25.10.2021

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26.02.00 Gedanken zur Zeit: Warten auf Dialog

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. Februar 2000


Gedanken zur Zeit: Warten auf Dialog
Gespräch mit der Jugend suchen / Von H.-J. v. Leesen

Im fortgeschrittenen Alter zieht es manchen an die Stätten der Jugend zurück. So erging es elf seriösen Herren der Jahrgänge 1929/1930, als sich zum 50. Male der Tag ihres Abiturs jährte. Sie wollten noch einmal ihre alte Schule besuchen und hatten die Idee, mit Abiturienten des Jahrgangs 2000 zusammenzutreffen. Vielleicht interessiert es sie, so die Überlegung der Grauköpfe, wie vor 50 Jahren das Schülerleben und das Abitur empfunden wurde.

Damit begannen die Schwierigkeiten. Der jetzige Direktor des ehrwürdigen Gymnasiums zuckte zurück, als ihm der Wunsch der Siebzigjährigen vorgetragen wurde. Was, um Gottes willen, man mit den jungen Leuten besprechen wolle? Antwort: Immerhin sei man Zeitzeuge, und da gebe es doch manches zu fragen. Einwand: Eigentlich sei die Schule ausreichend mit Zeitzeugen versorgt, käme doch auf Veranlassung der Landeszentrale für politische Bildung nächste Woche ein polnischer Jude, um über seine Zeit im KZ zu berichten.

Die alten Pennäler ließen nicht locker, und so gab denn, wenn auch zögernd, der Oberstudiendirektor grünes Licht für die Begegnung.

Am Tag des offenbar für ihn schwerwiegenden Ereignisses ließ er sich entschuldigen; er sei ortsabwesend, leider. So mußte dann seine Stellvertreterin das schwere Amt übernehmen, die es aber sofort an eine Kollegin weiterreichte (Merken Sie was?)

Und nun saßen die elf Abiturienten von 1950 etwa ebenso vielen Abiturientinnen des Jahres 2000 gegenüber. Die erste Frage der jungen Damen: Wie erlebte man als Schüler die Zeit des Nationalsozialismus? Die befragten Zeitzeugen waren sich einig: In ganz überwiegendem Maße unterschied sich vermutlich der Schüleralltag nicht vom heutigen. Allerdings hielten die Schüler damals ihren Lehrern gegenüber eher die Form ein; man sprach sie mit ihren Titeln an: "Herr Studienrat", "Herr Doktor", und erhob sich, wenn man von ihnen angesprochen wurde. Betrat der Lehrer die Klasse, standen die Schüler mehr oder weniger lässig auf und erwiderten den damals gebräuchlichen deutschen Gruß – ebenfalls mehr oder weniger lässig. Frage: Wo denn das typisch nationalsozialistische Gedankengut vermittelt wurde? Die alten Herren dachten nach und entdeckten nicht gar so viel. Sie warnten: "Glaubt nicht den heutigen Fernsehfilmen, in denen in Braunhemden gekleidete Schüler zackig über den Schulhof marschieren, um in kerzengerader Haltung in den Bänken Platz zu nehmen. Uniform trugen wir im Unterricht nie." Auch manch lästerliches Wort über Mißstände wurde geäußert, ohne daß deswegen sofortige Verfolgung befürchtet werden mußte.

So ging das immer lebhafter werdende Gespräch hin und her. Unbequemer sei das Leben damals gewesen, darin waren sich die alten Herren einig. Dauernd sollte man irgendwas: Altmaterial sammeln, Erntehilfe leisten, ankommende Flüchtlingstransporte aus Ostdeutschland betreuen, Befestigungen anlegen, sich für den Volkssturm ausbilden lassen.

Darauf der verblüffende Kommentar der jungen Damen: "Eigentlich können Sie stolz sein auf das, was Sie damals geleistet haben." Darüber hatten die Herren noch nicht recht nachgedacht, hielten den Einwand aber durchaus für berechtigt. Frage an die jungen Damen: "Was halten Sie von der damals eingehaltenen Disziplin?" Antwort: "Davon hätten wir heute schon häufig gern ein bißchen mehr."

Ob sie denn das, was ihnen die Herren über die stete Beanspruchung erzählt hatten, nicht als bedrückend empfänden? Darauf eine der Schülerinnen: "Eigentlich nicht. Von uns will niemans etwas. Sie hat man wenigstens ernst genommen."

Der Verlauf der Begegnung war für die Veteranen überraschend. Auch die Schülerinnen mit ihrer Lehrerin, die kein Wort beigetragen hatte, schienen angetan gewesen zu sein. Ob man derartiges nicht fortsetzen könne, fragten sie.

Das Gespräch zwischen den Generationen scheint viel besser zu klappen, als man gemeinhin annimmt, wenn es denn zustande kommt. Zwischen den Alten und den Jungen gibt es allerdings Institutionen, die alles versuchen, um es zu diesem Gespräch nicht kommen zu lassen, doch genau deswegen warten viele junge Leute auf einen unverkrampften Dialog.