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19.02.00 Mittelalterlicher Salzweg führt Grenzorte zusammen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Februar 2000


Böhmisch-bayerische Begegnungen:Spuren am "Goldenen Steig"
Mittelalterlicher Salzweg führt Grenzorte zusammen

Von Inge Steinsträßer (KK)

Auf vielen Wegen kann man heute den Böhmerwald wieder kreuz und quer durchstreifen, von Bayern nach Böhmen, von Böhmen nach Österreich, ein vortreffliches Wandergebiet mit riesigen zusammenhängenden Waldflächen, wie wir sie in unseren Breiten kaum noch finden.

"Sumava" nennen die Tschechen in einem wunderschönen, treffenden Sprachbild den Wald – der "Rauschende". Dieser Wald hütet so manches Geheimnis und manche verlorengegangene gemeinsame Geschichte. Der "Goldene Steig" als wichtigster und meistbegangener mittelalterlicher Saumweg zwischen Bayern und Böhmen ist ein bemerkenswertes Beispiel dafür.

Jahrhundertelang hingen die Geschicke der gesamten Region eng mit der Geschichte dieser alten Verkehrsader zusammen. Unglaubliche Mengen von Salz und anderen Waren gelangten über den "Goldenen Steig" ins salzlose Böhmen.

Das Salz kam aus den Reichenhaller Salzsolen, später aus den Salinen des Salzburger Erzbischofs in Hal-lein und Schellenberg. Verladen wurde es in der Passauer Ilzstadt, ehe die kostbare Fracht auf dem beschwerlichen Weg übers Gebirge gebracht wurde mit dem Zielort Prachatitz (Prachatice) jenseits des Böhmerwaldes. Hier wurde das Salz aufgespeichert und ins Landesinnere verkauft.

Um 1400 wurden in Passau jährlich fast 80 000 Zentner Salz umgesetzt, in der Mitte des 16. Jahrhunderts, zur Blütezeit des Handels, waren es sogar 300 000 Zentner. Hunderte von kleinen Rössern, den Haflingern ähnlich, transportierten das Salz in Kufen. Eine Kufe wog anderthalb Zentner, also eine halbe Pferdelast.

Gesäumt wurde vor allem im Winter bei zugefrorenen und leichter passierbaren Wegen. Die Säumer arbeiteten entweder für die reichen Handelsherren in Prachatitz und Passau oder auf eigene Rechnung.

Außer Salz wurden Südwaren, Wein, Tücher, Spezereien und anderes kostbares "Gesäum" nach Böhmen gebracht, während die Rückfracht vor allem aus Getreide, Malz, Bier und dem beliebten Prachatitzer Kornbranntwein bestand. Es bildeten sich "Zechen" oder "Bruderschaften", von deren Wirken in den Hauptsäumerorten wie Waldkirchen oder Wallern (Valory) heute noch Spuren zu finden sind.

Neben dem Hauptweg nach Prachatitz gewannen zwei Nebenwege an Bedeutung, einer führte nach Winterberg (Vimperk), etwa entlang der Trasse der heutigen B 12 von Philippsreuth nach Tschechien, der andere durch die weiten Lusenwälder nach Bergreichenstein (Kasperské Hory).

Der Niedergang des "Goldenen Steiges" begann mit der habsburgischen Herrschaft in Böhmen (1526). Das Salz lief nun auf dem viel kürzeren Wege aus Gmunden im kaiserlichen Salzkammergut über Linz nach Böhmen. Der bayerische Transportweg verlor an Bedeutung. Die Salzlege wurde schließlich 1706 von Prachatitz nach Krummau (C. Krumlov) in Südböhmen verlegt.

Bereits im Dreißigjährigen Krieg war der Handel fast zum Erliegen gekommen. Der Steig verfiel, war schließlich weder begeh- noch befahrbar und lebte nur noch in der Erinnerung der Flurnamen wie Salzweg, Schiefweg oder Straßkirchen.

Mit der Vertreibung der Deutschen wurde ein weiterer tiefer Einschnitt in die Geschichte des Böhmerwaldes vorgenommen. Die meist deutsch besiedelten ehemaligen Säumerorte auf böhmischer Seite waren ihrer Bevölkerung beraubt, standen jahrzehntelang leer und verfielen wie Wallern mit seinen alpenländisch anmutenden Holzhäusern.

Kurz nach der Wende im Jahre 1990 begannen erste zaghafte Versuche der Annäherung. Beim historischen Säumerfest im bayerischen Grainet spielte erstmals eine böhmische Musik auf, mit Musikanten aus Kuschwarda (Strázny). 1991 bekundete die Stadt Prachatitz Interesse am Säumerfest. Auch hier hatte man sich alter Traditionen besonnen und 1990 ein "Goldener-Steig-Fest" aus der Taufe gehoben, zunächst jedoch nur mit tschechischen Akteuren.

In Grainet gründete sich 1993 ein historischer Säumerverein, der die Tradition des "Goldenen Steiges" pflegt. 1999, zum "Jahr des Salzes" in Bayern, zog dieser erstmals mit Roß und Reitern, mit Säumern und Planwagen den historischen Weg (33 km) über Böhmisch-Röhren (Ceske Ziebry), Wallern nach Prachatitz.

Auf dem Hauptplatz der alten Renaissance-Stadt Prachatitz wurden er vom Bürgermeister und einer großen Besucherschar des "Goldener-Steig-Festes" begeistert empfangen. Bereits 1996 kam es zur Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages zwischen den vier Gemeinden Prachatitz und Wallern auf der böhmischen Seite sowie Waldkirchen und Grainet auf der bayerischen. Mittlerweile ist auch eine Arbeitsgruppe "Goldener Steig" ins Leben Planwagen und Wanderergerufen worden, der sich die Säumerorte hüben und drüben angeschlossen haben. Geplant sind grenzüberschreitende Aktionen der Tourismusämter, Wiederherrichtung des Steigs als Europa-Wanderweg, zweisprachige Info-Tafeln und wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Erforschung des alten Verkehrsweges.Die offizielle deutsch-tschechische Politik gestaltet sich schwierig. Vielleicht führen solche unmittelbaren menschlichen Begegnungen viel wirkungsvoller dazu, die Gräben der Vergangenheit zu überbrücken.