17.10.2021

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01.04.00 Beamtenmühsal und poetischer Glanz im Leben Joseph von Eichendorffs

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. April 2000


Das Zauberwort getroffen
Beamtenmühsal und poetischer Glanz im Leben Joseph von Eichendorffs

Es rauscht der Wald verwirrend

aus der Tiefe –

O stille! wecke nicht!

es war, als schliefe

Da drunten unnennbares Weh.

Wer eine solche Aussage nie-derschreibt, der fürchtet die Wandelformen der menschlichen Seele, die zwischen Morgengrauen und Morgengrauen einer Veränderung anheimfallen kann; vielleicht bangt er sogar um die eigene psychische Unversehrtheit. Daß Joseph von Eichendorff und seinem Bruder Wilhelm wie auch der in geistigem Dunkel verstorbenen Schwester Luise diese Furcht nicht fremd war, erahnen wir aus einem zu Josephs Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen Gedicht, das die dämonische Wirkung des Heimatschlosses Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien, die Wälder, den dortigen See schildert. Zwar mußten die Brüder – weil die Familie verarmt war – weit außerhalb Schlesiens ihr finanzielles Auskommen suchen, doch löste sich ihr Herz nie von Lubowitz. Eingangs zitierte Zeile entstammt jenem Furchtgedicht, das Joseph dem Bruder zusandte. Im Schlußvers kulminiert die Angst vor unwägbarer Umzingelung:

Du findest nirgends Ruh!

Erreichen wird dich

das geheime Singen;

in dieses Sees

wunderbaren Ringen

gehn wir doch unter, ich und du!

Der Werdegang Joseph von Eichendorffs ist zwar allgemein bekannt, dennoch seien einige Einzelheiten in Erinnerung gerufen: Geboren wurde er am 10. März 1788 in Lubowitz. Er wurde katholisch getauft und fühlte sich zeitlebens in diesem Glaubensbekenntnis beheimatet. Mit seinem ein Jahr älteren Bruder Wilhelm besuchte er das Matthias-Gymnasium in Breslau. Miniaturen aus dieser Zeit beweisen, daß die beiden dunkellockigen, großäugigen Knaben bildhübsch waren.

In dem historisch bedingten Völkergemisch Schlesiens, das ehemals zum Kaiserreich Österreich gehört hatte und 1742 teilweise an das Preußen Friedrichs II. gefallen war, verständigte man sich in deutscher und polnischer Sprache, so auch die Brüder Eichendorff. Sie wurden freizügig erzogen, fanden Freunde keineswegs nur in Adelskreisen.

1805 begannen beide ein Jurastudium in Halle, beendeten es in Heidelberg, jedoch ohne ein Abschlußexamen zu machen. Sie glaubten aufgrund ihres Herkommens und als zukünftige Verwalter der heimatlichen Güter darauf verzichten zu können. Die obligatorische "Bildungsreise" aller Söhne aus angesehenen Familien folgte; die Brüder reisten nach Paris und Wien. Danach kehrten sie nach Lubowitz zurück, wo sie zwei Jahre lang redlich versuchten, die miserable Bewirtschaftung der Güter zu sanieren. Erfolg war ihnen nicht beschieden. Sie sahen sich gezwungen, einen Brotberuf mit regelmäßigem Einkommen anzustreben. Dazu aber mußte man Beamtenstatus erreichen. Wilhelm gelang es schließlich in Trient; er wurde Kreishauptmann, ein ranghoher Posten. Joseph tat sich schwerer, nicht zuletzt, weil seine schriftstellerische Entwicklung parallel lief: "Meine einzige Bitte zu Gott ist: Laß mich das ganz sein, was ich sein kann." Und er wollte Dichter sein.

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort.

Und die Welt fängt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

Müßig zu erwähnen, daß er das Wort fand. Zunächst aber holte er in Wien das Staatsexamen nach, nahm, weil er keine Anstellung fand, als Lützowscher Jäger an den Freiheitskriegen teil. 1816 begann er gezielt eine Beamtenlaufbahn im preußischen Staatsdienst, die ihm –unter vorerst schier unzumutbaren finanziellen Bedingungen – in Breslau, Danzig, Königsberg und ab 1831 in Berlin immerhin eine Daseinsmöglichkeit bot. Damals waren Beamte noch nicht mit üppiger Besoldung ausgestattet, genossen aber erhebliches Ansehen. 1815 hatte er Aloysia von Larisch geheiratet.

1844 ließ Joseph sich aus einer Funktion als "Geheimer Regierungsrat und Referent für katholische Angelegenheiten im Kultusministerium zu Berlin" pensionieren. Grund war seine anfällige Lunge. Nun 56 Jahre alt, konnte er sich der Vollendung seines schriftstellerischen Werkes widmen, das er in all den Mühsalsjahren bei Nachtarbeit und oft mit Hunger aufgebaut hatte. Um nur die berühmtesten Arbeiten zu nennen: 1811 erschien der autobiographisch gefärbte Roman seiner Jugend "Ahnung und Gegenwart"; 1824 das dramatische Märchen "Krieg den Philistern"; 1828 die Parodie "Meierbeths Glück und Ende". Immer schwang in seinem Schrifttum lyrische Formgebung mit. Als Romantiker, der er war, blieb er sich stets der Gefahr bewußt, daß Phantasie, gepaart mit träumerischer Schwermut, die Psyche in Labyrinthe zu locken vermag.

Die Epoche der Romantik bot den Nährboden; ihre Künstler waren bestrebt, "alles Reale zu poetisieren", also der Blume, Wind und Wolken Beseeltheit zuzubilligen. Nicht wenige Romantiker waren überzeugt: In aller Natur walten Naturgeister. Die Wunderwelt der Mythen kam dieser Vorstellung entgegen.

Unverändert tief hallen auch beim heutigen Leser Eichendorffs Gedichte nach! Als Sammelband veröffentlicht wurden sie erstmals 1837. Von genialer Wortbild-Malerei die "Mondnacht". Hier die beiden Anfangsstrophen:

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

In Eichendorffs literaturhistorischen Spätwerken klingt seine christlich-katholische Gesinnung deutlich auf; vermutlich hat es ihn gewurmt, daß die maßgebende europäische Literatur überwiegend von religionsunabhängigen Geistern verfaßt worden war. So veröffentlichte er 1847 "Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland"; 1851 "Der deutsche Roman des 18. Jahrhunderts in seinem Verhältnis zum Christentum"; sein letztes von ihm selbst herausgegebenes Werk ist die "Geschichte der poetischen Literatur in Deutschland" (1857).

Zu Eichendorffs weitgespanntem Bekannten- und Freundeskreis zählten auch Achim und Bettina von Arnim, Joseph von Görres, Otto Heinrich von Loeben, Adam Heinrich Müller, Friedrich und Dorothea von Schlegel, Philipp Veit. Aus den Blickwinkeln seiner Beobachter wurde er verschieden charakterisiert. Überein stimmten sie in der Meinung, daß Eichendorff liebenswürdig, gütig, sehr zurückhaltend, im ganzen etwas farblos wirkte. In der Tat war ihm jede Angabe, jede Art von zelebrierter Selbstdarstellung fremd, um nicht zu sagen zuwider. Aber farblos? Wer ihn in enger Freundesrunde erlebte, wußte um seine kritischen Zuspitzungen einerseits und um seinen herzerquickenden Humor andererseits.

Sein Schrifttum legt von beidem Zeugnis ab. Zu den überaus luxuriösen Lebensgepflogenheiten und den protzigen Festivitäten des reichen Adels schrieb er in seinen Memoiren: "Der Spaß hatte jedoch auch seine ernste Kehrseite; und gerade diese Gruppe hat dem Adel am empfindlichsten geschadet, wie denn überall liebenswürdiger Leichtsinn und Unverstand gefährlicher ist als absolute Bosheit. Denn sie waren es vorzüglich, die nicht nur den eigenen Stand in schlimmen Ruf brachten, sondern in den unteren Schichten der Gesellschaft, die damals noch gläubig und bewundernd zum Adel aufblickten, die Seuche der Glanz- und Genußsucht verbreiteten."

1855, mit 67 Jahren, zog Eichendorff zu seiner Tochter Therese und deren Familie nach Neisse. Schon lange war er aller Güter verlustig gegangen, er fühlte sich heimatlos.

Ins Leben schleicht das Leiden

Sich heimlich wie ein Dieb,

Wir alle müssen scheiden

von allem, was uns lieb.

Im Dezember des gleichen Jahres starb seine Frau. Da wußte er, daß er ihr in nicht allzu ferner Zeit folgen würde – aber das wollte er wohl auch.

O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot,

Wie sind wir wandermüde –

Ist das etwa der Tod?

November 1857 erkrankte er an einer Lungenentzündung, die mit den damaligen Medikamenten nicht geheilt werden konnte. Tochter Therese umhegte ihn unentwegt. Er war ein stiller, geduldiger Kranker. Wie auf seinem letzten Fotoporträt wird ermüdetes Erinnern den Augenausdruck gezeichnet haben.

Eines Nachts rief er seine Tochter. Ob er etwas wünsche, fragte Therese. "O nein, nur sprechen will ich dich, mir ist so bange", flüsterte er. Sie blieb bei ihm, hielt seine Hand. Am folgenden Tag, dem 26. November, schlief er, ruhig atmend, aus seinem Hiersein hin-aus.

Schließen wir mit der letzten Strophe der "Mondnacht":

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

Esther Knorr-Anders