20.10.2021

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18.03.00 Die ostpreußische Familie extra

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 18. März 2000


Die ostpreußische Familie extra
Lewe Landslied!

"Ich habe schon lange gesucht und werde weiter, solange meine Augen sehen können, noch suchen!" Dies ist der Schlußsatz aus einem Brief, der zu denjenigen gehört, die mich fast ratlos machen. Denn wo anfangen, wo suchen? Richard Stad aus Spremberg hat ihn geschrieben, wieder ein "Wolfskind", und wieder sind es Angaben, die man kaum verwenden kann, weil sie nur auf vagen Erinnerungen beruhen.

Er erinnert sich an keine Namen, aber an sein Elternhaus, das sehr groß war, umgeben von einem Eisenzaun. Auf dem Hof gab es einen großen Hund, dort hing auch eine Schaukel. Morgens kam immer ein Auto und holte seinen Vater ab, der einen langen Ledermantel mit Armbinde trug. Die Mutter begleitete ihn mit dem kleinen Sohn und seiner größeren Schwester (Käthi?) zum Flughafen. Gravierender sind dann seine Erinnerungen an das Kriegsgeschehen, an Schießereien und Explosionen, an Tote und Verletzte. Irgendwo wurde das Kind von Mutter und Schwester getrennt und geriet in einen Zug. Bei einem Aufenthalt versteckte ihn ein Pfarrer unter seinem Mantel. "Dann haben wir am Seminarium (in Kaunas?) gebettelt. In unserer Schar waren einige Kinder und eine alte Frau. Wir schliefen in Treppenhäusern oder Erdgeschossen. Ich habe wohl ein Medaillon mit einem Foto um den Hals gehabt, das ging verloren."  Später brachte ein Student des Seminars den kleinen, blonden Lockenkopf mit den blauen Augen zu seinen Eltern auf das Land. Sie behielten den Jungen, er bekam den Namen Algis Kurmauskis. Als er erwachsen wurde und zur Armee mußte, hat der Pastor – diesmal ist wohl der ehemalige Student gemeint – ihn nach Raseiniai zur Registrierbehörde gebracht und seinen Namen mit Richardas Stadas angegeben. "Vielleicht habe ich mich als Kind Richard Stad oder so ähnlich genannt, und der Pastor wollte nun diesen richtigen Namen angeben", meint Herr Stad. Er bekam auch eine Geburtsurkunde – ohne irgendwelche Unterlagen – ausgestellt. Und so lebt er noch heute, nicht wissend, wann und wo er geboren wurde, wie er richtig heißt, ohne Kenntnis, ob Verwandte, vielleicht sogar noch Mutter und Schwester, leben. Ja, liebe Ostpreußische Familie, das ist alles. Der Name Stad stimmt mit Sicherheit nicht, er könnte ähnlich klingen, aber wie? Ich wage da eine Vermutung: Ein ostpreußischer Name ist Stadie. Die Schwester könnte also Käthe Stadie heißen. Ein winziger Funken Hoffnung, aber vielleicht entzündet er eine Lunte, die zur richtigen Spur führt. (Richard Stad, Heinrichsfelder Allee 69 in 03130 Spremberg.)

Ähnlich verlief die Kindheit von Alfred Schalkau, aber hier hat es doch schon Lösungen gegeben, wie ein Bericht in der "Kaliningrader Prawda" vom 29. September 1992 beweist. In ihm wird das Schicksal des 1935/36 geborenen Kindes einer Arbeiterfamilie aus Königsberg-Rosenau unter dem Titel "40 Jahre unter fremdem Namen" geschildert. Alfred Schalkau geriet als verlassenes Kind – Vater im Krieg, Mutter mit Typhus im Krankenhaus – nach Litauen. Dort arbeitete der Junge bei Bauern, später als Hirte, mußte sich bei Razzien immer wieder verstecken, und erst fünf Jahre nach Kriegsende bekam er wieder eine Identität: Als Alfred Ernestowitsch Schalkausas wurde er Sowjetbürger und erhielt als Traktorfahrer Arbeit auf einer Kolchose. 1958 kam er in seine Heimatstadt Königsberg, wurde eingezogen und erhielt danach einen Arbeitsplatz in einer Fischfabrik. 1976 erreichte Herrn Schalkau – inzwischen verheiratet und Vater eines Sohnes – über das DRK in Hamburg die Mitteilung, daß Angehörige seiner Familie in Deutschland lebten. Die Mutter war verstorben, ein Treffen mit Vater und Schwester wurde ihm von den Behörden verweigert. Das kam erst nach langer Unterbrechung der brieflichen Verbindung 1990 zustande. Alfred Schalkau durfte ausreisen, zum ersten Mal nach 45 Jahren seine Verwandten umarmen und Blumen auf das Grab seiner Mutter legen. Auch seinen Vater sah er nicht wieder: Er war 1980 in Hamburg verstorben. Nun fragt Herr Schalkau, wer seinen Vater Ernst Schalkau und dessen zweite Frau Else Emma, geb. Weber, gekannt hat. Sie wohnten in den 70er Jahren in Kiel, Papenkamp 30, bei Borchert, später in Hamburg, Detlev-Bremer-Straße 27. Er möchte so gerne mehr über ihr Leben erfahren und vielleicht weitere Verwandte finden. (Alfred Schalkau, Lochwiesenweg 18 in 72285 Pfalzgrafenweiler.)

Der nächste Wunsch, gestellt von Hildegard Schmidtke, betrifft die Suche nach einer Frau, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch heute in Ostpreußen lebt. Es handelt sich um ihre Schwester Ilse Sablofski, geboren am 23. April 1926 in Jäglack, Kreis Regensburg. Letzter Wohnsitz vor der Flucht Nordenort bei Drengfurt. Ilse Sablofski blieb 1945 im nördlichen Teil Ostpreußens zurück. Auf eine Suchanzeige im Ostpreußenblatt meldete sich eine Frau aus Chemnitz, die mit einer Reisegruppe in Tilsit war und dort eine Frau kennenlernte, die durchaus die Gesuchte sein könnte. Eine andere Leserin bestätigte diese Vermutung und teilte Frau Schmidtke mit, daß diese Frau in Tilsit mit einem Litauer verheiratet sei und zwei Kinder hätte. Frau Schmidtke hat daraufhin viele Institutionen sowie das Deutsche Rote Kreuz angeschrieben, doch sie konnte keine konkrete Auskunft erhalten. Nun geht also die Suche weiter über unsere Ostpreußische Familie. Viele Leserinnen und Leser waren ja bereits in Tilsit, haben auch Verbindungen zu den heutigen Bewohnern und könnten vielleicht jemanden nennen, der dort Nachforschungen anstellen kann, oder sich selber bei der nächsten Tilsit-Reise darum bemühen. Frau Schmidtke ist für jede Unterstützung dankbar, die hilft, die Angelegenheit aufzuklären. (Hildegard Schmidtke, Hauptstraße 29 in 18249 Tarnow.)

Unerschütterlich ist der Glaube von Horst Schitteck, seine Schwester Irmgard zu finden, obgleich sich nach fast 30jähriger Suche noch nichts Konkretes ergeben hat. Selbst mehrere Anzeigen im Ostpreußenblatt erbrachten keinen Hinweis, ob und wo Irmgard heute leben könnte. Die Suche ist deshalb so schwierig, weil Irmgard Schitteck, geboren am 19. Juni 1928 in Lötzen, wie ihre drei Geschwister zu Pflegeeltern kam. Das hübsche blonde Mädchen soll von einer christlichen kinderreichen Familie aus Kruglanken aufgenommen worden sein. Deren Name ist unbekannt, auch, ob Irmgard adoptiert wurde. Dem in der früheren DDR lebenden Horst Schitteck gelang es nach großen Schwierigkeiten, den Verbleib seiner beiden anderen Geschwister zu klären – nur von Irmgard keine Spur. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sie zu finden. Nun fragt er vor allem die ehemaligen Kruglanker, ob sie sich an Irmgard und ihre Pflegefamilie, die vielleicht einer Glaubensgemeinschaft angehörte, erinnern könnten. Irmgard ist bei Kriegsende ja schon ein junges Mädchen gewesen, wohl in der Ausbildung oder bereits berufstätig. Wer ging mit einer blonden Irmgard zusammen zur Schule und kann sich wenigstens an deren Namen erinnern? Vielleicht führt dieser Weg jetzt weiter. (Horst Schitteck, Albert-Schweitzer-Straße 3 in 08209 Auerbach i. Vogtl.)

Gisela Hoff war erst fünf Jahre alt, als sie ihren Heimatort Rantau an der nördlichen Samlandküste verlassen mußte. Aber sie erinnert sich noch an ihre Spielgefährtinnen von damals, an die Nachbarskinder Gerda und Inge Jupin. "In meiner Erinnerung haben wir wie im Paradies gelebt", schreibt Frau Hoff, und das war es wohl auch, bis Anfang Februar 1945 das Haus, in dem die Familie Hoff wohnte, durch Artilleriebeschuß stark beschädigt wurde, wobei ein Mitbewohner, Herr Pieri, den Tod fand. Am nächsten Morgen begann die Flucht der Hoffs – zu Mutter, Großmutter und Kusine kam noch eine Bekannte hinzu – mit Hilfe der dort einquartierten Soldaten. An diese denkt Frau Hoff voller Dankbarkeit zurück, denn sie versorgten während der Flucht die Frauen mit allem Nötigen. Gisela bekam von ihnen zu ihrem fünften Geburtstag am 9. Februar sogar eine kleine Torte mit fünf Kerzen und eine Puppe geschenkt. Einen ihrer Helfer liebte das Kind besonders, und er blieb für sie unvergeßlich: Ernst Gödrich. Seit einem Jahr ist Frau Hoff begeisterte Leserin des Ostpreußenblattes, und nun kam ihr der Gedanke, nach dem Schicksal der Familie Jupien zu fragen, die mit ihrer Schäferhündin Kora in Rantau zurückblieb. In diesem Sommer will sie nach 55 Jahren in ihre Kinderheimat reisen, "die immer in meinem Herzen geblieben ist". (Gisela Hoff, Hindenburgstraße 51 in 82467 Garmisch-Partenkirchen.)

"Vielleicht finde ich doch noch Verwandte, bis jetzt habe ich vergeblich gesucht." Das ist der Wunsch von Erna Reineke aus Dannenwalde, der nach Korschen führt. Dort lebte die Familie Ferley – der Name ihres Vaters Paul Firley beruht auf einer Falscheintragung beim Standesamt. Frau Reinekes Onkel Otto Ferley war Bahnhofsvorsteher in Korschen und Tolksdorf. Seine Söhne und wohl auch die Tochter besuchten das Gymnasium, wahrscheinlich in Rastenburg. Nach ihnen und deren Nachkommen sucht nun Frau Reineke in erster Linie, aber auch nach Landsleuten, die ihren Vater gekannt haben. Paul Firley war im Nebenberuf Musiker und trat als Bandoniumspieler in vielen Orten auf. (Erna Reineke, Kolreper Damm 5 in 16866 Dannenwalde.)

Ehemalige Kameraden, die mit ihm zusammen in der Allensteiner Panzerjägerkaserne lagen, sucht Erich Scharnowski, der am 21. Januar 1945 als 17jähriger eingezogen wurde. Vor allem sucht er jenen Kameraden, der ihn zu dem von Leutnant Höpfner befohlenen Sammelpunkt begleitete. Seine Erinnerungen an diesen Vorgang sind ihm unvergeßlich, denn plötzlich erschien ein junger Leutnant mit einer Pistole im Anschlag und fragte, wohin sie wollten. Scharnowski erklärte, daß sie, dem Befehl ihres Leutnants gehorchend, auf dem Weg zur Sammelstelle seien. "Wenn ihr nicht sofort zur Front zurückgeht, erschieße ich euch!" soll die Antwort gelautet haben. Darauf wendeten sich die beiden zur Frontrichtung, "aber dann liefen wir um unser Leben!" erinnert sich Erich Scharnowski, der eine halbe Stunde vorher durch einen Granateinschlag durch die Luft gewirbelt wurde, aber ohne Verletzung blieb. So seine Schilderung, mit der er hofft, den oder die Kameraden zu finden. (Erich Scharnowski, Eichenweg 16 in 21266 Jesteburg.)

Vor fünfzehn Jahren liefen die Versuche, ihre Jugendfreundin zu finden, ins Leere – jetzt startet Rosemarie Gebel noch einmal durch und hofft, durch unsere Familie endlich auf die Erfolgsschiene zu gelangen. Was nicht unmöglich erscheint, denn schließlich hat die Gesuchte, Lieselotte Schmidt aus Königsberg-Metgethen, nach dem Krieg in Wolfsburg gewohnt. Rosemarie Gebel und die am 5. September 1925 geborene Lieselotte Schmidt haben gemeinsam das Körte-Lyzeum in Königsberg besucht. 1955 entdeckte Frau Gebel in der Adressenkartei im Haus Königsberg in Duisburg die Anschrift der Freundin nach deren eigenen Angaben: Hesslinger Straße 8 in 3180 Wolfsburg. Die Post kam aber mit dem Vermerk "Unbekannt verzogen" zurück, und auf eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt erhielt Frau Gebel den Bescheid, daß eine Lieselotte Schmidt überhaupt nicht gemeldet sei. Hat die Freundin dort bei Bekannten gewohnt, wohin ist sie dann gezogen? Vielleicht hat Lieselotte Schmidt geheiratet und trägt einen anderen Namen. (Rosemarie Gebel, Johannes-Müller-Straße 22 in 50735 Köln.)

Unser Landsmann Kurt Poerschke befaßt sich eingehend mit Familienforschung und ist da wohl auch schon weit gekommen. Nun stößt er auf Schwierigkeiten, weil er den Geburtsort seines Urgroßvaters nicht herausbekommt. Die betreffenden Kirchenbücher sind verbrannt. Carl Poerschke wurde am 18. März 1820 entweder in Sommerfeld oder Göttchendorf, Kreis Preußisch Holland, geboren. Nach der Heirat mit Christine Debel aus Göttchendorf zog das Paar um 1848 in das neu gegründete Zallenfelde. Dort wurde der Großvater des Suchenden, Friedrich Poerschke, am 1. Oktober 1858 geboren. In zweiter Ehe heiratete er Maria Viohl – Kurt Poerschkes Großmutter –, und zog nach Deutschendorf, wo er einen Besitz hatte. Im August 1912 wurde er bei Feldarbeiten vom Blitz getötet. Herr Poerschke wüßte nun gerne, wo er Genaueres erfahren könnte. Einsicht in die im Archiv Allenstein lagernden Gerichtsakten wurden ihm verwehrt. Wer kann ihm Ratschläge geben? Herr Poerschke bietet auch seinerseits unsern Landsleuten Hilfe an. Er hat über die Assoziation "Wojennye memorialy" in Moskau das Schicksal seines Vaters klären können und ist gerne bereit, gegen Voreinsendung von zwei Briefmarken Interessenten die Anschrift zum Aufkleben und einige brauchbare Hinweise zu geben. (Kurt Poerschke, Am Weilerbach 21 in 73650 Winterbach.)

Eure
Ruth Geede