25.10.2021

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25.03.00 Günter Zehm referierte über Alt-68er-Reaktionäre und ihre Medien-Praxis

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 25. März 2000


Journalismus:
Günter Zehm referierte über Alt-68er-Reaktionäre und ihre Medien-Praxis
"Hofhunde des Zeitgeistes"

Die Burschenschaft Danubia mag bei Linken verschrieen und in Korporiertenkreisen umstritten sein. Unumstritten dagegen ist ihr Talent, mit ungewöhnlichen politischen Aktionen und Seminaren aus der konservativen Schmollecke herauszutreten und öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Für nachhaltige Irritationen im linksalternativen Lager sorgte etwa der Auftritt ehemaliger Ikonen der 68er-Bewegung auf dem Haus der zweitältesten Münchner Burschenschaft. Als frischgebackene Rechtsintellektuelle präsentierten sich damals neben anderen "Bekehrten" Horst Mahler, einer der geistigen Väter des RAF-Terrorismus, und Bernd Rabehl, einst enger Vertrauter von Rudi Dutschke.

Rabehl, heute Professor am Otto-Suhr-Institut in Berlin, referierte über "Nationalrevolutionäres Denken im antiautoritären Lager der Radikalopposition". In dem Vortrag, den die Wochenzeitung "Junge Freiheit" anschließend publizierte, kamen Dinge zur Sprache – etwa Dutschkes positive Einstellung zur "nationalen Frage" – die dem verstaubten Alt-68er-Establishement überhaupt nicht schmeckten. Scharf wandte sich Rabehl gegen die Utopie der "multikulturellen Gesellschaft", ebenso gegen die Denk- und Diskussionsverbote der "political correctness". Dazu sagte er, neben einer reaktionären Rechten gäbe es auch eine ebenso reaktionäre Linke, deren "Feindeserklärung gegen Andersdenkende" sich nicht grundsätzlich unterscheide.

Seine These fand er bald bestätigt: Der Renegat Bernd Rabehl zog sich den unerbittlichen Haß seiner einstigen SDS- und Apo-Weggefährten zu. Über ein Jahr lang überhäuften ihn und Mahler die Feuilletons von "taz", "Frankfurter Rundschau" und "Spiegel" mit Schmähungen, mehrfach berichtete auch das kommunistische Sektierer-Heft, "konkret" in epischer Breite über die verwerflichen Ausflüge der von links nach rechts Konvertierten an die "schöne braune Danubia".

Mit Spannung wurde also die Fortsetzung der Vortragsreihe am vergangenen Wochenende erwartet. Stargast des diesjährigen Seminars sollte Peter Sichrovsky sein. Der Schriftsteller sitzt im Europa-Parlament für die FPÖ und ist Medien-Berater von Jörg Haider. "Alles klar, ein unverbesserlicher Nazi", würden unsere linkslastigen Medien ihn in bekannter Manier gerne diffamieren. Nur hat die Sache aus Sicht der wackeren Antifaschisten einen kleinen Haken: Sichrovsky ist Jude und somit nur schwer in die antisemitische Schublade zu stecken. Nach den jüngsten Entwicklungen in Österreich mußte er jedoch leider zu einer Aufklärungsreise in Sachen FPÖ nach Israel fliegen und hatte daher seinen Vortrag kurzfristig abgesagt. Voll entschädigt wurden die über hundert Zuhörer des Seminars durch Günter Zehm, Philosophie-Professor in Jena, besser bekannt unter seinem Pseudonym "Pankraz".

Zehm sprach zum Thema "Politik und Journalismus in Deutschland – Wie unabhängig sind unsere Medien?" Zunächst analysierte er das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis der beiden Sphären: "Die Politik braucht den Journalismus, um überhaupt in Fahrt zu kommen, um greifen zu können." Politik bestehe hauptsächlich aus Verlautbarungen, zu deren Verbreitung die Medien gebraucht würden. Andererseits empfänden sich diese keineswegs nur als "Verlautbarungs-Instrumente", vielmehr als kritische Begleiter oder gar moralische Instanz.

Max Weber definierte um die Jahrhundertwende Macht als die Fähigkeit, innerhalb einer sozialen Beziehung seinen Willen auch gegen Widerstände durchzusetzen. Im Zeitalter des Gremienwesens klinge dies ein wenig angestaubt, fand Zehm. In unserer heutigen Massendemokratie sei vielmehr der mächtig, der die Kunst der Manipulation am besten beherrsche und den Gegner von den Medien-Kanälen fernzuhalten wisse.

Dabei sähen sich die Journalisten als die kritischen Repräsentanten der Öffentlichkeit. "Politiker müßten ständig mit der medial repräsentierten Öffentlichkeit konfrontiert werden, so heißt es, um wenigstens halbwegs auf dem Pfad der Tugend gehalten zu werden." Zehm zitierte nun aus dem Buch "Das Prinzip Intrige" von Gustav Purroy. Demzufolge sei "jeder Politiker zumindest ein habitueller Lügner, denn wer bis auf den Grund seiner schwarzen oder auch weißen Seele durchschaut werden kann, ist gar nicht fähig, Politik zu machen."

Zehm spielte jetzt advocatus diaboli. "Deshalb also, damit es Spaß macht, Lüge, Täuschung, Ablenkung, Intrige." Purroy unterscheidet drei Formen der lügenhaften Intrige: den Billardstoß, die Achillesferse und die Methode des Bypass: "Der Billardstoß meint das genau berechnete Spiel über die Banden, den indirekten Angriff um einige Ecken herum. Dazu gehört die gezielte Desinformation, die sogenannte vertrauliche Plazierung von Informationen, der bewußt inszenierte sprachliche Ausrutscher." Die Methode Achillesferse treffe den Gegner an seiner schwächsten Stelle, lasse ihn ins offene Messer laufen. Zehm nannte als Beispiel Stolperdrähte, Fallen oder die Übertragung von Aufgaben, "von denen man genau weiß, daß der Beauftragte daran scheitern muß." Der Bypass schließlich meine das Komplott zur Ausgrenzung des Opfers aus dem Informationsfluß.

"Das große Moralgebot, Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen, ist in der Politik also naturnotwendigerweise partiell außer Kraft gesetzt." Ebenso das Verbot des Stehlens gilt nur bedingt. "Enrichissez-vous!", "Bereichert Euch!" rief Louis-Philippe 1830 seinen Getreuen zu. Über die Praktiken hierzulande gibt der heimliche Bestseller "Bestechen – aber richtig! Mehr Erfolg durch Korruption" von Achim Schwarze Auskunft. Der Klappentext spricht Bände: "Ein einzigartiger Ratgeber", heißt es da, "kompetent, umfassend, trick- und lehrreich. Übungen für den Anfänger, die beliebtesten Korruptionsmethoden, ausgefallene Bestechungstechniken …" Nicht nur die Administration würde gekauft, sagte Zehm, für eine erfolgreiche Politikerkarriere sei es unerläßlich, die Medien zu schmieren. Die einst als "vierte Gewalt" bezeichnete Presse ist heute vielleicht bereits die erste Gewalt im Staate.

"Medien sind keineswegs die unabhängige moralische Instanz, die der Politik entgegensteht, sondern im Gegenteil fest in die politische Klasse integriert", so Zehm. "Da die Medien dauernd etwas enthüllen wollen, lassen sie sich für Höchstsummen Dossiers aus Beamtenschränken verkaufen, indiskrete Fotografien, Mitteilungen aus Ausschüssen." Der Journalist sei also auf die guten Kontakte zu Politikern angewiesen. Die schlimmste Strafe für den Journalisten lautet: "Du kriegst nichts mehr!" Zehm zählte weitere beliebte Drohungen auf: "Du wirst nicht mehr eingeladen, nicht mehr mitgenommen, bekommst keine Interviews mehr …"

Das Bild des Journalisten in der Öffentlichkeit ist ein denkbar schlechtes. Bei Umfragen rangieren sie ganz unten zwischen Gastwirten und Immobilienhaien. Mit der moralischen Gegenposition ist es nicht weit her, urteilte Zehm. "Geistig und institutionell unabhängige Journalisten muß man in Berlin mit der Lupe suchen". Die meisten haben sich einer der großen Parteien verschrieben und in den "Hofstaat der Mächtigen einreihen lassen."

Aber wehe, einer wage es, dieses Kartell aus Politik und politisch korrekten Medien herauszufordern. "Dann erhebt sich der exorzistische Eifer, mit dem jemand, der nicht ins Klima des Zeitgeistes paßt, öffentlich denunziert und heruntergemacht wird. An solchen Exzessen erkennt man, wie tief, tief unsicher das Selbstbewußtsein der Journalisten im allgemeinen ist. Es sind, könnte man sagen, Hofhunde des Zeitgeistes." Professor Günter Zehm, ein wirklich origineller Kopf, hat sich durch seine Ehrlichkeit einen Aufstieg in die höchsten Etagen der Republik verbaut. Dafür ist er heute keiner von denen, "die an der Kette liegen und für den bellen, von dem sie ihr Futter kriegen." Sehr sympathisch.

P. Plickert