19.10.2021

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Suchen und finden
11.03.00 Optimistisch in die Zukunft

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 11. März 2000


Optimistisch in die Zukunft
Die Ostpreußische Familie hat schon vielen Lesern geholfen – Treffen in Leipzig geplant

In diesem Jahr wird Das Ostpreußenblatt stolze 50 Jahre alt. Fünf Jahrzehnte liegen hinter uns, in denen sich das äußere Erscheinungsbild der Zeitung immer wieder einmal behutsam gewandelt hat. Auch der Inhalt ist in vielem anders geworden. Standen einst vor allem Suchanzeigen nach vermißten Verwandten und Kameraden im Mittelpunkt des Interesses, war es später der Lastenausgleich, der die Gemüter beschäftigte. Jetzt sind es die politischen Beiträge zu aktuellen Problemen, aber auch die historischen und kulturellen Artikel, die unsere Leser fesseln. Geradewegs zu einer Institution aber ist über Jahrzehnte hinweg eine Rubrik geworden, die Woche für Woche sehr viele Leserinnen und Leser in ihren Bann zieht: Die ostpreußische Familie.

1972 von Chefredakteur Hugo Wellems und seiner Mannschaft ins Leben gerufen, stand die Aktion zunächst unter dem Motto "Du sollst nicht mehr allein sein!". Man dachte daran, älteren, bedürftigen Landsleuten, die fern der Heimat ein menschenunwürdiges Dasein fristeten, zu helfen. Sie sollten über Das Ostpreußenblatt Menschen kennenlernen, die ihnen über die Einsamkeit hinweghelfen wollten. "Einen treuen Menschen finden, mit dem man sich versteht und Freud und Leid teilen kann", so lauteten die Wünsche der ersten Stunde. Eine Oma bot sich einer jungen Familie an, andere wieder boten eine kleine Wohnung mietfrei gegen gelegentliche Hilfe im Haushalt an – alles ohne kommerziellen Hintergrund, versteht sich.

Bald trafen derart viele Fragen und Antworten ein, daß man zunächst Kennziffern einführte, die jedoch dann durch die Nennung von Namen und Anschriften abgelöst wurden. Schließlich sollte es in einer Familie ja persönlich zugehen.

Der erste "Familienvater" war Friedrich Ehrhardt, der unter dem Namen "Christian" zeichnete. Nach dessen Tod übernahm Ruth Maria Wagner als Familienmutter die beliebte Kolumne. Ihr folgte schließlich Ruth Geede, die seit vielen Jahren Die Ostpreußische Familie derart erfolgreich betreut, daß sie sich manches Mal vor lauter Post kaum retten kann. Fragen nach Büchern, Liedern, Ge-dichten und Re-zepten, aber auch nach Fotos müssen Woche für Woche beantwortet werden. Für Ruth Geede, die übrigens seit Gründung unserer Wochenzeitung eine treue Mitarbeiterin ist, meist kein Problem, verfügt sie doch mittlerweile über eine umfangreiches Archiv. Außerdem: wozu hat man eine Familie? Oft sind es Mitglieder der großen ostpreußischen Familie, die weiterhelfen.

Diesen Familienmitgliedern einmal die Möglichkeit einer persönlichen Begegnung zu geben, lag denn auch der Gedanke zugrunde, als Ruth Geede zum ersten Familientreffen in das Ostheim nach Bad Pyrmont lud. Viele, viele kamen, so daß man bereits ein zweites Treffen Ende vergangenen Jahres veranstaltet hat.

Zum Deutschlandtreffen der Ostpreußen Pfingsten (10. und 11. Juni) in Leipzig soll wieder eine solche Begegnung der Familienmitglieder möglich sein. Wir befragten Ruth Geede zu ihren Plänen.

Frau Geede, Sie wollen die Leser des Ostpreußenblattes zu einer Stunde der Ostpreußischen Familie bitten. Was erwartet den Besucher bei dieser Veranstaltung?

Ruth Geede: Es soll ein echt ostpreußisches Familientreffen werden, basierend auf den Erfahrungen, die wir in Bad Pyrmont gemacht haben: ungezwungen, Fragen und Wünsche offenlegend, offen auch in Kritik und Zustimmung, eben ein Gedankenaustausch, der sich fruchtbar auf die weitere Familienarbeit auswirken kann. Vor allem aber will ich die Geschichte der Ostpreußischen Familie aufrollen mit ihren Erfolgen und Enttäuschungen, sozusagen ein Fazit der bisherigen jahrzehntelangen Arbeit, damit auch die neuen Leserinnen und Leser informiert werden.

Wird denn dazu überhaupt genügend Zeit zur Verfügung stehen? Und wo soll dieses Beisammensein stattfinden?

R. G.: Leider ist die Zeit – anders als bei den Familientreffen im Ostheim – sehr beschränkt. Wir treffen uns am Sonnabend, 10. Juni, um 12 Uhr in der Neuen Messe Leipzig, CCL, Raum 3.

Wir haben davon geredet, daß immer wieder Anfragen nach Liedern und Gedichten, nach Büchern und Rezepten Sie erreichen. Ich denke aber, daß es auch besonders schwierige Suchwünsche gibt, vor allem nach noch heute vermißten Verwandten. Kann die Ostpreußische Familie da auch helfen?

R. G.: Sie haben recht, längst stehen die Suchwünsche nach Verwandten, ehemaligen Nachbarn, Freunden und Kameraden an der Spitze aller Einsendungen. Wir haben da auch schon viel erreicht, manche Erfolge grenzen wirklich an ein Wunder. Es gab tatsächlich Fälle, die nach 55 Jahren Ungewißheit durch die Ostpreußische Familie geklärt werden konnten. Aber Freude und Schmerz liegen dicht beieinander. So war eine hochbetagte Mutter, die ihren als Kleinkind verlorenen Sohn bislang vergeblich suchte, aber fest daran glaubte, daß er lebte, vierzehn Tage vor seinem Aufspüren verstorben.

Haben Sie nicht manchmal auch Zweifel, ob es sich lohnt, derartig aussichtslos scheinende Wünsche überhaupt zu veröffentlichen und die Hoffnung der Menschen vielleicht vergeblich zu schüren?

R. G.: Ja, es ist nicht leicht für mich, die manchmal in grenzenlosem Glauben an unsere Ostpreußische Familie gerichteten Suchwünsche mit berechtigtem Zweifel veröffentlichen zu müssen. Die Zeit fordert nun einmal ihren Tribut. Hinzu kommt, daß viele Landsleute in der damaligen DDR jahrzehntelang zum Schweigen über ihre Heimat verdammt wurden. Umso größer dann die Überraschung und Freude, wenn die Suche doch Erfolg hat. Das sind dann die Sternstunden unserer Ostpreußischen Familie.

Wo sehen Sie den Sinn heute in einer solchen Einrichtung wie der Ostpreußischen Familie? Sind es nicht nur meist sehr alte Menschen, die Hilfe suchen?

R. G.: Eigentlich ist die Frage nach dem Sinn schon beantwortet: Solange Menschen nach Spuren suchen, die noch nicht verwischt sind, gleich ob sie zu Menschen oder zu irgendwelchen für sie bedeutsamen Erinnerungen führen, die sich konkretisieren lassen, hat unsere Ostpreußische Familie ihre Berechtigung. In ihr lebt die Heimat. Das empfinden vor allen Dingen die älteren Leserinnen und Leser, die glücklich sind, wenn sie zur Erfüllung mancher Wünsche beitragen können oder durch unsere Spalte Kontakt zu anderen Landsleuten bekommen. Es ist erstaunlich, daß es in unserer Familie trotz der altersbedingten Einschnitte keinen Leserschwund gibt, im Gegenteil, die Zahl der Zuschriften wächst ständig.

Wie das?

R.G.: Es sind vor allem die Leserinnen und Leser, die jetzt in das Rentenalter kommen und nach einem arbeitsreichen Leben mehr Zeit haben, sich mit Heimat und Herkunft zu beschäftigen, aber auch viele junge Menschen, die in Ostpreußen waren oder sich für unsere Heimat interessieren.

Nicht wenige wollen Familien- und Ortschroniken schreiben. Moderne Kommunikationswege wie das Internet erschließen neue Kreise, vor allem im Ausland.

Durch die von mir herausgegebenen "Familienbücher" können interessierte Leser gewonnen werden, auch wenn sie nicht aus Ostpreußen stammen. Ich sehe im Hinblick auf unsere Ostpreußische Familie sehr optimistisch in die Zukunft.

Wir wünsche Ihnen – und uns – ein "volles Haus" in Leipzig und noch viele Erfolge der ostpreußischen Familie! Silke Osman