28.10.2021

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26.02.00 Grenzüberschreitende sächsisch-schlesische Partnerschaften

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. Februar 2000


Grenzüberschreitende sächsisch-schlesische Partnerschaften

Als Dresdner Stadtrat liegt Ihnen die Partnerschaft mit Breslau besonders am Herzen. Inwieweit ist die Hauptstadt Sachsens bei den 1000-Jahr-Feiern in der schlesischen Metropole vertreten?

Grapatin: Die Einzelheiten werden derzeit zwischen den beiden Stadtverwaltungen verhandelt. Ende April soll alles feststehen. Wahrscheinlich wird es sich um einen kulturellen und sportlichen Austausch zwischen Vereinen handeln.

Wie sieht der Alltag dieser Städtepartnerschaft aus?

Grapatin: Da gibt es eigentlich keinen Alltag. In den letzten Jahren mußte alles erst Stück für Stück aufgebaut werden. Zwar existiert die Partnerschaft mit Breslau schon seit 1956. Aber zu DDR-Zeiten blieb sie fast ausschließlich auf die Funktionärsebene beschränkt. Erst nach dem Umbruch wurde der Austausch für die gesamte Bevölkerung geöffnet.

... und jetzt läuft die Partnerschaft gut?

Grapatin: Im Vergleich zu anderen läuft sie sogar ausgezeichnet. Während mit St. Petersburg und Ostrau im Osten sowie Rotterdam und Coventry im Westen wenigstens etwas passiert, tut sich im Austausch mit einigen südamerikanischen und afrikanischen Exoten praktisch nichts.

Zwischen dem Bundesland Sachsen und der polnischen Wojewodschaft Niederschlesien besteht seit dem 17. September 1999 ein Freundschaftsvertrag. Wie intensiv sind die Verbindungen?

Grapatin: Die Partnerschaft ist angesichts ihrer kurzen Dauer natürlich noch nicht so intensiv, wie man sich das wünscht. Es gibt aber eine Reihe von Gesprächen zwischen Interessenten aus der Wirtschaft, der Verwaltung oder den Schulen.

Zunächst wird das aufgenommen und vertieft, was bereits an Verbindungen da ist. Zum Beispiel gibt es die Aktivitäten von rund 150 sächsischen Firmen in Niederschlesien, die Beratung polnischer Bauern durch eine spezielle Stelle in Miltitz bei Kamenz oder die Einbeziehung von Polen in die Zollausbildung im sächsischen Rothenburg.

Bei den über das Bestehende hinausgehenden Plänen stecken wir noch in den Kinderschuhen. Doch beiden Seiten ist klar, daß die Partnerschaft von elementarer Bedeutung ist. Nicht zuletzt deshalb, weil Polen demnächst der EU angehören wird. Man kann sehr viel über Europa reden – gelebt wird es immer vor Ort, in den Regionen.

Das klingt sehr schön, aber ist es auch dem Otto-Normalbürger bewußt?

Grapatin: Die Sachsen fahren zwar gern im Urlaub ans Mittelmeer, aber ihr Geld müssen sie doch hier verdienen. Und das ist nun mal mit den schlesischen und böhmischen Nachbarn viel besser zu organisieren, als wenn man in einem ganz anderen Teil des Kontinents nach Partnern sucht.

Die ökonomischen Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft, wenn man bedenkt, daß die Republik Polen unter den ausländischen Handelspartnern des Freistaates Sachsen bloß an sechster Stelle steht.

Auch in dem zu Sachsen gehörenden Niederschlesischen Oberlausitzkreis verdichtet sich die Zusammenarbeit mit dem Nachbarlandstrich östlich der Neiße. Wie ist dort der aktuelle Stand?

Grapatin: In Kürze, nämlich am 1. März, wird der Rahmenvertrag für die Zusammenarbeit mit dem Kreis Sagan feierlich unterzeichnet. Es nützt ja nichts, wenn die Wojewodschaft und der Freistaat von ganz oben die Partnerschaft deklarieren und dann vielleicht auch in Form einiger weniger repräsentativer Vorhaben umsetzen.

Solche Verbindungen leben von den zwischenmenschlichen Beziehungen vor Ort, vom Austausch der Vereine und kommunalen Verwaltungen. Als Perspektive bietet sich außerdem die gemeinsame Gestaltung der Regionalentwicklung an.

Welchen persönlichen Zugang haben Sie zu den Fragen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit?

Grapatin: Zunächst einmal ist mein Interesse biographisch angelegt: Meine Familie stammt aus dem niederschlesischen Kreis Guhrau.

In den Medien hört man noch oft von einer weit verbreiteten Skepsis bzw. Ablehnung, die in der grenznahen Bevölkerung Vorpommerns, Brandenburgs und Sachsens gegenüber den polnischen Nachbarn besteht. Was ist da dran?

Grapatin: Grundsätzlich ist zu sagen, daß die DDR alles unternommen hat, um die Vorurteile gegen Polen zu schüren. Vor allem nach 1980, als man ein Überspringen der Solidarnosc-Bewegung befürchtete. Heute müssen die noch bestehenden Vorbehalte in der praktischen Arbeit miteinander abgebaut werden.

Das ist nicht leicht, denn die Menschen tragen gerade in den grenznahen Städten und Landkreisen schwierige Alltagsprobleme mit sich herum – Arbeitslosigkeit, Abwanderung der jungen Leute usw. –, und wenn dann jemand kommt und zur Zusammenarbeit mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Neiße aufruft, dann denken sie erst einmal: "Der spinnt ja!"

Zuerst ist das Konkurrenzdenken da. Ein sehr menschlicher Zug, den man auch nur durch menschliche Begegnungen abbauen kann.

Auf den Polenmärkten zum Beispiel...

Grapatin: Die gibt es natürlich noch, aber sie spielen längst nicht mehr die Rolle wie in den frühen 90er Jahren. Heute wird beiderseits der Grenze meist in den üblichen Geschäften gekauft. Karstadt Görlitz setzt zum Beispiel 25 Prozent der Erlöse in Zloty um. Seit 1999 kann man dort auch in der polnischen Währung bezahlen, und die Verkäufer sind angehalten, Polnisch zu lernen.

Machen das andere große Geschäfte genauso?

Grapatin: Na ja, die Großmärkte, die sich neu ansiedeln, tun dies ohnehin auf der östlichen Seite von Görlitz. In Sachsen liegen die Verdienste im Schnitt bei 1800 Mark, in Polen aber nur bei 600 bis 800 Mark.

Also nimmt man polnisches Personal.

Grapatin: Ja, aber es gibt auch schon erste Pendler in West-Ost-Richtung. Hiesige Arbeitnehmer, die bei Firmen jenseits der Neiße angestellt sind. Zumeist sind dies Tochterfirmen deutscher Unternehmen.

Andere ziehen auch für längere Zeit um, allerdings nicht in unmittelbare Grenznähe, sondern beispielsweise nach Breslau. Dort leben inzwischen 3000 Bundesdeutsche.

Zum Schluß eine Frage, die die ostdeutschen Vertriebenen im Hinblick auf die Beziehungen zu Polen sehr beschäftigt: Was passiert mit ihrem alten Besitz?

Grapatin: Mit der rot-grünen Regierung wird es zu keiner Restitution kommen. Es gab polnischerseits zu Beginn der 90er Jahre durchaus realistische Überlegungen zu einer Gutscheinlösung. Das heißt die Ausgabe von Wertgutscheinen, für die sich die Geschädigten in Immobilien etc. hätten einkaufen können. Aber ich denke, das ist mittlerweile vom Tisch.

Also wenig Hoffnung für die Vertriebenen?

Grapatin: So könnte man sagen. Aber wenigstens innerpolnisch dürfte es noch Bewegung geben. Denn dort wird die Frage der Vertreibung – in diesem Fall die aus dem alten Ostpolen – mit all ihren Folgen wesentlich offensiver und konstruktiver geführt als bei uns. Was dabei am Schluß herauskommt, ist völlig offen.

Andreas Grapatin wurde 1963 im sächsischen Riesa geboren. Seine familiären Wurzeln liegen in Schlesien und Wolhynien. Nach einer Technikerausbildung sitzt er seit 1994 für die CDU im Dresdner Stadtrat.