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18.03.00 Das Loblied eines Wittenberger Kopernikus-Schülers auf das Preußenland

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. März 2000


"Tochter der Venus und des Meeres"
Das Loblied eines Wittenberger Kopernikus-Schülers auf das Preußenland
Von Ruth Geede

Ihr habt wohl in einem wahren Paradies gelebt!" Diesen leicht spöttischen Satz haben viele Ostpreußen schon einmal gehört – dann, wenn sie von ihrer Heimat erzählen, wie sie einmal war, ehe sie aus ihr vertrieben wurden. O ja, es war schon ein Paradies, in dem die Natur noch das Sagen hatte, ein fruchtbares Land unter hellem Himmel, der sich in den weiten Wassern spiegelte, mit einer Vielfalt von Flora und Fauna, wie sie anderswo kaum zu finden war. "Paradeisa" nannten die alten Griechen ihre Tiergärten. Und so bezeichnete schon ein Schüler des Nikolaus Kopernikus, der Professor Georgius Joachimus Rheticus, unsere Heimat und sang ihr in seinem "Encomium Borussiae" ein geradezu euphorisches Loblied, eine einzige Hymne an das Land Preußen als "Tochter der Venus und des Meeres".

Dabei war der Wittenberger Protestant ein Schüler Melanchthons, und der hielt Kopernikus für einen "sarmatischen" Gelehrten und stimmte in den Chor der Kopernikus-Gegner ein, die diesen einen Narren nannten. Als solcher wurde der Frauenburger Domherr in dem berüchtigten Elbinger Possen- und Spottspiel dargestellt. So war es geradezu ein Wunder, daß Melanchthon dem jungen Professor Rheticus den erbetenen Urlaub für eine Reise nach Frauenburg bewilligte. Aus dem dann allerdings ein jahrelanger Aufenthalt in der Domburg hoch über dem Frischen Haff wurde.

Wie Luther und Melanchthon das neue Weltsystem des Kopernikus ablehnten, so stand auch dieser der Reformation skeptisch gegenüber. Aber es konnte nicht ausbleiben, daß sich mit der Zeit durch die starke Überzeugungskrraft beider Ideen, die das 16. Jahrhundert revolutionierten, ein Wechsel vollzog. Vielleicht lag es auch an der Weisheit und Souveränität des alternden Gelehrten, daß er den jungen Protestanten zu seinem Hausgenossen auf der Domburg machte. Und zu seinem Schüler, denn Rheticus lernte fleißig und wurde ein glühender Bewunderer des Begründers des neuen astronomischen Weltbildes. Ihm zollte er auch nach dessen Tod im Jahre 1543 seine Verehrung, als er sich mit um die Herausgabe des Standardwerkes des großen Gelehrten bemühte.

Schon zu dessen Lebzeiten hatte Rheticus seine "Narratio Prima", eine erste Erzählung von der Lehre des von ihm hochverehrten Lehrers geschrieben, der die Sonne stillstehen und die Erde kreisen ließ. Um Kunde von dem Land zu geben, das dem großen Kopernikus Ruhe und Kraft gab, seine neue Lehre zu entwickeln, hängte er dem Werk sein "Encomium Borussiae" an, eine einzige Lobrede auf das Land Preußen. Geschrieben in der pathetischen Sprache jener Zeit mit wundersamen Schnörkeln und Vergleichen, die uns geradezu ein Vergnügen bereiten. Denn wem käme es heute in den Sinn, unsere nordische Heimat mit dem antiken Rhodos in Verbindung zu bringen und zu behaupten, daß von der "Roseninsel" in der Ägäis direkte Spuren zu der preußischen Küste führen? Um das zu erklären, müssen wir uns schon mit den – nicht ganz leicht lesbaren – Anfängen der Lobeshymne beschäftigen. Sie führt uns in die griechische Mythologie:

"Pindar feiert in seiner Ode, von der uns berichtet wird, sie sei mit goldenen Buchstaben auf einer Tafel im Tempel der Minerva aufgestellt gewesen, den Diagoras aus Rhodus, welcher in Olympia den Sieg im Faustkampfe davon getragen. In dieser Ode nennt er dessen Vaterland eine Tochter der Venus und die vielgeliebte Tochter des Sonnen-Gottes. Jupiter, sagt er weiterhin, habe dort sehr viel Gold regnen lassen und zwar deshalb, weil sie seine geliebte Minerva verehrten. Aus demselben Grunde habe die Göttin selbst die Insel durch Gelehrsamkeit und die freie Bildung, welche dort reichlich gepflegt wurde, berühmt gemacht."

Und nun kommt’s:

"Diesen alten Ruhm der Rhodier dürfte man in unseren Tagen kaum passender auf ein anderes Land als auf Preußen übertragen. Ohne Zweifel wird man erkennen, daß diese Lande unter der Herrschaft der selben Gottheiten wie Rhodus stehen, wenn ein kundiger Astrolog nach den Gestirnen forschen wollte, welche dieser schönen, fruchtbaren und glücklichen Gegenden schützend vorleuchten."

Wie muß der Wittenberger Professor doch dieses Land, unser Ostpreußen, lieben gelernt haben, daß er solch einen kühnen Vergleich anstellt. Ja, daß er es als Zufluchtsland des Apoll und der Diana bezeichnet und das auch begründet.

"Auch Preußen hat ohne Zweifel einst das Meer bedeckt. Gibt es wohl deutlichere bessere Anzeichen dafür, daß noch heute auf dem festen Lande, und zwar sehr weit vom Meeresgestade Bernstein gefunden wird? Sicher ist Preußen nach dem selben Gesetze durch das Geschenk der Götter dem Apollo zuteil geworden, als ein aus dem Meer emporgestiegenes Land, und dieser liebt es nicht minder wie einstmals Rhodus."

Die Mittelmeerinsel Rhodos und das nordische Land an der Ostseeküste – ein Vergleich, der doch sehr gewagt erscheint, aber der aus der Begeisterung der Menschen aus der Renaissance über die damalige Wiederentdeckung des klassischen Altertums für die Kultur erklärlich ist. Nun, immerhin räumt Rheticus ein, daß der Sonnengott das Preußenland nicht so senkrecht mit seinen Strahlen treffen kann wie Rhodos. Aber auf andere Weise mache er das wieder gut: was er bei Rhodos durch senkrechte Strahlen leiste, das bewirke er in Preußen durch sein längeres Verweilen über dem Horizont. Wie müssen dem Wittenberger Gelehrten doch unsere langen Sommertage und hellen Nächte begeistert haben, die wir auch so lieben.

Aber zurück zu Apoll, der ja auch der ärztlichen Kunst mächtig war. Ihm weist Rheticus den Bernstein zu: "Ferner dürfte kaum jemand in Abrede stellen, daß der Bernstein ein besonderes Geschenk des Gottes ist. Es wird vielmehr jeder, der da erwägt, welch hohen Wert der Bernstein hat und welchen Gebrauch man von ihm in der Medizin macht, ihn nicht mit Unrecht als dem Apoll heilig bezeichnen."

Apoll war auch ein eifriger Jäger. Und der Wildreichtum Preußens erscheint Rheticus ein weiterer Beleg dafür, daß der Gott sich unsere Heimat als Refugium auserwählt hat. Seine Beweisführung wörtlich:

"Da er schon lange vorher erschauet hat, daß die wilden Türken sein Rhodus verwüsten würden, (was allerdings erst zu Lebzeiten des Rheticus geschah!), so ist es erklärlich, daß er mit seiner Schwester Diana hierher gewandert ist und seinen Wohnsitz in diesem Lande aufgeschlagen hat. Betrachtet man die Wälder, so kann man sagen, sie seien als Tiergärten – eben Paradeisa – und als Bienenplätze von Apollo angelegt worden. Betrachtet man die Gebüsche und Gefilde, die Seen, Sümpfe, Quellen, so könnte man sagen, sie seien der Diana geheiligt und Fischteiche der Götter. Klar ist es, die Göttin habe vor anderen Gegenden das Preußenland auserwählet und, gleichwie in ihrem Paradiesgarten, Tiere der verschiedensten Art hierhergeführt. Denn man findet außer Hirschen, Rehen, Bären, wilden Schweinen und anderem bekannten Wilde auch Auerochsen, Elche, Buckeltiere und ähnliche Gattungen, welche man in anderen Gegenden kaum vorfindet. Ich will gar nicht einmal der vielen und sehr seltenen Arten von Fischen und Vögeln gedenken." Mit Buckeltier wird Rheticus den Wisent gemeint haben.

Kein Wunder, daß nach den Vorstellungen des Rheticus der schöne Apoll hier blieb und mit seiner Preußengattin etliche Kinder zeugte. Und die waren nun höchst irdisch, denn es waren Städte, allen voran Königsberg, "die Residenz des durchleuchtigsten Fürsten und hohen Herrn, Herzog Albrecht von Preußen, Markgrafen von Brandenburg etc., des Gönners und Beschützers aller gelehrten und berühmten Männer, eines wahren Mäcenas unserer Zeiten."

Aber auch Thorn ist ein Ergebnis dieser fruchtbaren Verbindung – "… einst durch den Handel, gegenwärtig durch seinen großen Sohn, meinen Lehrer genugsam bekannt …" – und Frauenburg, der Sitze vieler gelehrten und frommen Männer. Und dann die Schlösser und Burgen, "die man wohl Paläste und Tempel Apollos nennen könnte, die Gärten und Kornfelder wie das ganze Land eine Lieblingsstätte der Venus …" – das neue Rhodos, das Rosenland. Preußen ist ja eben eine Tochter der Venus und des Meeres. "Deshalb zeigt es auch solche Fruchtbarkeit, daß Holland und Seeland von hier gespeist werden, es ist überhaupt die Kornkammer für die Nachbarstaaten, ja sogar für England und Portugal. Außer Getreide führt es sogar die besten Fische aus und andere Sachen, an denen es Überfluß hat …"

Rheticus muß vom Preußenland geradezu fasziniert gewesen sein, daß er ihm solch eine Hymne singt. Vielleicht hat er aber diese, uns heute doch sehr seltsam anmutenden Beispiele gewählt, um seinem verehrten Lehrer eine Reverenz zu erweisen, denn Kopernikus war ein großer Kenner der Antike.

Mögen wir heute über solch eine überbordende Lobpreisung lächeln, uns die Synthesen abwegig erscheinen, so sollten wir doch bedenken, in welcher Zeit sie entstanden ist. Damals mag Rheticus die Scholaren mit seiner blumigen Diktion entzückt und wohl manchen bewogen haben, auch in das Land der Götter und Gelehrten zu ziehen, über dem ein weiser Herzog die Hand hielt.

Rheticus ist mit Sicherheit nie auf Rhodos gesesen. Aber wer einmal in der Mittagsglut der Mittelmeerinsel den Duft von wildem Thymian und Lavendel verspürt hat, der mag schon Parallelen ziehen zu den sonnenwarmen, duftenden Ufern unserer Heimat. Ein Hort für Gelehrsamkeit und freie Bildung wie das Rhodos der Minerva war Preußen immer. Und die Meere rauschen hier wie dort den Choral der Zeit.

Aber doch stößt so etwas wie Bitterkeit in uns auf. Wenn schon damals vor 450 Jahren unsere Heimat als Kornkammer gepriesen wurde, als ein schönes, fruchtbares und glückliches Land, das seinen von der Natur gegebenen Reichtum in die Welt tragen konnte, dann fragt man sich: Was ist daraus geworden?

Sprechen wir also ruhig weiter von einem verlorenen Paradies. Es hat seine Berechtigung. Und es klingt, gemessen an den Elogen des Rheticus, geradezu bescheiden.