20.10.2021

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18.03.00 Unterhaltung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. März 2000


Unterhaltung

Der Wind stand günstig
Von HEINZ GLOGAU

Wir schrieben den 12. März 1938. Der Wecker hatte geklingelt, und ich war wie auch sonst aus den Federn gesprungen, um mich zu waschen, um Mutters Pludderplurksch – wie Opa den Kathareiner Gerstenkaffee stets genannt hatte – zu trinken und in die Marmeladenschnitte zu beißen, da hörte ich Fanfarentöne aus dem Radio, und eine Stimme verkündete: "Einheiten unserer stolzen Wehrmacht befinden sich seit heute früh auf dem Marsch über die deutsch-österreichische Grenze. Unsere Soldaten werden überall mit dem Ruf begrüßt: Ein Reich, ein Volk, ein Führer!"

Der Satz, der danach ertönte, löste bei mir einen Jubelschrei aus. Er verkündete nämlich, daß an allen Volks- und Oberschulen für diesen Tag schulfrei sei. Ich pflanzte mich auf den weißen Küchenstuhl neben dem Herd und biß in die zweite Butterstulle mit selbstgemachter Marmelade. Da klingelte es an unserer Woh-nungstür. Gün-ter Gisewski aus meiner Klasse, der Quarta der Herderschule, stand davor. "Heute is keine Schule! Kommst du mit?" raspelte er gleich los. Anscheinend hatte er immer drei Stufen auf einmal genommen.

"Wohin?" stutzte ich ahnungslos.

"Na zu uns nach Abrahamsheide!"

"Jetzt gleich?" staunte ich. Wir hatten zwar vor 14 Tagen mal darüber gesprochen, als Günter mir etwas von seines Vaters langohrigen Hasen und schlanken, braunen Rehen im Revier vorgeschwärmt hatte. Plötzlich war die Schose unerwartet aktuell. Aufgeregt wandte ich mich an meine Mutter: "Mama, darf ich?"

Sie nickte und nach ihrem "Aber-fahrt-vorsichtig!" polterten wir die Treppe hinunter.

Günter Gisewski, der von montags bis sonnabends bei seiner Tante in der Stadt wohnte, hatte mir schon oft von seines Vaters Försterei im tiefen Wald erzählt, aber was nun folgte, als wir hinterm Kümmelberg von der glatten Asphaltstraße abbogen, das hatte er nie erwähnt. Tief von Pferdefuhrwerken ausgefahrene und von Pferdehufen zerstampfte Waldwege empfingen uns, an deren einer Seite ein spärlich von wenigen Fahrradfahrern halbwegs festgewalzter Streifen hin und wieder sichtbar wurde. Manchmal verschwand er ganz, um plötzlich auf der anderen Waldwegseite weiterzuführen. Und der Wald links und rechts und vor uns hörte überhaupt nicht auf. An besonders schattigen Stellen, wo die Sonne nicht hinkam, lag noch harschig-schmutziger Winterschnee. Gleich daneben nasser, glitschiger Lehmboden, der unsere Fahrradreifen narrte, der sie auf der Stelle durchdrehen ließ, daß unsere Füße automatisch festen Boden suchten, ihn jedoch nicht fanden, sondern im Matsch landeten. Meine Güte, wie sahen meine erst gestern blank geputzten Schuhe heute aus! Hatte ich bisher, wenn eine Pfütze nahte, meine Füße von den Pedalen gehoben, so war es nun nicht mehr nötig.

So kam es, daß wir gar nicht mehr sonntagsmäßig die fünf Häuser, die einen kleinen Teich umstanden und sich Abrahamsheide nannten, erreichten. Mit einem Reisigbesen kratzten wir uns den Lehm von den Schuhen. Dürr und etwas eckig wie Günter hatte uns der grün uniformierte Förster Gisewski begrüßt. Seine Frau wischte ihre Hände an der Schürze trocken und fragte: "Tagchen Günter, wen bringst du uns denn da?"

Zur Försterei gehörte eine Amtsstube im Wohnhaus mit vielen Geweihen auf Holztäfelchen an den Wänden, wobei die größeren Zacken eines Zwölfenders und der präparierte Kopf eines Wildschweines herausragten. Neben dem aus roten Ziegeln erbauten Wohnhaus stand ein Stall – auch in Rotziegelbauweise, daneben befanden sich ein Hühnerzwinger aus Maschendraht und der der noch unbestellte Gemüsegarten der Förstersfrau. Unübersehbar ein akkurat viereckiger Misthaufen zwischen Garten und Stall, aus dem ich das Grunzen zweier Schweine und das Meckern einer Ziege zu hören vermeinte.

Nach dem Mittagessen streifte Günter mit mir durch den Wald. Der Boden war weich und nachgiebig. Er verschluckte unsere Schritte. Kerzengerade reckten sich Kiefernstämme zum Licht. Das Unterholz, noch blattlos, zeigte hier und da winzige, zartgrüne Spitzen. Durch vergilbte Buchenblätter und Kiefernnadeln drängte schon erstes zartes Grün von Anemonen. Doch dafür hatten wir kaum ein Auge. Ich schaute unentwegt zwischen den Baumstämmen weiter voraus, denn Günter hatte mich neugierig auf das flinke, hochbeinige Wild gemacht. Wir schlichen schon eine Stunde durchs Gehölz, doch außer einer krächzenden Krähe hatten wir noch kein sehenswertes Lebewesen gesichtet.

"Na, wo sind denn deine vielen Vierbeiner?" nörgelte ich wie ein genasführter Sonntagsjäger.

Günter drückte meinen Oberarm: "Still!", flüsterte er. "Willst du alle scheuen Ricken, Kitze und Böcke verscheuchen?"

Er drängte mich plötzlich nach rechts, und nach hundert Schritten sah ich eine Lichtung vor uns. Günter preßte seinen Zeigefinger senkrecht auf seine Lippen, verhielt seinen Schritt und deutete mit einem Kopfnick zur Waldwiese. Tatsächlich, dort stand etwas Braunes und daneben noch etwas und dahinter noch mehr. Ich hielt den Atem an, doch dann knackte ein trockener Zweig unter meinem Schuh. Die uns am nächsten äsende Ricke hob ihren Kopf, äugte zu uns herüber und schon stob das ganze Rudel davon und verschwand im Dunkel zwischen den Kiefern-, Birken- und Buchenstämmen. Es knackte im Unterholz und dann war es wieder still.

"Das war’s!", sagte Günter. "Nun können wir retour!"

"Warum? Wieso?" fragte ich.

"Wir müßten nun stundenlang pirschen, ehe wir ein ähnliches Rudel zu sehen bekämen!"

"Schade!" brummte ich. "Jetzt, wo es echt spannend wurde!"

Günter lachte: "Klar, pirschen macht Laune. Der Wind stand eben günstig. Aber wir müssen heute noch zurück. Morgen ist wieder Schule!"

"Da hast du recht", stöhnte ich. "Aber ich könnte hier noch weiter herumkundschaften."

"Besuch uns bald wieder!" meinte das Försterpaar beim Abschied. Wir schwangen uns in unsere Sättel und strampelten den lehmpfützigen Waldweg zurück. Es wurde schon dunkel, als wir hinterm Kümmelberg den Stadtrand erreichten. Fahnen flatterten aus vielen Fenstern. In Förster Gisewskis frühlingsahnender Natur hatte ich keinen Augenblick daran gedacht, wem und was wir eigentlich unsere Radtour verdankten, was Anlaß für unsere Pirsch durch den Abrahamsheidener Busch gewesen war und wie wir zu unserem Wildbeäugen gekommen waren. – Der Wind hatte eben günstig gestanden.

 

 

 

Warten auf den Frühling
Von MARGOT MICHAELIS

Auf unsichtbaren

Leitersprossen

klettern Vogellieder

in den Himmel

und fallen nieder

gleich bunten Tropfen

in ausgestreckte

Kinderhände

 

 

 

Die sieben Gaben
Von ROBERT JUNG

Nach einer alten schwedischen Sage entsandte Gott vom Himmel einst eine wunderschöne Fee mit lichtem Haar und einem Füllhorn voller Gaben auf die von ihm geschaffene Erde. Die Fee war ermahnt, diese Gaben nur an die Frauen aller Länder zu verteilen. Keine von ihnen sollte dabei zu kurz kommen, jede sollte ihre Wünsche frei und offen aussprechen dürfen. Diese Glücksfee hatte sich aber weder von der Schönheit einzelner Frauen noch von ihrem Charme zu bestechen lassen. Als die Spanierin die Glücksfee in ihrer unmittelbaren Nähe sah, rief sie, laut in die Hände klatschend: "O holde Fee! Gib mir von nun an schwarzes Haar, so schön und dicht, daß es mich gleich einem wallenden Mantel einhüllt, so daß sich alle Caballeros nach mir umdrehen und mich bewundern!"

Die Glücksfee erfüllte ihren Wunsch sogleich und veränderte der Spanierin den bis dahin getragenen Wuschelkopf in eine neue stolze Haarpracht.

Die Reihe der sieben Gaben kam nun an die Mohammedanerin, die mit vor Freude glänzenden Augen aufsah und freundlich sprach: "Mache mich ebenso rund wie der herrliche Vollmond, der über den Minaretts am silberglänzenden Bosporus steht, damit ich alle Männer damit bezaubere!"

Diesen Wunsch erfüllte die Glücksfee ebenfalls, aber er stimmte sie in ihrem Innern nicht recht froh, eher traurig.

Mit stolzem, wiegendem Gang schritt die Italienerin der Glücksfee aus Norrland entgegen und bat, eine Reihe schimmernder weißer Zähe zeigend: "O du vom Himmel gesandte gute Fee! Nur eines wünsche ich mir von dir, wunderbare große Augen, aus denen Blitze flammen und um mich alles versengen!"

Wieder erfüllte die Glücksfee einen Wunsch, etwas niedergeschlagen darüber, daß auch dieser nur weiblichen Eitelkeiten entsprach.

"O, du liebe Fee, gib mir die Anmut der Bewegungen", erbat sich die Französin grazil; die Engländerin aber sprach mit sanfter Stimme: "Ich erbitte mir von dir, liebe Glücksfee, die feine, zarte Farbe der Rose, damit mein Teint dem sanften Hauch der Junisonne gleicht!" Fast war die Glücksfee mit der Verteilung ihrer Gaben am Ende. Da entsann sie sich noch zwei weiterer Frauen auf Erden. Nicht so anspruchsvoll wie alle ihre Vorgängerinnen war die Russin: "Ich wünsche mir von dir, du gute Fee, immer eine würdevolle Haltung, weit wallende Gewänder und eine Ikone mit dem Muttergottesbild!"

Erfreut über diesen Wunsch machte sich die Fee auf zum letzten Punkt ihrer Reise.

In die himmlischen Gefilde heimwärts ziehend, erblickte sie das von blitzenden blauen Seen übersäte alte Ermland. Sie sah eine weibliche Gestalt vor einem hölzernen Waschtrog, um sie eine Schar tollender, fröhlicher Kinder. Die Glücksfee hielt inne: "Ich habe noch eine letzte Gabe zu verschenken, liebe Frau. Nenn mir einen Wunsch, und ich erfülle ihn dir!" – Alle vorangegangen Frauen verzogen spöttisch den Mund vor der Frau am Waschtrog. Sie riefen wie im Chor: "Gib doch dieser Frau eine Wäscheleine als Gabe!"

Da wandte die Glücksfee sich zu ihr um und rief: "Du sollst Besseres bekommen als all deine Vorgängerinnen: Ich schenke dir nichts Vergängliches wie den anderen. Du bekommst von mir die letzte Gabe: ein edelmütiges Herz!"

 

 

 

Lieber schwarzer Gesell
Von ANNEMARIE MEIER-BEHRENDT

Ich hätte es wissen müssen, konnte jedoch dem Mitleidgefühl nicht widerstehen, als ich die Amsel mit aufgeplusterten Federchen, in denen der kalte Ostwind spielte, futterheischend auf der Balkonbrüstung sitzen sah. Hunger tut weh, besonders dann, wenn der Boden hart gefroren und mit einer Schneeschicht bedeckt ist. Also steckte ich die aus den Advent- und Weihnachtssträußen herausgezogenen Ilexzweige mit den roten Beeren, die von den Vögeln gerne gefressen werden, in die Balkonkästen, legte noch ein paar schrumpelig gewordene Äpfel dazu. Alles wurde gerne und mit Heißhunger angenommen.

Nun ist der Frühling gekommen, auch wenn er oftmals glauben läßt, daß er nur im Kalender verzeichnet ist. Doch die Wolkenlücken und wärmenden Sonnenstrahlen, die dann und wann in Erscheinung treten, lassen Hoffnung an warme Sommertage aufkommen. Was liegt da also näher, als sich darauf ein- und die Balkonkästen für diese Zeit herzurichten? Somit besorge ich Samen und kleine Pflänzchen, säe und topfe ein und habe bereits die Blütenpracht, die mich bald erfreuen wird, vor Augen.

Ein kleiner schwarzer heranfliegender Schatten läßt mich von meiner Tätigkeit aufschauen. Der schwarze Vogel mit dem gelben Schnabel erschrickt über meine Anwesenheit, flattert laut zeternd über die Straße hinweg und beobachtet mich von der Dachrinne des gegenüberstehenden Hauses.

Drinnen klingelt das Telefon, das Gespräch dauert eine Weile. Als ich zurück auf den Balkon trete: halbwegs geleerte Kästen, auf dem Boden zwischen zerstreuter Erde beschädigte, herausgekratzte Pflanzen. Ärgerlich sammele ich ein, kehre zusammen, beginne von neuem alles herzurichten, stecke als Abschluß der Arbeit kleine Stöckchen in die Erde, um den Anflug der Amsel und weitere Ausgrabungen zu verhindern. Auch beschließe ich, im Winter kein Futter mehr hinzulegen.

Aber – werde ich mich dann im darauffolgenden Frühjahr an ihrem Gesang erfreuen können, wird sie weiterziehen und dort ihr Lied erklingen lassen, wo sie einen gedeckten Tisch vorfand?

 

 

 

Die alte Schmiede
Von ULLRICH C. GOLLUB

Es ist noch nicht zu lange her, daß mir Freunde mitteilten, die alte Schmiede, die zum väterlichen Hof in meinem Heimatort in Masuren gehörte, sei nicht mehr da. Mein Großvater hatte sie einst bauen lassen. Die neuen Herren des Landes rissen sie ab. Vom Großvater hatte ich erfahren, daß die großen Feldsteine, die Teil der Schmiede waren, von seinem Acker herkamen, und er hatte mir erzählt, daß die Ziegelsteine, die da eingemauert waren, von der Ziegelei in Rogowken, die etwa einen Kilometer von unserem Dorf entfernt lag, stammten. Er erwähnte dabei auch, daß die Ziegelei vor vielen Jahren zu seinem Hof gehörte. Er hatte sie verkauft und für das Geld einen Hof erworben, der an seinen Acker grenzte.

Die Schmiede lag auf der anderen Seite der Dorfstraße fast gegenüber von unserem Hof. Sie war ein kleines unscheinbares Gebäude, zu dem ein kleiner Garten gehörte und an dessen Rückseite ein kleines hölzernes Häuschen mit einem Herz vorzufinden war. Der Schmiedemeister Kowallik hatte die Schmiede von meinem Vater gepachtet, und man hatte mir erzählt, daß der Pachtzins pro Monat zwanzig Mark betrug. Dieser Betrag wurde dann von Zeit zu Zeit gegen Geld aufgerechnet, das der Vater dem Schmied für seine Arbeiten schuldete. Dann und wann wurden in diesen Handel auch ein Sack voller Getreide, eine Fuhre Stroh oder einige Zentner Kartoffeln eingeschlossen.

In der Schmiede wurden nicht nur Pferde beschlagen und Wagenräder, Wagendeichseln und was sonst noch vom Stellmacher kam hergerichtet, es traf sich da auch die Männlichkeit des Dorfes und redete über das Wetter, die Ernte, den Schmuggel mit Polen, der sich bis zu unserem Dorf ausgedehnt hatte, und man diskutierte die Probleme, die zu den Menschen des Dorfes und der Umgebung gehörten. Pfeifenrauch und Schniefke oder Schnupftabak gehörten zum Beisammensein der Männer in Manchesterhosen und hölzernen Klumpen. Vorgekommen soll es dabei auch sein, daß schon mal ein Quartierchen Schnaps seinen Weg in die Schmiede fand. Der Dorfkrug lag ja nur ein kleines Stück von der Schmiede, und der Schmiedelehrling hatte flinke Beine.

Die Schmiede und was dazu gehörte war für die Buben des Dorfes und auch für mich von mehr oder weniger großem Interesse, wenn wir auch nicht zu dem Kreis der Männer gehörten, die da ihre Pferde beschlagen ließen, Pfeife rauchten und Schniefke in ihre schwarzen Nasenlöcher beförderten. Ich war gerne in der Schmiede, weil ich da den Nachbarsleuten zuhören konnte und der Lehrling des Schmiedemeisters Kowallik mir zeigte, wie man Schmiedenägel machte, den Blasebalg zog und das Feuer in der Esse entfachte. Von besonderem Interesse war ein Blick von der Feuerstelle durch den Schornstein bis noch gegen den Himmel. Irgend jemand hatte auch berichtet, daß in dem Schornstein der Schmiede Eulen und Fledermäuse ihre Heimstatt hatten.

Als ich dann in das Alter kam, wo man daran dachte, den Leuten schon mal diesen oder jenen Streich zu spielen, richteten sich meine Blicke auch auf die Schmiede. Gewiß, ich hatte schon mal dem Nachbarn die Schweine aus dem Stall gelassen, war in die Gastwirtschaft gegangen und hatte ein Zweipfennigstück wechseln wollen und ich hatte den Fischhändler Jule Rattay in seine eigene Wohnung gesperrt, so daß er aus dem Fenster klettern mußte, wenn er oder seine Frau auf das stille Örtchen zu gehen hatten. Ich wußte aber nicht, was für einen Schabernack man dem Schmiedemeister Kowallik bereiten konnte. So wandte ich mich an unseren Oberkutscher, den "Onkel" Eduard, der eigentlich zu allem Rat wußte.

"Ein Zigarre aus der Kiste vom Herrn mußt du mir bringen", meinte er, "da werde ich dir etwas ganz Richtiges sagen." Nun, der Herr war mein Vater, und er hatte nichts dagegen, wenn ich schon mal eine Zigarre einem der Männer auf unserem Hof gab. Ich hatte ihm nur darüber zu berichten.

So kam es denn, daß der gute Eduard mir ein Stück Glas in die Hand drückte und mir auftrug, es dem Schmied auf den Schornstein seiner Feuerstelle zu legen. "Wenn ihm das Feuer dann nicht angeht und er durch den Schornstein nach oben guckt und dabei den Himmel sieht, wird er sich wundern, weshalb das Feuer nicht brennen will", belehrte er mich und er strich sich dabei über das lichte Haar und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre, die aus Vaters Kiste kam. Dann aber, als ich am kommenden Tag vor der Tür der Schmiede stand und dem Lehrling zusah, als er vom Dach der Schmiede kletterte, sagte der Schmied nur: "Wer hat dir das gesagt? Der Ede? Diesen Schabernack haben wir beide zusammen schon dem alten Flöhs gespielt."

Der Flöhs, der Kowallik und der Ede sind schon lange nicht mehr da, und die Menschen aus dem Dorf hat der Wind über das Land getrieben. Von der Schmiede wird wohl niemand mehr etwas zu berichten haben.

 

 

 

Ein äußerst nützliches Geschenk
Von WERNER HASSLER

Pünktlich zu meinem Geburtstag lud ich meine Freunde und Nachbarn ein – einenteils zu meinen Ehren, andernteils zu Lasten meines Budgets. Ich heuchelte reichlich Entzückung über die einfallslosen Geschenke, die mich zu erschlagen drohten. Nun reihte sich auch Nachbarin Ute in die Reihe der Gratulanten. Artig erzählte sie mir einen Spruch vom langen Leben. Dabei überreichte sie mir ein Päckchen. In ungeduldiger Erwartung entblätterte ich die bunte Verpackung, um danach ratlos einen handtuchgroßen braungelben Lappen in den Händen zu halten.

"Ein tibetanisches Heiltuch!" frohlockten meine Gäste aus einem Munde und klatschten vor Begeisterung in die Hände. Als hätten sie meine fragenden Blicke verstanden, sprachen alle mit unüberhörbaren Vorwurf in der Stimme: "Wie, du kennst das tibetanische Heiltuch nicht?" So vorwurfsvoll, als sei ich der einzige Mensch im deutschsprachigen Raum Mitteleuropas, der von der wundersamen Heilkraft dieses Tuches noch nichts gehört hatte.

Aber das sollte sich bald ändern. "Ich hatte einen schlimmen Tennisarm", erzählte Klaus. "Meine Elle wickelte ich mit dem Tuch ein. Du wirst es nicht glauben wollen, vierzehn Tage später belegte ich bei den Klubmeisterschaften einen beachtlichen 14. Platz!" Beeindruckt gratulierte ich Klaus zu diesem grandiosen Erfolg. Marga wußte zu berichten, daß durch Auflegen des Tuchs ihre nervöse Galle zur Beruhigung gekommen sei. Robert krempelte sein Hosenbein hoch und zeigte uns seine unsichtbare Arthritis am linken Knie, die dieses tibetanische Tuch beseitigt hatte. Ich war tief gerührt.

"Aber was mach’ ich bei Kopf- oder Zahnschmerzen?" wagte ich einen Einwand.

"Dann legst du das Tuch nachts auf das Kopfkissen …"

"Aber was ist, wenn ich um zehn Uhr während der Frühstückspause im Büro von diesen Schmerzen gepeinigt werden?" fragte ich. "Ich kann mir doch nicht das Tuch in den Mund stecken, dabei einen Erstickungsanfall riskieren. Oder mir das Tuch um den Kopf wickeln. Ich sähe bestimmt albern aus." Meine Gäste zerstreuten diesen Einwand. "Kopf- und Zahnschmerzen treten nur mitten in der Nacht auf!" Dann tauchte das größte Problem auf: Ich war nämlich pumperlgesund! Ich hatte keinen Tennisarm, keinen nervösen Magen und auch kein schlimmes Knie. Nicht einmal einen plombierten Zahn konnte ich nachweisen. Ich begann mich zu schämen. Wie sollte ich jemals die wundersame Heilkraft dieses tibetanischen Tuchs am eigenen Körper erfahren?

Bei diesem Gedanken konnte ich keinen Schlaf finden. Mir blieb keine andere Wahl – ich mußte mir eine Krankheit zulegen. Um 3 Uhr 45 kam mir die rettende Idee. In der Frühe werde ich bei offenem Fenster eiskalt duschen. Mich danach nicht abfrottieren und als Zugabe noch nasse Strümpfe anziehen. Zufrieden schlief ich ein.

Mit einem sportlichen Sprung wollte ich das Bett verlassen. Dabei traf es mich so schmerzlich im Kreuz, als hätte eine böse Hexe auf mich geschossen. Wie ein verunglücktes Fragezeichen verharrte ich regungslos vor dem Bett. Meine tiefbesorgte Frau eilte sofort herbei. "Leg dich wieder nieder", war ihr gutgemeinter Rat. Doch dann brach es schrill aus ihr heraus: "Halt!" Meine Frau hatte die beste Idee des noch jungen Tages. "Das tibetanische Heiltuch! Ich bring’ es dir, dann legst du dich darauf!"

Nach 180 Sekunden streckte meine Frau den Kopf ins Schlafzimmer. "Schon besser?"

"Nein", war meine wehleidige Antwort. Nach weiteren 356 Sekunden wollte meine besorgte Gattin wissen: "Ist’s jetzt besser?"

Ich schüttelte verneinend den Kopf. Mit einem Taxi fuhr ich zu einem Arzt. Ich war mir sicher, daß nur Pflichtversicherte solche Spritzen erdulden müssen. Jedenfalls verließ ich kerzengerade die Praxis und pfiff übermütig den Radetzky-Marsch.

Zu Hause erwartete mich schon strahlend meine Frau. "Fällt dir hier in der Wohnung nichts auf?"

Ich sah mich um. "Die Fenster", half sie mir auf die Sprünge.

Ich schaute und staunte mit offenem Mund. Derartig streifenfreie, saubere Fenster hatte ich mein Leben lang nicht gesehen.

"Schatz, wie hast du das nur hingezaubert?"

"Ganz einfach – ich habe die Fenster mit dem tibetanischen Heiltuch nachgerieben!"

Ich war tief beeindruckt von der Wirkung dieses Tuchs.

 

 

 

Böse Vorahnungen
Von ROBERT JUNG

Kaum ein anderer Schauspieler war so abgründig von Vorahnungen geprägt wie der berühmte Filmstar Emil Jannings. Seine preisgekrönten Filme waren nicht allein das Ergebnis hoher Schauspielkunst und unermüdlichen Fleißes. Es steckte, wie man heute weiß, weit mehr dahinter. Selbst dann noch, als der berühmte Mime von Erfolg zu Erfolg eilte und die Briefe, die ihm seine Fans zustellten, ganze Körbe füllten. Jannings besaß das gewisse Etwas. Er nannte es zwar Instinkt. Und er ließ darüber keinen Zweifel aufkommen, daß ihn dieser Instinkt in seiner gefährlichsten Rolle nicht im Stich ließ. Aber, was er glaubte, Instinkt zu nennen, war eigens seine Vorahnung eines gefährdeten Lebens …

Bevor seine Glanzzeit mit dem Film "Der blaue Engel" als Professor Unrat anhob, war Jannings in einem Film verpflichtet, die Rolle des die grausame Christenverfolgung einleitenden Kaisers Nero zu spielen. Dieser Film sollte in Rom abgedreht werden. Dabei war eine Szene aus dem berühmten "Circus Maximus" vorgesehen, um Glanzlichter aufzusetzten: Der Effekte wegen sollte der "gespielte Nero", damaliger Zeit entsprechend, von einer fünf Meter hohen Loge aus die Löwen in der Arena mit saftigen Fleischbrocken reizen, um auf diese Weise die Sensationsgier (!) der Zuschauer auf den Höhepunkt zu bringen. An und für sich war die Rolle Jannings wie auf den Leib geschrieben: eben ein imposanter, doch grausamer Nero voller Tücken und blutgieriger Einfälle.

Der Mime Jannings, von seinen Vorahnungen gewarnt, besprach sich stundenlang mit dem Regisseur. Dieser aber, auf eine Weltsensation des Films erpicht, ließ einige Dompteure rufen und fragte sie, ob für den Schauspieler eine Gefahr in dieser Szene bestehe? Die Zirkusleute berieten sich lange Zeit, unter ihnen auch eine Dompteuse. Nach einer Weile erklärten sie übereinstimmend, es bestünde nicht die geringste Gefahr, wenn der Filmstar von jener Loge aus den Löwen die Fleischstücke vorhalte und sie damit in Rage bringe. Trotzdem weigerte sich Jannings, dem Ersuchen des Regisseurs nachzugeben. Nach endlosem Hin und Her fand man schließlich eine Lösung: Für den großen Mimen sollt ein Double einspringen.

Nachdem man ein solches endlich fand, begann eines Morgens die Probe: Kaiser Nero saß mit einem glänzenden Gefolge hoch oben in der Loge und hielt den brüllenden Löwen die Fleischstücke hinunter, sie aber so bewegend, daß keine der Bestien sie erreichten. Doch mittlerweile wurden die Tiere immer wilder und sprangen fauchend höher und höher.

Plötzlich hatte einer der Löwen die Brüstung der Loge mit seinen weit ausholenden Pranken umklammert; dann stürzte er sich wild fauchend auf das unglückliche Double. Der Anblick der noch blutenden Fleischstücke, die der den Nero spielenden Doppel-Schauspieler bewegte, entflammte die Wut der Bestie bis zur Raserei. Die Zähne fletschend und mit Blitze sprühenden Augen warf sich der Löwe auf den Unglücklichen, grub seine gräßlichen Pranken in sein Opfer und riß es dann mit sich in die Arena.

Die Gesichter der Schauspieler, das von Jannings und seinem Regisseur, versteinerten. Kalte Schauer rannen den Männern, aber auch allen Schaulustigen über die Schultern, als der Löwe sein Opfer vor ihren Augen zerfleischte, Stück für Stück. Mitten in dieser Schrecksekunde sprangen einige der anwesenden Dompteure in die Arena. Vergeblich, der blutgierige Löwe ließ von den Resten seines Opfers nicht ab. Endlich gelang es ihnen, diesen und die anderen Löwen in ihre Käfige zurückzutreiben. Das Jannings-Double war bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.

Emil Jannings war an diesem schwarzen Tag nicht mehr ansprechbar. Zwar hatte ihn böse Vorahnungen gewarnt, Neros Auftreten im Circus mit den Löwen darzustellen, aber er war tief ergriffen als Zeuge des furchtbaren Geschehens.

Einige Zeit danach lief der "Nero-Film" in fast allen Lichtspielhäusern des Kontinents an. Millionen Menschen ließen sich von ihm faszinieren. Des großen Mimen Name überdauerte die Zeit bis heute. Der Name jenes unglücklichen Doubles war für immer in den Sand geschrieben …