann ich nun weiterforschen, und in Kürze dürfte klar sein, wohin das kostbare Stück wandert. Ist es nicht wunderbar, wie unsere Familie hilft, solch ein ausgefallenes Puzzlespiel zusammenzusetzen?

Das hat sie auch für Christel Mehlis getan. Die Ostpreußin mit dem Mädchennamen Schlick aus Kuttenhof im Kreis Tilsit-Ragnit hatte, ehe sie sich an uns wandte, trotz emsigen Suchens noch nie Nachbarn aus ihrem Heimatort gefunden. "Ich lebe in der Erinnerung und sehne mich nach Menschen aus meiner Heimat", schrieb sie im Oktober. Nun wurde ihre Sehnsucht erfüllt, aber das soll sie selber schildern: "Schon am Tag nach dem Erscheinen meiner Bitte hatte ich den ersten Anruf von unserer jüngsten Nachbarstochter von zu Hause, und so ging es weiter. Viele Namen tauchten auf, die ich gar nicht mehr wußte. Es gab Tränen der Freude, aber auch der Trauer, denn alles, was wir als Kinder und Heranwachsende so liebten, ist nicht mehr. Doch nun wollen wir uns persönlich auch mal sehen, vor allem beim Ostpreußentreffen zu Pfingsten in Leipzig. Ein Wiedersehen nach 56 Jahren! Ihnen dafür großen Dank."

Für Ingrid Schulski ging es um den Geburtsort ihres Schwiegervaters, Esseruppen (Eszeruppa) im Kreis Pillkallen, den sie in keinem Ortsverzeichnis finden konnte. Nun kann sie ihn einordnen, denn gleich nach der Veröffentlichung kamen die ersten Zuschriften von Landsleuten, die ihr über den Ort und die damaligen Familien berichteten. Auch sie sagt herzlichen Dank.

Ebenfalls hatte die Bitte von Alma Weimann eine gute Resonanz. Sie sprach über unsere Ostpreußische Familie ehemalige Leidensgefährtinnen aus russischen Lagern an, da sie doch ein gut erhaltenes Foto aus dem Lager Rewda besitzt. "Leider weiß man so wenig von unserm Weg damals 1945, der uns in den Ural führte. Was könnte man darüber nur unserer Jugend erzählen", schreibt Frau Weimann. Aber sie freut sich sehr, daß es mit der Veröffentlichung ihrer Bitte so geklappt hat.

Unser Neidenburger Landsmann Wilhelm Matrisch, der für seine Enkelin das Leben auf den Gütern und Höfen seiner Heimat aufzeichnet, fragte nach Unterlagen über die Landfrauenschule in Königsberg-Mitgethen. Ich selber konnte ihm schon einige Informationen zusenden, aber den weitaus größeren Teil besorgte dann unsere Familie. Nun ergibt sich für Herrn Matrisch ein getreues Bild des Schulbetriebes, und er ist erstaunt über die Anzahl der theoretischen und praktischen Fächer, in denen die jungen Mädchen ausgebildet wurden. "Die Schule muß über die Grenzen Ostpreußens hinaus einen guten Ruf gehabt haben", meint Herr Matrisch. Hatte sie auch!

Viele Zuschriften erhielt Johanna Gröning auf ihre Frage nach dem Verbleib der UNITAS, dem als Flüchtlingsschiff eingesetzten Walfang-Mutterschiff, mit dem Anfang April 1945 die Königsbergerin von Hela nach Rügen kam. Eine endgültige Antwort war nicht darunter, aber ein Leser konnte immerhin einen Hinweis geben. Karl Steinert war auch auf dem Schiff, geriet dann im Mai in englische Gefangenschaft. Im Lager hätte er gehört, daß das Endziel der UNITAS England gewesen sei, wo sie verschrottet werden sollte. Vielleicht meldet sich jetzt noch jemand, der es genauer weiß – meint Frau Gröning. Auf der Suche nach ihrem Sohn Paul Gröning, den sie in Königsberg zurücklassen mußte, hat sich leider nichts ergeben, aber immerhin hat sie jetzt nach 54 Jahren erfahren, daß ihr gefallener Mann auf dem Sammelfriedhof Sologubowska bei St. Petersburg zur letzten Ruhe gebettet wurde. Wenigstens diese Ungewißheit ist ihr von der Seele genommen.

Nur eine Antwort hat Ilsabe Streng auf ihre im Juni vergangenen Jahres veröffentlichte Bitte nach ihrer Großtante, der Schneidermeisterin Henriette Hilpert aus Gerwischkehmen, erhalten. Daß sie mehr über diese "Tante Jettchen" wissen wollte, hatte seinen Grund: Als Frau Strengs Tochter heiratete, stellte das Brautpaar fest, daß diese Henriette Hilpert ihre gemeinsame Urgroßtante war. Aus der Antwort aus Hamburg-Bergedorf ergaben sich immerhin weitere Anhaltspunkte.

Im Oktober suchte Erich Czub über unsere Familie seinen ehemaligen Kriegskameraden Heinz Platzek aus Niederhorst im Kreis Lyck. Dieser hatte im Juni 1944 in Lomscha einem alten Mann dadurch das Leben gerettet, daß er durch seine Kenntnisse der polnischen Sprache klären konnte, daß der alte Pole kein Partisan war. Es hat Herrn Czub besonders gefreut, daß er aufgrund der Veröffentlichung Ablichtungen des Soldbuches eines "mitgedienten" Kameraden erhielt. Doch der gesuchte Heinz Platzek ist nicht aufzufinden. Herr Czub hat erfahren, daß er auf gewaltsame Weise umgekommen sein soll. Da Heinz Platzek sich im Familienkreis in der DDR nicht wohl fühlte, soll er Ende der 40er Jahre nach Köln geflohen sein. Er hatte als vorehelich Geborener nur Halbgeschwister, aber auch diese hatten von da an keinen Kontakt mehr zu ihm. "Durch die Veröffentlichung in der Ostpreußischen Familie hat die Geschichte ein großes Stück Fundament erhalten", schreibt Herr Czub.

Auch wenn kleine Wünsche sich erfüllen, kann das Freude bringen. So wie bei Dorothea Zielenbach, die das Lied "Es wollt ein Mann in seine Heimat reisen" suchte. Sie hat viele Zuschriften bekommen, und sobald es ihre Zeit zuläßt, wird sie sich bei allen Einsendern bedanken. Kurz vor Weihnachten verstarb leider ihre 80jährige Mutter. – Und Gertrud Greger hat sich ebenfalls gefreut, daß sie das von ihr gesuchte Gedicht "Die Mutter ist das größte Glück auf Erden" erhalten hat.

Na, und dann das Gedicht "Was ist meine Heimat?", das Elsbeth Dardat suchte. Erminia von Olfers-Batocki (ich hatte es in meiner Erminia-Mappe vergeblich gesucht) hat es in den 20er Jahren geschrieben. Ihre Tochter Hedwig von Lölhöffel stellte es nach dem Verlust der ersten Form aus verschiedenen Fassungen zusammen, denn die Dichterin hatte nach der Vertreibung einige Verse geändert und noch weitere unterschiedliche hinzugefügt. Frau Dardat erhielt alle Varianten und konnte mit ihren Freundinnen die Fassung zusammenstellen, die sie einmal in der Königsberger Luther-Schule gelernt hatte. Sie war über die rege Teilnahme sehr erstaunt: "Gibt es denn einen besseren Beweis für die Liebe zu unserer schönen Heimat?" Ein Leser schrieb, daß seine 90jährige Mutter nach dem Lesen des Suchwunsches zu ihm kam und ihn daran erinnerte, daß sie ihm das Gedicht mal gegeben hatte. Es stand dann auch auf einem vergilbten Blatt und wurde nun für Frau Dardat abgeschrieben. Das ist eben typisch Ostpreußische Familie!

Ein freudiger Anruf kam von Dr. Hellmuth Hecker, der die Biographie seines Schwiegervaters Paul Brock erstellt: "Sie hatten recht, als Sie mir rieten, über die Ostpreußische Familie nach Büchern und Veröffentlichungen des Dichters zu suchen. Es hat geklappt!" Herr Dr. Hecker hat die von ihm gesuchten Bücher sowie andere Veröffentlichungen erhalten. Er sagt Dank, und ich schließe mich dem an. – Auch Heinz Schwenk kam in den Besitz des von ihm gesuchten Buches "Klops und Glumse" mit Beiträgen von Robert Johannes und Marion Lindt. Er freut sich sehr und übersendet als Dank eine sehr ansehnliche Treuespende, für die ich im Namen der Landsmannschaft herzlich danke.

Selbst aus Kanada kam ein solcher Treuebeweis, und zwar von Theresia Madsen. Sie wurde als "Thea" Michalski in Ortelsburg geboren, und weil ihre Großmutter aus der ostpreußischen Linie derer von Knobelsdorff stammt, war ihr sehr an dem Stammbaum gelegen, den uns Herr Krakor überlassen hatte. Er meinte, daß sich sicher Genealogen für den bis 1336 zurückgehenden vollständigen Stammbaum interessieren würden. Nicht nur die, wie Frau Madsen beweist, die immer bedauert hatte, daß der Familiennachweis im Ersten Weltkrieg in der berühmten Schlacht bei Sauerbaum vernichtet worden war. Und auch Hildegard Herder konnte ich eine Kopie zustellen. Ihre Großmutter Franziska von Knobelsdorf verstarb leider sehr jung, so hatte Frau Herder nur vage Angaben.

Und nun komme ich noch einmal auf eine Geschichte zurück, die viele Leserinnen und Leser bewegt hat. Es ist die von dem kleinen Mantas aus Russ, dem vor zwei Jahren durch eine außergewöhnlich schwierige Operation im Unterleib eine lebenswerte Kindheit geschenkt wurde. Das war im Herbst 1997 nicht vorauszusehen, denn der Zustand des Jungen war, als er nach Kiel kam, sehr, sehr schlecht. Die Operation sowie Vor- und Nachbehandlungen wurden durch viele deutsche Spenden ermöglicht. Jetzt teilt uns Herr Dr. D. Arntzen, der damals die Weichen stellte und auch an uns herantrat, mit, daß es dem fünfjährigen Lorbaß, wie Mantas genannt wird, gut geht. Er ist ein fröhliches Kind, wie seine Urgroßmutter, die Memelländerin Ursula Jakumeit, schreibt. Mantas wird, wenn alles glatt läuft, im Sommer oder Herbst zur zweiten Nachuntersuchung nach Kiel kommen und dann alle zwei Jahre bis kurz vor seiner Pubertät. Dann wird Herr Professor Stöckle eine sehr diffizile, aber ungefährliche Operation vornehmen. Und die Kosten? Auf das Spendenkonto waren über 40 000 DM eingegangen, der derzeitige Kontostand ist etwas über 19 000 DM. Das klingt viel, ist aber für die noch erwarteten fünf Reisen Russ–Kiel und die Krankenhauskosten sicher nicht ausreichend. Aber weitere Spenden werden sicher helfen, daß der kleine Mantas, der schon soviel Schweres durchgemacht hat, in ein weitgehend normales Leben hineinwachsen kann.

Eure Ruth Geede