28.10.2021

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26.02.00 Unterhaltung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. Februar 2000


Unterhaltung

 

Mieterhöhung
Von WILLI WEGNER

Also, da hätte ich doch beinahe unseren Hochzeitstag vergessen. Das wäre wirklich eine schöne Geschichte gewesen. Aber dann erinnerte ich mich doch noch rechtzeitig daran – gewissermaßen im letzten Augenblick. Sofort lief ich ins nächstgelegene Blumengeschäft.

"Haben Sie Gerbera?" fragte ich.

"Natürlich", sagte die Verkäufering. "Sie sind ganz frisch hereingekommen." Sie zeigte sie mir. Sie sahen wirklich sehr gut aus, frisch und eben erst erblüht.

"Zehn Stück", sagte ich.

Die Gerbera, benannt nach dem deutschen Arzt Traugott Gerber, ist nämlich die Lieblingsblume meiner Frau. Man könnte sie mit der Margerite vergleichen, allerdings ist sie viel größer und bunter. Und verschiedenfarbig. Eine wahre Pracht! Sie ist zwar etwas teurer als Vergißmeinnicht, aber doch nicht so teuer wie eine Orchidee. Und da uns durch unsere Hauswirtin angekündigt worden war, daß unsere Miete erhöht werden würde, war der Preis für zehn Gerbera gerade noch tragbar.

"Wohin", fragte die Verkäufering, "dürfen wir den Strauß schicken?"

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Eigentlich wollte ich ihn gleich mitnehmen. Aber welcher Mann geht schon gern mit einem Blumenstrauß spazieren? "Wingertstraße 9", sagte ich.

Ich gab der Verkäuferin meine Visitenkarte. Sie heftete sie an den Gerberastrauß und versicherte, daß der Auftrag innerhalb der nächsten Stunden ausgeführt würde.

Ich zahlte, ging in mein Stammlokal und trank ein Bier. Drei Bier, genaugenommen. Dann eilte ich nach Hause und freute mich auf das glückliche Gesicht meiner Frau. Aber sie war überhaupt nicht da! Die Blumen auch nicht …

Ich nahm ein Buch aus dem Bücherregal – es war "Vom Winde verweht" – und begann zu lesen. Als ich auf Seite 173 ("Ich bin von Ihnen enttäuscht", sagte Kapitän Butler) angelangt war, kam meine Frau nach Hause, küßte mich, überreichte mir ein kleines Päckchen und sagte: "Also, da hätte ich doch beinahe unseren Hochzeitstag vergessen. Das wä- re wirklich eine schöne Geschichte gewesen. Aber dann erinnerte ich mich doch noch rechtzeitig daran – gewissermaßen im letzten Augenblick." Es war eine Krawatte. Keine Krawatte schlechthin, sondern eine sehr bunte Krawatte. Verschiedenfarbig. Eine wahre Pracht!

"Ist irgend etwas abgegeben worden?" fragte ich. "Während der letzten zwei oder drei Stunden?"

"Nein", sagte meine Frau, "ich wüßte nicht. Ich war ja nicht zu Hause. Hätte denn irgend etwas abgegeben werden sollen?"

"Ja", sagte ich, "Blumen …"

"Gerbera?"

"Ja …"

Meine Frau umarmte mich, küßte mich und benahm sich ganz so, wie es sich am Hochzeitstag gehört. Auch ohne Blumen.

Einige Tage später traf ich im Treppenhaus unsere Hauswirtin. Sie lächelte, und ihr Gesicht sah nach allem anderen aus, nur nicht nach einer Mieterhöhung.

"Vielen herzlichen Dank auch noch", sagte sie.

"Wofür?" fragte ich.

"Für die schönen Gerbera. Sie sind so frisch wie am ersten Tag."

Übrigens – unsere Miete ist bis heute nicht erhöht worden. So einfach ist das.

 

 

Das Märchen von zwei verliebten Äpfelchen
Von RENATE SOMMER

Es waren einmal zwei Äpfelchen, die hingen dicht nebeneinander an einem Zweig. Aus zarten rosa-weiß gefärbten Blüten waren sie hervorgegangen, die in den ersten warmen Frühlingstagen von fleißigen Bienen bestäubt wurden.

Zuerst waren sie winzig klein und grün und wußten noch nicht so recht, ob sie sich an diesem harten Zweig festhalten oder lieber abfallen sollten. Aber der Lebenswille war stärker, beide klammerten sich ganz fest an ihren gemeinsamen Ast und entdeckten, wie schön das Leben ist. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, wärmten sie sich an den warmen Strahlen und tranken die Tautropfen der Nacht von ihrer Haut. Sie erzählten sich Geschichten von den Träumen, die sie in der langen dunklen Nacht hatten und schauten in den beginnenden Tag. Da gab es so viel zu sehen und zu fühlen. Bienen und bunte Schmetterlinge umschwärmten sie, laue Winde umfächelten sie, am Himmel gab es Wolken zu sehen, die jede Sekunde ihre Form änderten. Und manchmal öffneten diese Wolken sich und ließen herrlich viele Regentropfen auf ihre junge Haut fließen.

Das Leben war einfach schön, stellten sie fest und beschlossen, es gemeinsam zu genießen. Sie dachten, gemeinsam ist dieses Leben doppelt so schön.

An jedem Morgen stellten sie fest, daß sie wieder ein bißchen gewachsen waren. Der Abstand zwischen ihren Plätzen wurde von Tag zu Tag kleiner, und es wurde immer leichter, sich miteinander zu verständigen und sich aneinander zu reiben. In der Mitte des Sommers sagten sie sich, daß sie sich von Herzen liebten. Das machte beide sehr glücklich, und sie strengten sich an, immer schneller zu wachsen und immer enger aneinanderzurücken.

Die Sonne ging an jedem Morgen früher auf und wärmte immer länger und intensiver ihre Körper. Sie wurden immer dicker und fülliger und freuten sich darüber ganz ungemein. Zufrieden schaukelten sie den ganzen Tag im lauen Sommerwind in trauter Zweisamkeit hin und her, bis die Stille der Nacht sie einfing bis zum nächsten Morgen.

Eines Tage sagte das eine zu dem anderen Äpfelchen: "Ich fühle mich so komisch, ich habe einen schrecklichen Schmerz verspürt, da war so ein Stich in meinen Leibe, was kann das bedeuten?"

"Ach", sagte das andere Äpfelchen, "mach dir keine Sorgen, das sind die wilden Insekten, die wollen unseren aromatischen Körpersaft trinken und ihre Eier in uns ablegen. Ich mache mich immer ganz schlank, dann fliegen sie an mir vorbei."

"Das machst du sicher richtig," sagte das andere Äpfelchen, "aber ich habe nicht rechtzeitig daran gedacht und jetzt habe ich einen bohrenden Schmerz in meinem Körper. Es ist so, als wenn da etwas Lebendiges in mir bohren würde."

"Das ist ja schrecklich", sagte das andere Äpfelchen. "Du mußt die Eindringlinge in dir vertreiben! Gib ihnen soviel Säure zu fressen, daß sie sterben."

Das betroffene Äpfelchen preßte sich so stark zusammen, daß es einen großen Säurestoß auf die Eindringlinge machen konnte. Aber die Eindringlinge waren hartnäckiger, als es dachte. Die wurden zwar ein bißchen geschwächt, aber sie lebten und wühlten immer noch weiter in dem armen Äpfelchen.

An jedem Morgen fragte das gesunde Äpfelchen das Kranke: "Wie geht es dir?" Aber an jedem Morgen sagte das kranke Äpfelchen zu dem gesunden Äpfelchen: "Es geht mir nicht schlecht, aber ich fühle mich so weich; ich glaube, ich werde früher reif als du, ich werde schon ganz gelb, und du bist noch ganz grün. Ich fühle, ich werde dich bald verlassen müssen, denn mein Stengel ist schon ganz morsch. Sicher werde ich bald abfallen von unserem Zweig, und dann werden wir nicht mehr zusammen die Sonne begrüßen können und nicht mehr zusammen plaudern können über unsere Erlebnisse und unsere Träume."

"Das darfst du nicht sagen", sprach das gesunde Äpfelchen. "Eines Tages werden wir zusammen abfallen von unserem Zweig, und damit hat es noch Zeit."

Aber das kranke Äpfelchen hatte keine Kraft mehr, es löste sich von dem gemeinsamen Zweig und fiel unter den Apfelbaum. Dort lag es nun traurig und einsam und dachte sehnsüchtig an die Zeit zurück, als es noch neben dem geliebten gesunden Äpfelchen am Zweig hing.

Da kam ein starker, unheimlicher Herbststurm und blies durch den Apfelbaum, an dem die beiden liebenden Äpfelchen herangewachsen waren. Er zerrte und riß an den Stengeln der gesunden Äpfel an dem großen, alten Baum und warf alles zu Boden, was da hing. Das gesunde Äpfelchen hatte schon vor dem Sturm gebetet, laß mich bitte zu meinem Liebsten fallen, ich bin jetzt so einsam und alleine. Niemand spricht mit mir. Niemand liebt mich.

Der Sturm hatte Erbarmen mit den Liebenden, er zerrte das gesunde Äpfelchen zu Boden, und es flog, wie es wollte, direkt neben das kranke Äpfelchen. Wie glücklich waren die beiden, als sie sich wiedersahen. Sie umarmten sich und küßten sich und vergaßen alles Leid, was sie vorher erfahren hatten.

 

 

Küste in Weiß
Von GERT O. E. SATTLER

Ausgeprägte Bernsteinküste,

eingehüllt in Hochzeitsweiß,

deine Boote, deine Kähne

sind verpackt in Winter-Eis.

Zaubersterne und Figuren

im erstarrten Wasserstrahl

glitzern an den Hafendämmen

und im kleinsten Wellental.

Zugefroren sind die Flüsse,

Bach und Teich und jeder See,

alle Bäume, alle Büsche

steh’n kapuzenreich im Schnee.

Diese Winterpracht zu schauen

ist ein Traum von lichten Höh’n

auf der Düne, auf der Küste:

Heimaterde, du bist schön.

 

 

Der Zug war abgefahren
Von PAUL BROCK

Herbert A. konnte mit seinem Leben zufrieden sein. Er war gesund, hatte von seinen Eltern eine ausgezeichnete Erziehung erhalten, verfügte infolge seines fleißigen Strebens über einen mehr als durchschnittlichen Bildungsgrad und übte einen Beruf aus, der den Anlagen seines Wesens entsprach. Wer ihn kannte, wunderte sich kaum darüber, daß er es in verhältnismäßig kurzer Frist vom einfachen Angestellten der X-Werke zum kaufmännischen Leiter der Firma gebracht hatte. Was ihm dabei immer wieder das besondere Lob und das Vertrauen seiner Vorgesetzten einbrachte, war seine fast bis ins Übermaß gesteigerte Pflichtauffassung, eine ihm zugefallene Aufgabe bis ins Letzte zu erfüllen. Er gehörte zu jenen Menschen, von denen man sagt, daß sie in ihrem Beruf aufzugehen vermögen.

Etwas gab es freilich, daß er fast ebenso wichtig nahm: Er glaubte fest an die Erkenntnisse und an die Bedeutung der Astrologie und deren Nutzanwendung im täglichen Lebensbereich. Fleißig sammelte er alle Schriften und alle Belege, die ihre positive Seite bestätigten. Dabei ließ er es nicht bewenden. Pünktlich bei Beginn eines neu anbrechenden Jahres ließ er sich bei einem Fachmann von Ruf ein Horoskop errechnen und ausarbeiten, und – man mag es nehmen, wie man will – er fand seinen Glauben, zumindest in grundsätzlichen Dingen, immer wieder bestätigt. Allerdings verlief sein Leben ohne nennenswerte Erschütterungen, denn wie gesagt: er war gesund, von keinen Leidenschaften geplagt und in gesicherter Position.

Eines Tages aber geschah ihm, was schließlich jedem Mann einmal zu passieren pflegt – er lernte während seines letzten Jahresurlaubs ein Mädchen kennen und verliebte sich; leider ist davon nicht bekannt geworden, ab das Ereignis in seinem Horoskop angezeigt war, vielleicht als Warnung vor den Pfeilen Amors, vielleicht als Ermunterung, was man fast annehmen könnte.

Nun, so lebensgewandt unser Freund auch sonst war, in der Art, wie man im Sturm ein Mädchenherz nimmt, besaß er keine oder doch zumindest sehr geringe Erfahrungen. Zwar kam es zu einer gewissen Annäherung zwischen den beiden Menschen, zu netten Gesprächen und sogar zu Spaziergängen auf einsamen Wegen. Als aber der Tag der notwenigen Trennung gekommen war, hatte er das entscheidende Wort noch immer nicht ausgesprochen.

Da der Funke aber einmal ins Herz gefallen war und fortglimmend im Hauche der Erinnerung sich zu heller Flamme entwickelte, setzte der Verliebte sich eines Tages hin – die Konstellation der Gestirne deutete einen Erfolg in wichtigen Lebensfragen an – und schrieb eigenhändig einen Brief an die junge Dame, dessen Inhalt nicht schwer zu erraten ist.

Die Antwort kam zwar nicht postwendend, aber nach schicklicher Zeit; augenscheinlich hatte die Umworbene ein feines Gefühl dafür, daß man in solchen Dingen nichts übereilen, aber auch nicht allzu lange hinauszögern dürfe; jedenfalls lag der Brief eines Morgens ganz oben auf den Geschäftseingängen. Der Empfänger griff danach und – entsann sich der Warnung, die ihm sein Horoskop gerade an diesem Morgen mit auf den Weg gegeben hatte: "Vorsicht! Eine wichtige Angelegenheit nicht versäumen!" Der ohnehin äußerst Pflichtbewußte legte den Brief, ohne den Inhalt zu kennen, in bewundernswerter Selbstzucht beiseite und stürzte sich mit Elan in die anfallende Arbeit, las jedes Angebot, jede Anfrage, jede Reklamation mit besonderer Sorgfalt, rief dann seine Sekretärin und diktierte in konzentrierter Überlegung die notwendigen Antworten.

Endlich war es soweit; mit bebenden Händen öffnete er den Umschlag – und wurde blaß: Da stand in schöner, klarer Handschrift, sie würde an diesem Vormittag auf einer notwendigen Reise ohnehin durch H. kommen; dort hätte der Zug einige Zeit Aufenthalt. Wenn er pünktlich am Bahnhof sein könne, würde man in Ruhe miteinander sprechen können. Dabei ließ sie durchblicken, daß man vielleicht, sollte es sich so ergeben, am Abend noch irgendwo – bei einem Glas Wein …!

Zu spät!

Der Zug war bereits vor drei Stunden weitergefahren.