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18.03.00 Oliver Kurt-Georg Geldszus über "Verzicht und Verlangen" im Werk von Thomas Mann

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. März 2000


Einsichten: "Ich bin ein Asket der Leistung"
Oliver Kurt-Georg Geldszus über "Verzicht und Verlangen" im Werk von Thomas Mann
Von Kerstin Patzelt

Schaffen", so bemerkte Stefan Zweig in seinem Versuch, das Geheimnis künstlerischer Schöpfung zu erhellen, sei "ein beständiges Ringen zwischen Unbewußtheit und Bewußtheit …" "… in dieses Gesetz des Gegensatzes, des schöpferischen Ausgleichs zwischen bewußt und unbewußt ist der Künstler gebannt". Neben Literaten und Philosophen fühlen sich auch immer wieder Germanisten herausgefordert, die Bindungen, unter denen ein Werk entsteht, zu ergründen. So auch Oliver Kurt-Georg Geldszus mit seiner Promotionsschrift über "Verzicht und Verlangen" bei Thomas Mann.

"Ich bin Asket, insofern mein Gewissen mich auf die Leistung im Gegensatz zum Genuß und Glück verweist", notierte Thomas Mann in seinen Briefen und bekannte damit, eine Daseinsform erwählt zu haben, die ihm Verzicht abforderte, wo das Rauschhafte der Triebwelt übermächtig zu werden drohte, wo "die Hunde im Souterrain" nach Futter verlangten. Aber nicht nur die nachweislich homoerotischen Neigungen wollte der Schriftsteller damit im Zaume halten, sondern ebenso auch alle übrigen körperlichen Gelüste, die ihn davon abhielten, in durchaus bürgerlicher Manier regelmäßig, von acht Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags, den Dienst am Werk zu verrichten.

So führt Geldszus die Askese als Schutzschild ein, das schriftstellerisches Schaffen überhaupt erst ermöglicht. Nachdem er auch innerhalb des Werkes allerorten Asketen unter den Figuren ausfindig macht, kommt der Germanist zu der Erkenntnis, daß er (Thomas Mann) die Askese in seinem Leben bald derart verinnerlichte, daß sie in der Tat zu seiner zweiten Heimat und zur "lebenslänglichen Voraussetzung seiner Produktivität werden konnte".

Sein homosexuelles Verlangen wurde auf die literarischen Figuren insbesondere der Novellen umgeleitet, wie etwa im "Tod in Venedig": Der sich glühend nach dem Jüngling Tadzio verzehrende Dichtergreis Gustav von Aschenbach trägt autobiographische Züge, betont Geldszus in seiner Schrift und lenkt zum Beweis den Blick auf Katia Mann, die einer berühmten Münchner Mathematikerfamilie entstammende Gattin. Sie glaubte, Zeugin eines derart homoerotischen Aufflammens gewesen zu sein, und berichtete in ihren Memoiren von einer Tadzio ähnelnden Figur, die Thomas Mann während eines Aufenthaltes im "Grand Hotel des Bains" im Jahre 1911 "sehr in die Augen gestochen" war. Ein vielleicht etwas dürftiger Hinweis auf künstlerische Triebkraft, wenn man bedenkt, wie vielfältig verschlungen die Wege der Inspiration sein können, die eine Dichterseele erreichen.

Klarer steht es mit den Verhältnissen zu den geistigen Paten, die den Boden für Manns Askeseverständnis bereitet haben. Zu seinem "Dreigestirn ewig verbundener Geister" zählen Richard Wagner, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche, wobei dem Dichterphilosophen eine besondere Bedeutung zukam. Dies wohl aufgrund seiner Askesekritik, mit der Thomas Mann, wie Geldszus mit einigem Recht und gewiß nicht alleine mutmaßt, zu großem Einverständnis kam. So richtete er seine eigene Lebenshaltung daran aus und verknüpfte untrennbar damit auch die Figuren in seinem Werk.

Friedrich Nietzsche hatte sich vor der Askese als vermeintlich höherer Daseinsform nicht verneigt, sondern sie in der ihm eigenen Weise unerbittlich analytisch zerfasert. Er entdeckte in ihr nur eine weitere Variante des puren Willens zur Macht und fand seine philosophische Grundhaltung einmal mehr bestätigt: "Diese Welt ist der Wille zur Macht – und nichts außerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem!"

Aus dieser Erkenntnis heraus entblößte er in seiner Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" die priesterliche Askese: "Die Sinnlosigkeit des Leidens, nicht das Leiden, war der Fluch, der bisher über der Menschheit ausgebreitet lag, und das asketische Ideal bot ihr einen Sinn!"

Wie selbstverständlich finden sich dann auch Abbilder dieses asketischen Priestertypus im Werk des Nietzscheverehrers Thomas Mann. Geldszus zieht zum Beweis seiner Thesen die ähnlich angelegten Figuren wie den Jesuiten Leo Naphta aus dem "Zauberberg" und die historische Person des Savonarola aus dem Roman "Fiorenza" heran. Der wortgewaltige Priester, der – früh abgestoßen von den Wirrnissen in Kirche und Staat – in den strengen Regeln des Dominikanerordens des 15. Jahrhunderts und in den "strafenden Geschichten der Offenbarung" bald eine geistige Heimat fand, steht hierfür exemplarisch. Sein puristisches Wollen gipfelte in dem Ziel, Florenz zu einem theokratischen Gebilde umzugestalten, indem schließlich zum Karneval 1495 alle Zeichen weltlicher Lust aus der Stadt verbannt und öffentlich verbrannt wurden.

Zudem hatte er ein abstoßendes Äußeres, was sich durchaus in Nietzsches Verständnis von einem asketischen Priester einfügte, als der "vorherbestimmte Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Herde", dessen "Herrschaft über Leidende" sein "Reich" sei.

Savonarola haßte die Schönen, Glücklichen und Besitzenden und forderte inbrünstig die gerechte Verteilung der Güter unter das Volk. Letztlich aber wollte er sich auf diesem Wege nur zum Führer der Darbenden machen. Denn auch er war ein Leidender, der nach Nietzsche die Leiden so gut kannte, daß er seiner "kranken Herde" aus dem Instinkt heraus voranschreiten wollte, um sie gegen die Gesunden und Starken zu verteidigen. Ebenso wie Nietzsche enttarnt auch Thomas Mann den Priestertypus in seiner Machtbesessenheit, wenn er den Fiores flehen läßt: "Hör auf, zu wollen, statt das Nichts zu wollen! Laß von der Macht! Entsage! Sei ein Mönch!"

Zugleich aber ist Nietzsches Verhältnis zu Askese auch zwiegespalten. Er preist genauso ihre Vorzüge und unterscheidet zwischen der religiösen Askese, die einzig den politischen Willen zur Macht bemäntelt, und derjenigen, die die Erkenntnis im Sinne philosophischer Wahrheitssuche befördert oder zur Stärkung des geistigen und körperlichen Befindens beiträgt. So schreibt Mann in den "Betrachtungen eines Unpolitischen" über Nietzsche: "Er schleudert seine späten, schwefeligen Blitze gegen das ,asketische Ideal‘, aber er selbst war der unbedingteste und fanatischste Asket der Geistesgeschichte … aber er, was war er denn selbst, wenn nicht Held, Genie und ,Gekreuzigter‘ in einer Person?"

Diesen Ausspruch als Schlüssel für das Mannsche Askeseverständnis anlegend, präsentiert Geldszus, wie Nietzsche den Lübecker Senatorensohn dazu inspiriert haben konnte, einen annehmbareren Asketentypus herauszumodellieren als den asketischen Priester: den Leistungsethiker. Er frönt jenseits des religiösen Strebens der weltlichen Pflicht im Alltag eines Kontors oder eben auch am Schreibpult des Dichters. Den Sinnesfreuden ist er ohne selbstauferlegten Verzicht hoffnungslos ausgeliefert. Deshalb nennt Thomas Mann den Leistungsethiker einen "Helden der Schwäche", das macht ihn nicht minder tragisch als den Priester.

Thomas Buddenbrook gehört in diese Reihe, die Hauptfigur des Romans "Buddenbrooks", in dem Mann den Niedergang einer hanseatischen Kaufmannsfamilie beschrieben hat. In diesem Fall ein "leidenschaftlicher Protestant", der die Dekadenz in sich und das Dilettantische seines Bruders Christian durch schonungslose Selbstkritik, ehrgeizige Leistungsbereitschaft und Entsagung bis zur Selbstaufgabe überwinden wollte.

Dreh- und Angelpunkt für die Typenprägung ist für Geldszus gerade der Widerstreit zu seinem Bruder Christian, dem dilettierenden Komödianten, denn der Zwist beschwört letztlich den Niedergang der Familie herauf: Leistungsethiker und Dilettant stehen einander gegenüber, der eine zieht, paradox genug, gegen die Dekadenz zu Felde, während der andere von ihr bereits überwältigt wird.

Wieder unterstreicht Geldszus das Autobiographische. Denn den inneren Kampf ihres Schöpfers haben die Figuren miteinander auszufechten. Der Bannkreis bürgerlicher Herkunft war auch bei Mann – wie Thomas Buddenbrook ebenfalls Sohn eines Lübecker Senators – durchtränkt vom protestantischen Arbeitsethos. Dem zu entweichen in die Welt der sich bajazzohaft gebärdenden Künstler schien ihm schier unmöglich, wenn auch die Anlage dazu drängte. Das abgründige, unberechenbare Künstlertum, mit seinem "verführerischen Hange zum Ungegliederten, Maßlosen, Ewigen, zum Nichts", wie es im "Tod in Venedig" heißt, schürte bei Thomas Mann tiefstes Unbehagen. Überdies hatte Nietzsche mit seinem "Fall Wagner" geradezu davor gewarnt, in dem er den Künstler als eigentlichen Narren enttarnte. Um aus der Misere zu finden, galt es also, den Bürger mit dem Künstler zu versöhnen, wie Geldszus es am Ende auf den Punkt bringt.

Diese literaturwissenschaftliche Studie ist überaus interessant zu lesen. Obendrein besticht sie durch einen klaren Stil. Innerhalb des gemeinhin mit Soziologendeutsch durchsetzten Genres mag das leider immer noch die Ausnahme bedeuten. Mit aller Schärfe in der Argumentation liefert der Autor einen weiteren, solide behauenen Baustein zur Annäherung an die Bedingungen künstlerischen Schaffens. Das dem Vorwort vorangestellte Zitat bleibt ihre wichtigste Lösung: "Wer enträtselt Wesen und Gepräge des Künstlertums! Wer begreift die tiefe Instinktverschmelzung von Zucht und Zügellosigkeit, worin es beruht!" (Thomas Mann, der Tod von Venedig)

(Verzicht und Verlangen, Oliver Kurt-Georg Geldszus, Verlag Dr. Köster, Berlin 1999, ISBN 3-89574-344-5, 316 Seiten, 64,80 Mark)