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18.03.00 Mord an den Vätern - Die (angebliche?) Traditionsunwürdigkeit der Wehrmacht

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. März 2000


Mord an den Vätern - Die (angebliche?) Traditionsunwürdigkeit der Wehrmacht.
Bemerkungen zur geistigen Lage der Bundesrepublik (Teil I)
Von FRANZ UHLE-WETTLER

Die Frage nach der Traditionswürdigkeit der Wehrmacht kann leicht dazu verführen, zu Einzelheiten der heutigen öffentlichen Diskussionen Stellung zu nehmen, etwa zu der vielbesprochenen "Wehrmachtsausstellung". An drei Beispielen läßt sich darlegen, warum es angeraten erscheint, weit, sehr weit über die aktuelle Diskussion hinauszublicken.

Erstes Beispiel: 1997 verfaßte ein Musikhistoriker einen Aufsatz über Bachs Johannes- und Matthäuspassionen. Dann stellte er bei beiden Passionen tiefen Antisemitismus und mithin die Tatsache fest, daß Bach in der Tradition steht, die von Luther über Bach zu Auschwitz führt. Natürlich ist nicht der Aufsatz bemerkenswert. In einem Volk von 80 Millionen wird es immer Wissenschaftler geben, die singuläre Auffassungen vertreten. Bemerkenswert ist, daß die "FAZ" diesen fast ganzseitigen Aufsatz des Abdrucks wert fand und ihn zudem mit besonderem Taktgefühl den Lesern ausgerechnet zum Karfreitag präsentierte.

Zweites Beispiel: Es wird wohl immer mehr üblich, nicht von Friedrich "dem Großen", zu sprechen; wer vom Großen spricht, zeigt, daß er etwas altmodisch, wenn nicht schlimmer ist. Nun haben schon Kant, Goethe und Schiller Friedrich "den Großen" genannt: Jene Intellektuellen meinen also, historische Größe zutreffender beurteilen zu können als die deutschen Klassiker. Scharenweise berichtigen Bundesrepublikaner Kant, Goethe und Schiller.

Für das dritte Beispiel muß man schon etwas weiter ausholen. Jene Schlacht, die 1815 Napoleon vom Thron fegte, haben die Engländer stets nach einem Ort fern vom Schlachtfeld, in dem der englische Heerführer Wellington vor und nach der Schlacht übernachtete, Waterloo genannt. Die Deutschen haben – neben Waterloo – lange von Belle Alliance gesprochen. Der Gasthof Belle Alliance, schönes Bündnis, lag und liegt noch heute auf dem Schlachtfeld; hier trafen sich nach dem gemeinsam errungenen Sieg Wellington sowie der preußische Feldmarschall Fürst Blücher, und mit seinem zufälligen Namen erinnert der Gasthof an die "Schöne Allianz".

Nach 1945 haben die Deutschen sich dem englischen Gebrauch angepaßt: gelegentlich wird der Name des flämischen Dörfchens bereits so ausgesprochen, als läge es in England: Woaterluh.

Diese und viele weitere Beispiele sind zu werten wie die Bewegungen der Zeiger eines Instruments. Sie sind unwichtig. Aber sie zeigen eine bedeutsame Entwicklung an: die Deutschen haben das Deutschlandbild übernommen, das schon die alliierte Propaganda des Ersten Weltkrieges gezeichnet hat: Die Geschichte der Deutschen ist die Geschichte eines Sonderweges. Vorbild hätten andere, die Staaten der "Westlichen Wertegemeinschaft" sein müssen. Der deutsche Sonderweg führte in Abgrund und Verderbtheit.

Die Diffamierung einer bestimmten Klasse, Rasse, Religionsgemeinschaft oder Nation ist nicht neu. Der vorletzte derartige Versuch war der Antisemitismus Hitlers und seiner Gefolgsleute. Aber so weit zu sehen ist, hat noch niemals die diffamierte Menschengruppe die Vorwürfe anerkannt. Deshalb ist die Haltung vieler deutscher Intellektueller und Politiker bemerkenswert. Erstmals in der Menschengeschichte akzeptiert eine angeklagte Gruppe die These der eigenen Verderbtheit (allerdings nur der Verderbtheit ihrer Väter) sowie, damit verbunden, die Notwendigkeit einer Umerziehung. Auch hierzu wiederum ein Beispiel: Bald nachdem Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten gewählt worden war, bat er (15. September 1951) Otto Geßler, den langjährigen (1920–1928) Reichswehrminister der Weimarer Republik, den Vorsitz einer Kommission "unabhängiger Sachverständiger" zu übernehmen. Diese Kommission sollte Wege finden, das Tragen der von den Alliierten verbotenen Tapferkeitsauszeichnungen wieder zu ermöglichen. Heuss schrieb Geßler, es läge ihm "sehr am Herzen", damit "einen Teil" der "Diffamierung" der deutschen Soldaten zu beseitigen. (1)

So geschah es. Am Sarge Adenauers hatten 1967 beim Staatsbegräbnis sechs Ritterkreuzträger der Bundeswehr die Totenwache zu halten – mit ihren Kriegsauszeichnungen in Originalgröße.

Das wäre heute unmöglich. Bei den letzten Treffen der Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger erregten sich Medien und Politiker über die "Provokation" durch "Leute, die es am Halse juckt" (das Ritterkreuz ist ein Halsorden), und die Totenehrung wurde durch das gestört, was man heute Demo nennt. Natürlich ist, ähnlich wie beim Vorwurf des Antisemitismus gegen Bach, bei Woaterluh oder Friedrich dem II., nicht bemerkenswert, daß es die heutige Bewertung der Tapferkeitsauszeichnungen gibt, sondern bezeichnend war die Haltung des Verteidigungsministers (Rühe). Er verbot die Teilnahme von Soldaten am Treffen der Ordensgemeinschaft, weil er, ähnlich wie Pilatus mit seinem sprichwörtlichen Händewaschen, die Bundeswehr aus dem Streit heraushalten wolle. Und der Staatsminister Werner Naumann bezeichnet die Wehrmacht heute als ein "marschierendes Schlachthaus." (2). Die Weiterentwicklung seit Theodor Heuss ist offensichtlich.

Insgesamt: Die erwähnten und viele, viele andere Beispiele zeigen, daß wir uns in einer rapide fortschreitenden Neubewertung der gesamten deutschen Geschichte befinden. Dieser Prozeß wird von der schweigenden Mehrheit, wenn es sie denn gibt, schweigend hingenommen. Die Neubewertung betrifft alle Bereiche: den Preußenkönig, die Bachpassionen, die Schlacht gegen Napoleon, die Kriegsauszeichnungen und vieles andere sowie auch die Wehrmacht.

Parallel hierzu wird das zweite Kennzeichen der neubundesrepublikanischen Geisteshaltung deutlich: Was nun als "westlich" bewertet wird, darf – man beachte: darf! – nicht mehr "kritisch hinterfragt" werden. Es wird tabuisiert. Wiederum als Beispiel: 1997 faßte der Bundestag eine feierliche Entschließung, der zufolge Massenvertreibungen völkerrechtswidrig sowie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, und die Bundestagspräsidentin hielt eine dazu passende Ansprache. Anschließend dürfte sie durch die "Winston-Churchill-Straße" zurückgefahren sein, die den Bundestag mit ihrem Amtssitz verbindet. Niemand weiß, ob es ihr dabei wenigstens in den Sinn gekommen ist, daß die Deutschen mit dieser Straßenbezeichnung einen Mann ehren, der eine der größten und schauerlichsten Massenvertreibungen der Geschichte mit ins Werk gesetzt hat. Bei der geschilderten Umwertung der deutschen Geschichte ins Negative und alles Westlichen ins Positive spielt die Wehrmachtsausstellung eine wichtige Rolle. Viele Beispiele belegen das hohe, sehr hohe Ansehen der Wehrmacht und ihrer Vorgänger.

Beispiele: 1950 bat das israelische Verteidigungsministerium mehr als eintausend Militärs und Militärhistoriker, die Streitkräfte der beiden Weltkriege zu bewerten. Wie zu erwarten war das Ergebnis eindeutig: Die deutschen Truppen wurden mit großem Abstand als die besten bewertet. Als persönliche Reminiszenz: Im Fest- und Vortragssaal des Verteidigungsministeriums eines südostasiatischen Staates stehen als Mahnung für die jungen Offiziere drei Sentenzen. Eine von einem Chinesen. Sun Tsu, eine von Clausewitz und eine von Rommel.

Als Letztes: 1993 veröffentlichte einer der großen amerikanischen Verlage unter Mitarbeit von Wissenschaftlern aus sechzehn Nationen eine sechsbändige Enzyklopädie der Militärwissenschaften. Der Artikel "Kampfkraft" wurde von dem vielleicht bekanntesten amerikanischen Militärhistoriker, T. N. Dupuy, verfaßt. Er urteilte, die Kampfkraft der deutschen Heere sei mehr als hundert Jahre lang der Neid der Welt, "the envy of the world", gewesen.

Diese Achtung vor dem deutschen Soldaten ist für das neubundesrepublikanische Gefühl ebenso unerträglich wie die Achtung vor den Bachpassionen, wie Belle Alliance oder Friedrich dem Großen. Also ist die Wehrmachtsausstellung willkommen. Viele Politiker und viele Intellektuelle haben auf diese Ausstellung wohl gewartet wie die Wüste auf den Regen: nur so ist die Resonanz auf die Ausstellung zu erklären, daß kaum gefragt wird, ob ein mehrfach vorbestrafter kommunistischer Funktionär und ein Reemtsma wenigstens gewillt sein könnten, uns ein zutreffendes Bild von der Wehrmacht zu vermitteln. Helmut Schmidt hat die Ausstellung als "Masochismus" gewertet: (3) sachlich ist sie bedeutungslos. Um so wichtiger ist sie als Indikator des geistigen Zustandes der Bundesrepublik. Deshalb greift eine Diskussion der Ausstellung zu kurz, wenn sie sich nur mit diesem oder jenem Foto, dieser oder jener Sachaussage beschäftigt. Das zu tun, ist wichtig, und vor allem Rüdiger Proske, also ein (ehemaliger?) "Linker", hat es brillant geleistet. Er hat, natürlich ohne viel zu erreichen, die Fälschungen, Verkürzungen, Unterschlagungen und Schieflagen nachgewiesen. Aber noch wichtiger ist es zu erkennen, daß die Ausstellung nur ein Teil der Umschreibung der deutschen Geschichte ins Negative ist.

Um zu einem angemessenen Urteil über diese Umschreibung zu kommen, können wir sie in einen größeren Rahmen stellen. Hierzu kann man als erstes an ein Ereignis erinnern, das so weit zurückliegt, daß es scheinbar nichts mit den heutigen Bemühungen zu tun haben kann: Als die Kreuzfahrer 1099 Jerusalem erobert hatten, dankten sie dem Herrn mit einem feierlichen Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst befahlen die Anführer, sämtliche Einwohner Jerusalems, Männer, Frauen und Kinder, umzubringen. So etwas ist oft geschehen, und Massenmorde hat es auch in unserem Jahrhundert übergenug gegeben. Bemerkenswert ist deshalb nur das Urteil zweiter Mittäter. Albert von Aachen und Wilhelm von Tyrus vermelden, die Tat sei "nach dem gerechten Urteil Gottes" geschehen – Massenmord im göttlichen Auftrag.

Die Parallele: Nach 1945 gab es – und es gibt sie noch heute – gewichtige Stimmen, die mahnen, die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen 1945 als Gottesgericht demütig anzunehmen. Wir dürfen wohl beides – die Rechtfertigung für die Ermordung der Einwohner Jerusalems und die Rechtfertigung für die Massenvertreibungen 1945 – als Zeugnisse einer fanatisierten Moral werten.

Ein bedeutsames Zeugnis, wohin eine solche Moral führt, ist ein gemeinsames Gebet (!) des amerikanischen Parlaments vom 10. Januar 1918:

"Allmächtiger Gott, unser Himmlischer Vater! … Du weißt, daß wir in einem Kampf auf Tod und Leben stehen gegen eine der schandbarsten, gemeinsten, gierigsten, geizigsten, blutgierigsten, sinnlichsten und sündhaftesten Nationen, die je die Geschichtsbücher geschändet haben. Du weißt, daß Deutschland aus den Augen der Menschen genug Tränen gepreßt hat, einen neuen Ozean zu füllen, und daß es genügend Blut vergossen hat, jede Woche diesen Ozean zu röten, und daß es aus den Herzen von Männern, Frauen und Kindern genügend Schreie und Stöhnen gepreßt hat, daraus ein neues Gebirge aufzutürmen."

Dieser Beschreibung der geschichtlichen Rolle Deutschlands folgen die Bitten: "Wir bitten dich, entblöße Deinen mächtigen Arm und schlage das große Pack hungriger wölfischer Hunnen zurück, von deren Fängen Blut und Schleim tropfen. Wir bitten Dich, laß die Sterne auf ihren Bahnen und die Winde und Wogen gegen sie kämpfen." Wie üblich, schließt auch dieses Gebet mit dem Versprechen frommen Dankes: "Und wenn alles vorüber ist, werden wir unsere Häupter entblößen und unser Antlitz zum Himmel erheben. … Und Preis sei Dir immerdar durch Jesus Christus. Amen" (4)

Etwas vom Thema abschweifend: Schon aus dem Ersten Weltkrieg gibt es "säckeweise" derartige Zeugnisse aus England und aus den USA. Vergleichbare deutsche Zeugnisse etwa aus dem Reichstag oder aus anderen Spitzen des Kaiserreiches gibt es nicht. Aber wäre dieses Gebet im Reichstag gesprochen worden, so würden unsere Historiker es uns sicherlich oft vorhalten. Doch kein Historiker erwähnt jenes Gebet oder ähnliche Zeugnisse in Studien etwa über den ersten Weltkrieg. Solche Zeugnisse widersprechen dem politisch gewünschten Bild, und deshalb existieren sie für die politisch korrekte Geschichts"wissen-schaft" nicht. George Orwell läßt grüßen. Fortsetzung folgt

(1) Geßler, Otto, Rechswehrpolitik in der Weimarer Zeit, Stuttgart 1958, Anlage.

(2) Staatsminister für Kultur Werner Naumann: "… ein marschierendes Schlachthaus, das sich selbst intakt hielt, indem es jeden ungehorsamen Soldaten erschoß." (WamS 14. 2. 1999)

(3) Schmidt, Helmut: "Es gibt Leute, die einen gewissen Masochismus gegenüber ihrem eigenen Land für ihre Aufgabe halten. Dazu gehört Hannes Heer, dazu gehört Jan Reemtsma. Die gibt es in jedem Land. Die muß man ertragen." (zit. FOCUS 1/99, S. 139)

Congressional Records – Records of the Second Session of the Sixty-Fifth Congress of the United States of America. Vol. LVI. Washington (DC) 1918. S. 781f.