28.10.2021

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19.02.00 Flucht 1945:Nichts als Stille

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 19. Februar 2000


Flucht 1945:Nichts als Stille
Wie ich als Sechsjähriger den Untergang Ostpreußens erlebte (Teil IV)

Von Alfred Nehrenheim

Der Flüchtlingsstau hier war riesig. Menschen lagen auf den Straßen mit heraushängenden Verdauungstrakten. Waren sie schon erlöst, oder kämpften sie noch den sinnlosen Kampf ums Leben? Kein Trinkwasser. Keine Versorgung. Kein Essen. Nur noch die Angst: nur nicht auffallen und wieder zurück nach Ostpreußen. Irgendwie haben wir es geschafft. Die Oder in ihrer ganzen Breite hier in Stettin lag hinter uns. Nur nicht anhalten. Jede Möglichkeit nutzen und immer weiter gen Westen. In Scheune bot sich uns eine unverhoffte Chance zum Weiterkommen.

Auf dem Bahnhof, der mit kranken Menschen überfüllt war, denen niemand helfen konnte und auch teilweise nicht helfen wollte, warteten wir mit vielen anderen Flüchtlingen auf ein Wunder. Morgens gingen wir etwas abseits, um unseren Durst mit dem Tau der Pflanzen zu stillen. An etwas Eßbares zu denken war schon eine Gotteslästerung.

Jedoch das Wunder kam. In Gestalt eines Güterzuges, der ohne anzuhalten durch den Bahnhof Richtung Westen fuhr. Nur wer sofort startbereit und auch noch kräftig genug war, um auf den fahrenden Zug aufzuspringen, der hatte eine der wenigen Chancen genutzt, diese Todesstätte dort in Scheune zu verlassen. Meine Angst war fürchterlich. Zuerst schubsten meine Mutter und mein Bruder mich auf den Zug. Beide liefen nochmals zurück, um ein paar Pungels zu greifen, in denen unsere Utensilien verstaut waren, die uns die Polen bisher noch nicht abgenommen hatten. Mein Bruder war schnell wieder zurück. Meine Mutter brauchte ein wenig mehr Zeit. Der Zug jedoch nahm darauf keine Rücksicht, er fuhr mit gleicher Geschwindigkeit aus dem Bahnhof.

Was machen? Wieder aus dem Zug springen? Oder schaffte Mutter es noch? Ich glaube, meine verzweifelten Rufe: "Muttichen! Muttichen!" haben die letzten Kraftreserven des ausgebrannten Mutterkörpers mobilisiert. Eine Hand bekam mein Bruder zu fassen – und er ließ nicht mehr los. Halb vor der Luke schwebend, halb auf den nackten Bohlen des Wagens sich festklammernd, so fuhr sie eine ganze Zeit mit dem schneller werdenden Zug. Endlich, ein großer Ruck und dann lag auch sie, ganz ausgebreitet auf dem Rücken liegend, neben uns auf dem Boden des Viehwaggons. Der ausgezehrte Körper brauchte lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Aber das war zu überstehen. Aneinandergekuschelt freuten wir uns, daß wir diese Chance hatten wahrnehmen können, auch wenn die Anstrengung dazu sehr groß war.

Rattata, rattata, rattata.

Pasewalk, Anklam, Greifswald, Stralsund, Rostock, Kröpelin, dann zu Fuß nach Hornstorf. Am 12. Juni 1945 waren wir in Hornstorf. Die Enttäuschung kann niemand beschreiben. Ganz Hornstorf war ein Auffanglager für Flüchtlinge aus dem Osten. Dieser damalige Grenzort zwischen den beiden Zonen sollte für viele Flüchtlinge den Zwang zur Umkehr beinhalten.

Mehr als die Hälfte des Deutschen Reiches hatten wir unter vielen Strapazen hinter uns gebracht. Einen Sohn und Bruder verloren. Allen schlimmen Krankheiten getrotzt. Nun sollten wir wieder zurück? Freiwillig niemals. Dem Zwang mußten wir eben ausweichen.

Wohin? Natürlich gen Westen.

Der 19. Juni 1945 sollte unser erneuter Fluchttag werden. Mit einigen anderen Ostpreußen, die auch nicht zurück wollten, machten wir uns auf den Weg und zogen am Abend los. Immer in der Dunkelheit, jede Deckung ausnutzend, niemals über Straßen und Wege, sondern immer über Feld und durch dunkle Wälder.

Wismar, die damalige Stadt der Freiheit, war jedoch weit. Wie weit? Wo befand sich die Grenze wirklich? Waren wir schon drüber? Konnte uns der Russe noch erwischen? Ganz gleich, nur weiter, denn wenn der Morgen kam, mußten wir drüben sein. Hätte man uns erwischt, würde man uns sofort auf die Bahn Richtung Osten setzen. Strafen einkalkuliert. Ein riesiges Rapsfeld. Kein Ende abzusehen. Immer und immer wieder mußte einer der kräftigen jungen Männer mit dem Messer das Schlingwerk durchschneiden, damit wir Zwerge dem Gestrüpp entfleuchen konnten. Dazu kam noch, daß wir einige Male einen schlafenden russischen Posten umgehen mußten. Gut, daß es Alkohol auf dieser Welt gibt! Aber irgendwann sind die Kräfte verbraucht. "Falls wir noch nicht im Westen sind, jetzt bleibe ich hier liegen und warte, wenn man uns nicht erwischt, auf den nächsten Abend."

Mein Bruder und ein gleichaltriger Bursche gingen trotzdem weiter, um sich zu orientieren. Still war es urplötzlich, nur in weiter Ferne aus dem herbeigesehnten Westen hörte man so etwas wie Motorengeräusch. Waren das etwa noch Russenfahrzeuge, die die Grenze kontrollierten? Waren es eventuell schon Engländer?

Stille. Nichts.

Wie ein Trompetensignal – das die Mauern einreißt – ein Schrei aus der Richtung zum gelobten Land: "Mutti, wir sind beim Tommy!"

Ein Lastwagenfahrer, den die beiden Burschen angehalten hatten, konnte ihnen die glückliche Nachricht vermitteln, daß wir es geschafft hatten und nun endlich dem russischen Bären entschlüpft waren. Auf dem mit Langholz beladenen Lastwagen konnten wir oben – auf dem Holz zum Teil festgebunden – mitfahren bis Hamburg. Eine kurzzeitige Zwischenstation legten wir in Wismar ein, denn auch in diesen fürchterlichen Zeiten funktionierte die Bürokratie.

Wir bekamen unsere notwendigen Pässe zur Weiterreise. Ausgestellt am 21. Juni 1945. Der geduldige Lastwagenfahrer hatte gewartet. Weiter ging es. Hamburg. Was für ein riesiges Trümmerfeld! Aber auch hier Bürokratie. Über die Elbe nach Westen durften nur solche Männer, die sich verpflichteten, im Bergbau des Ruhrgebietes zu arbeiten. Mein Bruder unterschrieb die Verpflichtung am 10. August 1945. Der Weg nach Oberhausen war frei.

Umgestiegen sind wir zwischen Hamburg und Oberhausen mindestens an 20 Stellen, aber am 13. August 1945 kamen wir in Oberhausen an und wurden von unseren Verwandten herzlich empfangen. Unsere Flucht war beendet. Was kam danach?

*

Hans Nehrenheim wanderte 1956 nach Kanada aus. Er lebt heute bei Toronto, hat einen Sohn, ist Chef einer Firma für elektrische Garagentore.

Charlotte Nehrenheim hat 1955 noch einmal geheiratet. Sie lebte bis zu ihrem Tod am 12. Oktober 1993 in Oberhausen.

Alfred Nehrenheim hat in Oberhausen einen Betrieb für Bergbaumaschinen. Er ist seit 1960 verheiratet, hat eine Tochter. Alfred Nehrenheim arbeitet aktiv für die Landsmannschaft Ostpreußen als Kreisvorsitzender in Oberhausen, als Schatzmeister der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen sowie seit 1998 als LO-Bundesschatzmeister.

(Schluß)