17.10.2021

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01.04.00 Auch in Ostpreußen gab es bedeutende Beispiele moderner Architektur

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. April 2000


Keine kulturelle Steppe
Auch in Ostpreußen gab es bedeutende Beispiele moderner Architektur
Von SILKE OSMAN

Einen Höhepunkt in der Reihe "Architektur im 20. Jahrhundert" wird die Ausstellung über Bauten in Deutschland sein, die noch bis zum 25. Juni im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt/Main, Schaumainkai, zu sehen ist. Die Veranstalter wollen Architektur aus der Sicht des Menschen darstellen und haben etwa 100 repräsentative Beispiele ausgewählt, "die neue bauliche Konzeptionen, architektonische Umbrüche oder entscheidende Entwicklungsschritte exemplarisch verdeutlichen".

Die Ausstellung, zu der ein umfangreicher Katalog mit 392 Seiten und 921 Abbildungen, davon 245 in Farbe, im Münchner Prestel Verlag erscheint (im Buchhandel 148 DM), ist in 14 Themenbereiche gegliedert und präsentiert eigens für dieses Projekt gefertigte Neu-aufnahmen renom-mierter Fotografen. In den einzelnen Abteilungen begegnet der Besucher dem Städte-, Siedlungs- und Wohnungsbau, staatlichen Repräsentationsbauten, Krankenhäusern und Altenheimen, Schulen, Universitäten, aber auch Kirchen und Kinos, Bahnhöfen, Flughäfen oder Fabrikgebäuden – Architektur also als "Instrument der Ordnung moderner Lebensverhältnisse" betrachtet. Gerade bei älteren Bauten wird durch historische Ansichten oder Planzeichnungen, die den aktuellen Fotos zugesellt sind der Spannungsbogen deutlich, der sich vom Gestern ins Heute zieht. Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Architekturmuseum der Technischen Universität München entstand, ist nicht zuletzt auch eine Bestandsaufnahme der architektonischen Kultur und des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Daß auch in Ostpreußen im 20. Jahrhundert bedeutende Bauten entstanden – und zum Teil auch heute noch, allen Kriegseinwirkungen und der Zerstörungswut der neuen Bewohner zum Trotz, erhalten sind –, wird von der Forschung meist geflissentlich übersehen. Dabei stammen gerade für das Neue Bauen so wichtige Architekten aus Ostpreußen: Bruno und Max Taut aus Königsberg, Erich Mendelsohn aus Allenstein, Paul Baumgarten aus Tilsit, Martin Wagner aus Königsberg. Meist aber wirkten sie nicht in ihrer Heimatprovinz, sondern schufen Bauten "im Reich". Dort galt Ostpreußen allerdings als "eine Art Fernost, als kulturelle Steppe, der man allenfalls noch Kant und Herder zugute halten konnte", wie Günther Kühne einmal schrieb.

Von Erich Mendelsohn (1887–1953), der gerade mit einer großen Ausstellung in Tübingen (anschließend in Israel, Norwegen, den USA und Rußland) geehrt wurde, ist in Ostpreußen noch die Loge zu den Drei Erzvätern in Tilsit erhalten, ein weiß verputzter Bau mit horizontalen Streifen aus rotem Klinker. Hier sind schon Ansätze einer Meisterschaft zu erkennen, die das Berliner "Columbushaus" am Potsdamer Platz oder die Kaufhäuser in Stuttgart, Breslau und Chemnitz prägten und die später ein Kritiker mit den Worten zusammenfaßte: "Weder der Stilbegriff Expressionismus noch der vom Futurismus genügt, um die sprühende avantgardistische Energie seiner Architekturformen zu erfassen."

Es waren vor allem die Folgen des Ersten Weltkrieges, die es in Ostpreußen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tilgen galt. Über 500 Architekten meldeten sich damals freiwillig, um am Wiederaufbau teilzunehmen. – Zu den jungen Männern, die sich in Ostpreußen die ersten Sporen verdienten, gehörte auch der 1893 in Bremen geborene Hans Scharoun († 1927), gerufen von Paul Kruchen, der ihn schon an der Hochschule an eigenen Arbeiten beteiligt hatte und dann als stellvertretenden Leiter des Bauberatungsamtes nach Insterburg mitnahm. Dort übernahm Scharoun am 1. April 1918 das ehemals staatliche Büro von Paul Kruchen als freier Architekt.

Zunächst baute Scharoun zerstörte Gutshäuser und Höfe wieder auf, darunter auch das Elternhaus der späteren Webmeisterin Marie Thierfeldt in Frankenhof (Didsziddern), Kreis Gumbinnen, das Gemeindehaus in Kattenau, die Notkirche in Walterkehmen sowie Doppelhäuser mit Stall bei Insterburg. Später dann wandte er sich größeren Vorhaben zu: Angestelltenwohnhäuser für die Insterburger Spinnerei AG, das Haus Abalt in Santilten, Mietshäuser am Parkring in Insterburg entstanden. In den Baublöcken sehen Kritiker die Vorbereitung des Architekten auf den Siedlungsbau der 20er Jahre.

Auch der aus Biberach stammende Hugo Häring (1882–1958) wirkte während dieser schweren Zeit in Ostpreußen, genauer gesagt in Allenburg, wo er u. a. den Turm der Ordenskirche wieder herstellte. Eine Arbeit, die sich durch klare und sachliche Gliederung auszeichnete. Häring wird wie Scharoun zu den Hauptvertretern der Organischen Architektur gezählt, die durch oft eigentümlich bizarre und kurvige Lösungen erkennbar war.

Friedrich Lahrs (1880–1964) wurde vor allem durch das 1924 geschaffene Kant-Grabmal am Königsberger Dom bekannt, das die Wirren des Zweiten Weltkriegs unbeschadet überstand. Meisterhaft gelang es ihm hier, moderne Bauformen mit denen der aus der Ordenszeit stammenden zu vereinen. Außerdem errichtete Lahrs 1913 die noch heute erhaltene Kunsthalle am Wrangelturm, die Kunstakademie in Ratshof (1913–1916) und das Landesfinanzamt (1928) in seiner Vaterstadt.

Wie der Königsberger Lahrs gehörte auch Robert Liebenthal (1884–1961) zu den namhaften einheimischen Architekten seiner Zeit. Der Tilsiter schuf 1930 das Gebäude für das Preußische Staatsarchiv am Hansaring in Königsberg. "Ein stilistisch sehr konsequent gebauter Baukörper, der in dieser Form ganz sicher innerhalb der deutschen Architektur der 20er und 30er Jahre seinen Platz hat", betont der in Königsberg geborene und in Hamburg lebende Architekt Christian Papen-dick anerkennend. Von Papendick stammen übrigens auch die Fotos auf dieser Seite. Sie entstanden erst in jüngster Zeit und werden auch in der geplanten neuen Bild-Dokumentation "Der Norden Ostpreußens – Land zwischen Zerfall und Hoffnung" von Papendick erscheinen.

Zu den konsequentesten Vertretern des Neuen Bauens aber zählte der 1890 in Lübeck geborene Hanns Hopp († 1971). Zu seinen bedeutendsten Bauten nach dem Ersten Weltkrieg gehören die Gebäude der Deutschen Ostmesse, der erste deutsche Zivilflughafen Devau, der Handelshof und das Haus der Technik, die Mädchengewerbeschule und das Parkhotel. Kinos wie das "Capitol" und das "Prisma", das Funkhaus des Reichssenders Königsberg am Hansaring, aber auch Mietshäuser und Ladenumbauten hat Hopp entworfen.

Zu seinen markantesten Arbeiten außerhalb Königsbergs zählt zweifellos der Wasserturm in Pillau, 1927 an strategisch wichtiger Stelle errichtet und in Form eines Kriegerhelms gestaltet. Formale Strenge und große Einfachheit, immer aber das Zusammenspiel von Harmonie und Kontrast sind die Merkmale seiner Bauten. Eine umfangreiche biographische Studie (mit Werkkatalog) hat Gabriele Wiesemann jetzt im Thomas Helms Verlag, Schwerin, vorgelegt: Hanns Hopp 1890–1971. Königsberg, Dresden, Halle, Ost-Berlin (312 Seiten, zahlr. sw Abb., 128 DM). – Wer sich eingehender mit der Modernen Architektur in Ostpreußen befassen möchte, dem sei ein Arbeitsbrief der Landsmannschaft Ostpreußen empfohlen, den Nils Aschenbeck für die Abteilung Kultur verfaßt hat (84 Seiten, sw Abb., 4 DM zuzügl. Versandkosten, bei Landsmannschaft Ostpreußen, Bundesgeschäftsstelle, Parkallee 86, 20144 Hamburg). Nicht zuletzt bei der Lektüre dieser Broschüre wird einmal mehr deutlich, daß Ostpreußen keineswegs eine "kulturelle Steppe" war, sondern daß auch dort bedeutende Bauten entstanden.