28.10.2021

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19.02.00 Paul Brock: Das Zauberbild

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Februar 2000


Paul Brock: Das Zauberbild

Am Martinstag bind den Kahn fest", so hieß es in jedem Jahr für die Schiffer rund um das Kurische Haff. Der 11. November war so was wie ein Stichtag, da nahmen Gustchen und Fridchen und Role ihre Pungel und zogen auf eine neue Stelle zu einem anderen Bauern, da suchten die Schiffer ihre Heimathäfen auf, denn der Winter stand vor der Tür und jeder mußte wissen, wo er hingehörte.

Aber das war nun so: Der Winter bei uns zu Hause richtete sich nicht immer nach dem Kalender. Ich erinnere mich an ein Jahr, da brach der Frost so früh und unerwartet über Haff und Flüsse ins Land, daß es vielen Schiffern nicht mehr gelang, nach Hause zu kommen, nach Schmalleningken oder Trappönen oder nach Russ, und daß sie irgendwo hängenblieben, wo sie gar nicht bleiben wollten.

Na, in dem Jahr, von dem ich erzählen will, da hatte der Schiffer Rosfeld bei der Zellstoff-Fabrik in Tilsit ganz gemütlich eine Ladung Kohlen gelöscht. Der Kranführer war noch dabei, die letzte Tonne aus dem Laderaum zu heben und auf die Halde zu bringen – da kam der Martin, der Sohn des Schif-fers, angerannt und schwenk- te die Arme: "Der Strom hat Grundeis, randvoll!" Der Alte machte sich in Windeseile landfein und lief, was er nur laufen konnte, in Richtung Stadt. Da, am Bollwerk nahe der Luisenbrücke, lagen noch zwei Raddampfer, die gerade dabei waren abzulegen.

"Röske, hast noch Kohlen genug? Sollst uns nach Hause schleppen!" rief der Rosfeld dem Kaptein zu. Der zierte sich ein bißchen, ehe er sagte: "Auf deine Verantwortung!" und dampfte zur Zellstoff und gab die Trosse über. Der Martin, blonder Schopf über braunem, schmalem Gesicht, atmete auf: Weihnachten also zu Hause und nicht irgendwo in einer fremden Stadt. Damit wir uns recht verstehen: Der Martin hatte im allgemeinen und im besonderen nichts gegen fremde Städte, im Gegenteil – er war genau der Typ, den die Mädchen gut leiden konnten, und einem heimatlosen Schiffer mußte man ja wohl auch ein wenig entgegenkommen ... So traf den Martin eine Zwangspause nicht allzu hart. Aber diesmal war es was anderes, was ihn nach Hause zog mit aller Macht: Der Magnet hieß Lotte, und sie war in dem gleichen Dorf an der Memel zu Hause wie er. Obwohl sie die Tochter eines Seßhaften und er der Sohn eines Fahrenden – oder vielleicht gerade deshalb –, hatte der berühmte Funke im letzten Frühling bei den beiden jungen Leuten gezündet, und der Martin hatte während des ganzen Sommers und Herbstes den blonden, braunen und schwarzhaarigen Sirenen der Hafenstädte wenig abgewinnen können – immer stand das Bild der Lotte vor Augen mit ihren lustigen blauen Augen, dem straff gescheitelten weißblonden Haar, mit ihrem schnellen Witz, der so gar nicht in die etwas schwermütige Landschaft am Strom passen wollte, mit ihren flinken Bewegungen – kurzum, der Martin hatte zum erstenmal in seinem leichtsinnigen Leben Feuer gefangen und hätte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu seiner Lotte zu kommen.

So konnte es ihm auch jetzt gar nicht schnell genug gehen, und als sich herausstellte, daß Röskes "Wischwill" allein es nicht schaffen würde, den Kahn zu ziehen, legte er sich mächtig ins Zeug und verhandelte so temperamentvoll mit dem Eigner der "Byruta", daß der schneller als erwartet nachgab und sich mit seinem Dampfer vor die "Wischwill" legte, bis endlich die beiden Raddampfer mit dem Kahn im Schlepp abrauschten, daß dem Alten am Steuer Hören und Sehen verging. Das Grundeis grummelte und rauschte an den Borden entlang. Dann wurde der Wind zum Sturm, der graue Himmel sandte Zentnermassen von Schnee zur Erde nieder, und der Alte ließ die Segel setzen. Sie hatten jedenfalls alle schön zu tun und kamen nicht auf dumme Gedanken. Vom Land her beobachteten die Menschen die wilde Jagd auf dem Strom. In Obereißeln kletterte das junge Volk auf den Bismarckturm, um den Zug besser beobachten zu können, und die Bauern in Sokaiten und Baltupönen bevölkerten ihre Dachböden, um von den Luken aus das Schauspiel genüßlich zu beobachten.

Schließlich kam die Kavalkade doch nach Hause, und halb Trappönen war am Strom, als die drei im Schneesturm endlich in Sicht kamen. Und der Martin war zu nichts mehr zu gebrauchen, dieser Lachudder peilte nur zum Ufer hin, wo die Lotte zwischen den anderen stand, das blonde Haar unter einem roten Kopftuch verborgen, zitternd vor Erwartung, bis der Martin endlich, endlich sich den Weg durch die wartende Menge bahnte, sie um die Schultern faßte und stammelte: "Nu bin ich da." "Das seh ich", sagte sie. "Willst mich noch?" fragte er. "Ja", sagte sie. Damit war alles klar zwischen den beiden.

Natürlich wußte die Lotte – sie war ja nicht dumm –, daß der Martin es ganz schön hinter den Ohren hatte und daß er bei dem unruhigen Leben der Schiffer auch in der Ehe manchen Gefahren ausgesetzt sein würde, und sie hatte die Worte der alten, weisen Tanten im Ohr, die sagten, ein Pflaumenbaum könne keine Äpfel tragen und einen Wolf ließe man nicht bei den Lämmern weiden. Und trotz allem hielt sie ihre Liebe zu Martin wie einen Schirm über sich, so daß alles Gerede daran ablief wie das Wasser von den Dächern.

Es wurde eine prächtige Hochzeit, deren Glanz noch lange die Gemüter bewegte. Der Martin wich nicht von Lottes Seite, er schien auch den Schiffern, die im Winterquartier lagen, so solide geworden wie alle Seßhaften, für die sie eine heimliche Verachtung hegten. Würde er vielleicht ganz an Land bleiben? Aber nein, das wär der Lotte auch nicht recht gewesen, sie mochte es ja gerade an ihm, daß er beim ersten Tauwind schon die Nase in die Luft streckte und schnupperte und die Augen zusammenkniff, wie es alle Seeleute tun, daß er nicht still am Ofen sitzen konnte, wenn der Strom unter der Last der treibenden Eisschollen ächzte und stöhnte wie ein Tier. Nein, einen Stubenhocker hatte sie nicht geheiratet, lieber nahm sie das Warten und die Sorge um den Mann in Kauf.

Ob er ihr treu bleiben würde? Da war die Lotte nicht ganz so sicher, und das Wort von dem Wolf und den Lämmern ging ihr so manches Mal im Kopf herum, als sie spürte, wie ihr Martin unruhig wurde und gelegentlich schon mal den jungen Marjellchen nachschaute, die sich nach und nach aus den winterlichen Vermummungen schälten und in leichterer, bunter Kleidung über die Straße flanierten.

Und dann kam eines Tages ein fremdes Fräulein, die Nichte des Försters, zu Besuch in das Dorf. Die Männer blieben stehen, wenn sie in viel zu zierlichen Schuhen mit hohen Absätzen über die Dorfstraße wippte, und auch der Martin stand mit einem Mal länger vor dem Spiegel als gewöhnlich, kramte das gelbgemusterte Halstuch hervor, das er von einer Reise mitgebracht hatte, und ging mit wiegenden Schritten zum Gasthof hinüber, als er den roten Man- tel der fremden Schönen mit dem dunklen Lockenkopf vorüberhuschen sah. Die Lotte hatte gleich begriffen, daß hier der alte Tunichtgut erwacht war, das Mannsbild, das trotz aller guten Vorsätze nicht gewillt war, der männlichen Konkurrenz kampflos das Feld zu räumen angesichts der Tatsache, daß die appetitliche junge Dame bereits damit begonnen hatte, ihm schöne Augen zu machen und ihn anzustrahlen. Da gab es nur eins für die Lotte: eine kleine Fahrt zu Großchen in die Stadt. Die alte Frau, selbst früher einmal eine begehrte Schönheit, hatte sich in ihrem langen Leben einiges an Lebensklugheit angeeignet, und sie wußte bestimmt Rat. Der Martin tat etwas erstaunt, als die Lotte ihm mitteilte, sie müsse für einen Tag fort. Aber in seinen Augenwinkeln lag ein Schimmer von Vorfreude auf ein paar freie Stunden, so schien es ihr.

Nun, die Lotte fuhr an einem strahlenden Vorfrühlingstag los und kehrte am nächsten Vormittag zurück. Aus ihrem Köfferchen holte sie ein Bild. Der Martin kam eilfertig mit Hammer und Nagel, und gemeinsam befestigten sie das Porträt einer blonden, strahlenden Frau an der Wand. "Das ist Großchen, als sie jung war", meinte die Lotte leichthin. "Ein hübsches Mädchen", sagte der Martin und pfiff anerkennend durch die Zähne. "Beinah so hübsch wie du." "Du, Martin, glaubst an Zauber?" fragte die Lotte später beim Essen. "Zauber? Kann sein, kann auch nicht sein," meinte der junge Ehemann. "Ja, weißt du, die Großchen wollte mir das Bild erst gar nicht geben. Und dann hat sie mir erzählt warum: Es soll ein Zauber drin sein. Nämlich wenn der Großvater – der war auch so ein Lachudder wie du –, wenn der also mal einem Mädchen schöne Augen gemacht hatte ... na du weißt schon, wenn er mal wieder auf der Fährte war – dann hat sich das Bild wie mit einem Zauberschlag verwandelt, und aus Großchens jungem Gesicht wurde ein ganz altes Gesicht ... Und sie erzählte mir, wenn er mal kein ganz reines Gewissen hatte, dann hat er nur zu dem Bild aufgesehen, ob der Zauber gewirkt hatte oder nicht. Und – sie hatten eine sehr glückliche Ehe, die beiden. Nun hat sie mir das Bild geschenkt – sie brauche es ja nun nicht mehr, so meinte sie. Ich brauch es ja eigentlich auch nicht, aber ich freu mich doch drüber." "Ich auch", meinte der Martin leise. Aber seine Stimme klang etwas gepreßt, als habe er sich eben verschluckt.

Na, was soll ich noch viel erzählen – der Frühling kam mit Macht, der Martin arbeitete wie ein Besessener auf dem Kahn, der bald wieder auslaufen sollte. Und wenn die kleine Fremde in ihrem roten Mantel in der Nähe des Stromes auftauchte, hatte der Martin keine Zeit zum Plachandern, er werkelte und klopfte und schaffte, daß jeder – und jede – sehen mußte: Er war ein vielbeschäftigter Mann!

Die Lotte ging derweil zu Hause an die alte Kommode, drehte einen zierlichen Messingschlüssel im Schloß herum und nahm ein Bild unter der gestapelten Wäsche hervor: das Porträt einer alten Frau, die einst sehr hübsch gewesen sein mußte, in der gleichen Bluse mit dem Spitzenkragen wie auf dem Bild an der Wand, mit dem gleichen Ausdruck im Gesicht, der gleichen hochgetürmten Frisur.

Die Augen der jungen Frau wanderten hin und her zwischen den beiden Bildern. Dann legte sie das Altersporträt wieder sorgfältig zwischen die duftende Leinenwäsche, sperrte die Lade zu und verwahrte den Schlüssel in der dunklen Kammer auf einem Balken. "Ist doch ein Zauber drin, Großchen", sagte sie leise zu sich selbst und stieg die Treppe hinab in die Küche, um frisches Brot anzuteigen für den Vater und den Martin. Sie stieß das kleine Fenster auf. Die Luft roch nach Frühling. Zeit für die Fahrensleute, die Kähne flottzumachen zur ersten Fahrt.

Zieh man hinaus in die Welt, Martin, dachte sie. Du kommst doch zu mir zurück. Du wirst immer zurückkommen – ob mit dem Zauber der Großchen oder nicht. Lächelnd deckte sie den Tisch. Der Martin mußte gleich kommen, und es gab sein Leibgericht: graue Erbsen mit Speck.