17.10.2021

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01.04.00 Die Stadt Tilsit will eine Skulptur von Königsberg zurück

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. April 2000


Streit um den Elch
Die Stadt Tilsit will eine Skulptur von Königsberg zurück

Die Bronze-Skulptur des Elchdenkmals wurde in Tilsit am 29. Juni 1928 auf dem Anger vor dem Theaterplatz aufgestellt. Sie stammt von dem Bildhauer Ludwig Vordermayer. Der Kopf des Elchs ist im Gegensatz zum "Elch von Gumbinnen" nach links geneigt.

Seit Anfang der 90er Jahre bemüht sich die Stadtverwaltung von Tilsit um die Rückgabe des Elch-standbildes von Ludwig Vordermayer.

Dabei handelt es sich bei der Wiederherstellung künstlerischer Werte um ein im Königsberger Gebiet allgemein gewordenes Problem. Der Gang der neueren Geschichte sei so verlaufen, daß jeder sich bestohlen gefühlt habe, jeder stelle Forderungen auf verlorene Kunstgegenstände, nun sogar innerhalb des Königsberger Gebiets. So befindet sich die Skulptur des Pferdes von Trakehnen in der Akademie der Künste in Moskau, die Skulptur des Elches von Rominten in Smolensk, die Büste der Herzogin Dorothea aus dem Dom im Puschkin-Museum in Moskau.

Nach der Konvention zum Schutz von Kunstgegenständen und den internationalen Normen für Gegenstände von künstlerischem Wert, von örtlichen Denkmälern und Symbolen, die infolge kriegerischer Handlungen oder Willkürmaßnahmen weggeschafft wurden, müssen diese ihren ursprünglichen Eigentümern zurückgegeben werden. Diesen ethischen Prinzipien zufolge müßte die Skulptur, so empfinden es die Tilsiter, gerechterweise an Tilsit zurückgegeben werden. So bekommen die Russen jetzt ein Problem zu spüren, gegenüber dem sie sich im Falle Deutschlands stets gleichgültig bis ablehnend verhalten haben.

Sicherlich fehlen dem Zoo einerseits Gegenstände zur Verschönerung, gleichzeitig entzieht sich die Leitung jedoch der Konvention zur Erhaltung und Pflege wertvoller Kunstgegenstände. Die Skulptur ist heute in einem schlechten Zustand; sie steht in Königsberg mit abgeschlagenem Geweih, das behelfsmäßig am Kopf befestigt wurde. Das Kunstwerk benötigt eine dringende Restaurierung, die umgerechnet ungefähr 160 000 Mark kosten würde.

Der Zoo verlangt im Falle der Ablieferung der Skulptur an Tilsit eine Kompensation für den Unterhalt der Skulptur. Daher sucht die Zooverwaltung Unterstützung bei der Regierung, um die Rückgabe der Skulpturen, die früher zum Besitz des Zoos zählten, zu erreichen. Hierzu gehören:

– die Skulptur Walter von der Vogelweides, die sich heute im Hof der Königsberger Universität befindet,

– die Gruppenskulptur "Rösser" in der Bildergalerie des Gebiets,

– die Skulptur "Kind und Schwan", die für die Restaurierung weggeholt und nicht zurückgegeben wurde. Sie befindet sich heute im Magazin des historischen Kunst-Museums des Gebiets. Die Wiederherstellung von Kunstwerken im Gebiet könnte der erste Schritt auf dem Weg zu einer zivilisierten Lösung des Problems der Rückgabe von Kunstgegenständen innerhalb des Königsberger Gebiets sein.

Daß das Elchdenkmal das Symbol Tilsits war, wurde im Verlauf wissenschaftlicher Untersuchungen dokumentiert, die von den russischen Kulturorganen und dem Denkmalschutz durchgeführt wurden. Die Gespräche, die im Kulturministerium mit Spezialisten des Ministeriums der Russischen Föderation für Kultur stattgefunden haben, ergaben, daß die Forderungen berechtigt seien.

Doch die Versuche der Tilsiter Bewohner, ihr "eigenes" Kulturgut zurückzubekommen, zogen sich in die Länge:

Am 12. April 1992 schickte die Stadtverwaltung von Tilsit einen Brief an ihre Kollegen nach Königsberg, an den Vorsitzenden der Stadtverwaltung W. Schipow und an die vorsitzende Volksdeputierte N. Lazarewa, mit der Bitte um Überprüfung der Frage über die Rückführung der Elch- Skulptur an die Stadt Tilsit. Im August 1992 fand in Tilsit ein Fest, das dem 150. Jahrestag des Tilsiter Friedens und dem 440jährigen Bestehen der Stadt gewidmet war, statt. Zu diesem Anlaß hätte man es angemessen gehalten, die Skulptur auf ihrem ursprünglichen Platz aufzustellen.

Am 22. Mai 1992 befürwortete das Kulturministerium das Gesuch der Stadt Tilsit über eine Rückgabe der Skulptur und teilte dies auch dem Vertreter der Gebietsverwaltung, Kusnezow, mit. Daraufhin begann ein Kuhhandel zwischen Königsberg und Tilsit. Das Komitee für Kultur und Historische Forschungen des Königsberger Gebiets erörterte die Frage mit Architekten, Künstlern, Schriftstellern, Kulturmitarbeitern, die sich alle für eine Rückgabe der Skulptur an Tilsit aussprachen.

Am 19. Mai 1993 wurde die Projektidee zwischen der Tilsiter und der Königsberger Stadtverwaltung ins Leben gerufen. Darin wurde den Tilsitern unter anderem angeboten, eine Kopie bis zum 1. September 1993 anzufertigen, was jedoch von vorneherein unmöglich zu realisieren war.

Am 24. September 1993 erließ der Gebiets-Verwaltungschef Jurij Matotschkin eine Verfügung, nach der der Elch vom Eigentum des Königsberger Zoos in das der Kulturabteilung der Stadt Tilsit übertragen werden sollte. Als Ausgleich sollte die Stadt Tilsit die Herstellung der Kopie finanzieren, damit der Park nicht ohne Skulptur bliebe.

Am 30. September 1993 übergab W. Schipow gemäß der Verfügung des Gebiets-Verwaltungschefs dem Königsberger Zoo einen Erlaß über die Übergabe der Elch-Skulptur von Vordermayer an die Tilsiter Kulturabteilung. Die Kontrolle über die Ausführung wurde dem Komitee für Kultur und Tourismus übertragen. Die Übergabe des Elchs war für den 1. Oktober 1993 vorgesehen. Es sollte jedoch anders kommen …

Zum Jubiläum hatten alle, auch Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland, auf die Rückkehr des Elchs auf seinen angestammten Platz gehofft. Ein Spezialteam war nach Königsberg geschickt worden, um den Transport der Skulptur vorzubereiten. Das Team kehrte allerdings unverrichteter Dinge nach Tilsit zurück; es wurde nicht einmal in den Zoo eingelassen. Ohne jeden Kommentar. Die Feier mußte ohne den heißbegehrten Elch stattfinden.

Am 27. November erschien in der russischsprachigen Tageszeitung "Kaliningradskaja Prawda" ein Interview mit der damaligen Vize-Bürgermeisterin Alexandra Jakowlewa, die mit der ihr nachgesagten Unbekümmertheit das Geheimnis lüftete, indem sie die Fahrlässigkeit der Stadt- und Gebietsleitung demonstrierte. Laut einer Zeitungsmeldung aus Tilsit sagte sie, daß der Elch deshalb im Zoo stünde, weil sie schlicht nicht wolle, daß er weggebracht werde. Daher, so vermutet die Zeitungsmeldung weiter, sei die Vize-Bürgermeisterin die eigentliche Schuldige an der Entwicklung. Anscheinend konnten sich weder Vizepremiers, einheimische und ausländische Minister noch Verwaltungschefs gegen sie durchsetzen. Davon ließen die Tilsiter sich nicht entmutigen und führten ihre Schriftwechsel weiter. Sie schickten hartnäckige Schreiben an sämtliche Instanzen.

Am 15. Dezember 1995 hat Jurij Matotschkin seine Anordnung über die Rückgabe der Skulptur an Tilsit abgeändert wegen Nichterfüllung des Vertrags durch die Stadt Tilsit, die schließlich eine Kopie anfertigen lassen sollte.

Dann kam der neue Königsberger Gouverneur Leonid Gorbenko ins Amt. Auch ihm schrieben die Tilsiter Bürger. Bisher ohne Erfolg. Selbst wenn der gegenwärtige Bürgermeister von Königsberg, Jurij Sawenko, medienwirksam seine Bürger nach ihrer Meinung in der Sache befragt, bleibt am Ende die Frage, was auf Dauer in der ewigwährenden Sache des Elchs von Tilsit von mehr Gewicht sein wird: die Haltung der Königsberger oder die internationale Konvention zum Schutz von Kunstwerken, unter die auch das gegenwärtige Streitobjekt fällt. MRH