25.10.2021

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26.02.00 Glosse

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. Februar 2000


Glosse

Seit Tagen habe ich Herrn Dr. Leichtglaub nicht mehr gesehen. Wir sind nicht gerade befreundet, aber ich begegnete ihm so oft, daß ich schließlich begann, an seinem Schicksal Anteil zu nehmen. Da er gerne in Ruhe lebt, besitzt er auch kein Telefon, weshalb ich auf den Zufall setzte. Diesmal aber schien Kamerad Zufall zu schmollen. Also mußte ich ihm auf die Sprünge helfen und Dr. Leichtglaub an seinen Lieblingsorten aufspüren.

Zuerst fragte ich im Wiener Café, seiner Stammkneipe, nach, aber der Ober zuckte nur bedauernd die Schultern. Also ging ich die Innsbrucker Straße hinunter, weil dort am Ende ein schönes Restaurant liegt, in dem es die besten Salzburger Nockerln von Berlin gibt. Vergeblich. Der Kellner meinte, er habe sich selbst schon gewundert, daß der Herr Leichtglaub nicht zum Essen gekommen sei. Auch seine Freunde aus Wien, mit denen er nach dem Nockerln-Essen regelmäßig Skat spiele, hätten ihn schon vermißt. Ach, dachte ich mir, weil er sich so gern volkstümlich gibt, dann bleibt ja nur noch die Tiroler Stube. Also mit dem Auto in die Innenstadt, am Grazer Damm vorbei, die Meeraner Straße hinunter und am Bozener Platz in die Stube. Aber seltsam, obwohl die Leuchtschrift über dem Lokal wie immer blinkte, drang kein Zitherspiel oder Gelächter auf die Straße. War schon geschlossen? Etwas beklommen betrat ich das Lokal, wo Leichtglaub sonst sein Wiener Schnitzel einzunehmen pflegte. Totenstille. Das Serviermädchen, das micht wohl erkannt haben mochte, trat leise an mich heran und schluchzte: "Er ist verhungert, der Herr Dr. Leichtglaub." "Wie?" fragte ich bestürzt, "hatte er Geldsorgen?" "Nein", schluchzte sie, "er war immer sehr großzügig, aber eben auch wie sein Name: leichtgläubig. Er betrat seine Lieblingslokale nicht mehr!" "Ach, wegen Haider?" Sie nickte. M. D.