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25.03.00 Ehren-Oscar für Andrzej Wajda: Nationalromantiker und Ästhet

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. März 2000


Ehren-Oscar für Andrzej Wajda: Nationalromantiker und Ästhet
Würdigung des großen polnischen Filmregisseurs / Von Andrzej Madela

Der Mann ist ein Senkrechtstarter. Mit 29 Jahren legt er seinen ersten Film vor, mit 32 wird er zum unumstrittenen Sprecher junger polnischer Filmer, die sich gerade die Klischees eines importierten sozialistischen Realismus vom Halse schaffen. So offenbaren "Eine Generation" (1955), besonders aber "Der Kanal" (1957) und "Asche und Diamant" (1958) dem staunenden Publikum einen freieren, unverkrampften Zugang zur jüngsten polnischen Geschichte.

Wie kein anderer vor ihm trifft er die diffuse Seelenlage seiner um 1925 geborenen und im Krieg entwurzelten Generation. Seine Altersgenossen stellen schon sehr bald nach Kriegsende die erste Reihe überzeugter Stalinisten; viele fordern einen Bruch mit politischen und kulturellen Optionen des Vorkriegspolens.

Die Figuren seiner frühen Filme kommen hingegen oft aus antikommunistischer Tradition, haben für ihre Welt einen hohen Blutzoll entrichtet – und finden sich dennoch als Geschichtsverlierer wieder und ihr Land eng umschlossen vom Eisernen Vorhang.

Daß Andrzej Wajda einen so außerordentlichen Erfolg haben konnte, ist offensichtlich auf zwei Triebfedern seiner Filmkunst zurückzuführen: eine nationale und eine ästhetische. In einem Land mit einer übermächtigen nationalromantischen Tradition und ohne echte Souveränität bedeutet Filmregie unvermeidlich Identitätssuche.

So kommt bereits bei dem 30jährigen wieder zu Ehren, worüber die fremdbestimmte Kulturpolitik gleich kübelweise Hohn und Spott ergießt: der scheinbar sinnlose Heroismus, das existentielle Opfer. Mit dem Anschluß an eine nationale Tradition, die das Heroische als sinnvoll bejaht, schüttelt er hartnäckig die Knebelsprache offiziöser Ästhetik ab; der Romantiker trägt einen Sieg über den Positivisten davon und stiftet aus den Bruchstücken zerborstener Identität eine neue.

Diese hat ihren mächtigsten Verbündeten im Wort. Es gibt kaum einen Film von Wajda, der nicht auf ein bedeutendes (nationales oder fremdes) Literaturwerk zurückgeht. Heroen der Nationalliteratur (und Schrecken durchwachter Schülernächte) finden sich hier gleich komplett versammelt: Mickiewicz, Wyspianski, Zeromski, Reymont, Iwaszkiewicz, Andrzejewski.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß bei Wajda der Zugang zur polnischen Nationalklassik gleich in Serie zu haben ist. Daß er mit ihr in den 70er Jahren auch als Theaterregisseur überragende Erfolge feiert, macht ihn vollends zum vielbeneideten Phänomen seines Metiers.

Aus der Übermacht von Literatur ergibt sich das Interesse am historischen Detail, die Vorliebe für das Konkrete in seiner geschichtlich einmaligen Fassung. Daraus folgt, daß eine Fülle solcher Details nur in einem Werk möglich ist, das zur panoramaartigen Überschau, ja zum filmischen Epos tendiert.

Das ist sehr wohl der Fall im Revolutionsdrama "Danton" (1982), dem Filmfresko "Die Hochzeit" (1972) und – am eindrucksvollsten – im "Gelobten Land", einem breitgefächerten epischen Werk zur Dialektik von Industrialisierung und nationaler Freiheit im Polen des späten 19. Jahrhunderts. Hier ist Wajda auf der Höhe seiner Kunst, und was er als Bild einer von Deutschen, Polen und Juden gemeinsam betriebenen und erlittenen Kapitalisierung ausbreitet, gehört zum Besten, was die polnische Filmwelt zu bieten hat.

Wer ein derart emotionales Verhältnis zur Nationalgeschichte an den Tag legt, muß daran glauben, daß sie einen verborgenen Sinn enthält. Der ihn mühsam zu Tage fördert, erzählt aber beileibe keine Geschichten – er erzählt Geschichte in ihrem ursprünglichsten Sinn. Was immer ein Zuschauer auf der Leinwand an individuellen Schicksalen entdecken mag, sie weisen stets über sich hinaus und auf ein größeres Ganzes namens Nation hin.

Da aber der Sinn nicht von vornherein mundgerecht serviert wer-den kann, sondern das Ergebnis einer vielschichtigen Konstruktion darstellt, muß sich der Regisseur in eine ähnliche Rolle begeben wie der allwissende Erzähler im Roman. Doch da lauert auch die Gefahr: Beide sind nur so lange legitimiert, von ihrer Position Gebrauch zu machen, wie Geschichte als bruchloses Ganzes gilt. Zerfällt sie hingegen in eine Mehrzahl möglicher Erzählungen, steht der Erzähler zur Disposition.

Verbindlichkeit beansprucht seine Geschichtsdeutung, solange das Land am sowjetischen Tropf hängt und die Romantik Unterpfand polnischen Selbstbewußtseins bleibt. Nun bekommt seit 1990 das romantische Selbstverständnis unverhofft Risse – und eine machtvolle Konkurrenz, die ihm aus den großen zivilgesellschaftlichen Mythen erwächst.

Und dagegen ist es denkbar schlecht gerüstet. Denn es hat in seiner Bedingungslosigkeit nationaler Selbstbehauptung kaum Gespür für Kompromiß, Arbeitsethos oder Leistungswillen, kurzum: es kennt wohl das Säbelrasseln, nicht aber die Pünktlichkeit. So wird das romantische Ethos zum bleiernen Klotz am Bein einer jungen Generation, die nicht gewillt ist, es in die junge Freiheit mitzuschleppen. Dem nationalen Filmprojekt läuft das Publikum in Scharen davon. Nicht nur filmt Wajda in den 90er Jahren an Bedarf und Bedürfnis des neuen Kinogängers vorbei; auch die nachwachsende Generation der Filmemacher steigt vom hohen Schlachtroß, schraubt ihre Ansprüche zurück auf eine gelungene Story, ein überzeugendes Handwerk, stichhaltige Dialoge – und schickt die nationale Mission zum Teufel.

Und doch gelingt ihm am Ausgang des Jahrtausends ein fulminanter Befreiungsschlag. Vorlage ist – was sonst – das Buch der polnischen Romantik schlechthin: das von Adam Mickiewicz (1798-1855) verfaßte Adelsepos "Pan Tadeusz", in dem der Abschied vom besagten Ethos besiegelt und gleichzeitig – im übertragenen Sinn des Wortes – aufgehoben ist. Unter den Händen des 74jährigen wird daraus eine Erzählung vom romantischen Selbstbildnis der Polen und ein melancholischer Abschied davon.

Und da der Film außer dem romantischen Mythos auch dessen unverblümte Geschichte vorlegt, gelingt Wajda ein vielschichtiges Werk, das gleichzeitig den schönen Schein und dessen wehmütige Kritik mitliefert.

Als sich die amerikanische Filmakademie entschließt, Andrzej Wajda am 26. März einen Oscar für sein Lebenswerk zu verleihen, wird dieses letzte Werk wohl den Ausschlag gegeben haben. Sie gibt ein weiteres Mal einem gemäßigten Romantiker Vorzug vor Kandidaten, die im Lager aufklärerischer Mythenkritik zu Hause sind. Gleichzeitig nobilitiert sie ein (Lebens-) Werk, das stets mehr war als nur ein gelungenes ästhetisches Produkt aus dem gehobenen cineastischen Segment.

Aber sie beendet auch ein Zeitalter. Denn mit der Preisverleihung kommt ein großes Filmwerk zu Ehren, das dennoch vielfach der Vergangenheit zugewandt bleibt. Einer Vergangenheit, die uns täglich mehr und mehr abhanden kommt, bis deren einst scharfe Kontur vollends verwischt.