17.10.2021

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01.04.00 Anfänge ostpreußischer Kulturarbeit in Schleswig-Holstein – "Veranstaltungsdienst der LO"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 01. April 2000


Auf dem Weg zum Einsatzort
Anfänge ostpreußischer Kulturarbeit in Schleswig-Holstein – "Veranstaltungsdienst der LO"
von Bruno Poddig

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges glich Deutschland einem Heerlager aus Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen, die ihre ostdeutsche Heimat verlassen mußten. Bereits im Jahre 1946 bildeten sich die ersten landsmannschaftlichen Zusammenschlüsse in den westlichen Besatzungszonen – so beispielsweise auch in Hannover. Die Masse der landsmannschaftlichen Gruppen trat aber erst in Erscheinung, nachdem die Militärregierungen das Versammlungsverbot für Vertriebene und Flüchtlinge erst im Jahre 1949 aufgehoben hatte.

Doch bereits im Herbst 1948 hatte sich in Hamburg eine Gruppe Ostpreußen versammelt, die beschlossen, alle verstreuten, sich bildenden ostpreußischen Gruppierungen zusammenzufassen und dieser Vereinigung den Namen "Landsmannschaft Ostpreußen" zu geben. Ein geschäftsführender Vorstand wurde gebildet. Nun war es natürlich notwendig, daß für die ostpreußische Sache eine Öffentlichkeit geschaffen wurde. Also ein Mitteilungsorgan für die weit verstreut lebenden Landsleute, um die Probleme des Einlebens in der neuen Umgebung und Möglichkeiten ihrer Lösung zu erörtern.

Horst Frischmuth von der Ostpreußen-Gruppe Hannover erklärte sich bereit, ein solches Publikationsorgan herauszubringen. Und im Winter 1949 erschien die erste Ausgabe als Doppelnummer unter dem Namen "Wir Ostpreußen". Das Bedürfnis nach Kultur und kulturellen Veranstaltungen war in den unmittelbaren Nachkriegsjahren besonders groß. So drängte sich der Gedanke auf, soweit dies möglich war, für die westlichen Besatzungszonen Deutschlands einen kulturellen Veranstaltungsdienst der Landsmannschaft Ostpreußen (LO) zu gründen.

Geeignete Leute wurden ausgewählt, um Vorträge zu landeskundlichen oder heimatpolitischen Themen zu halten. Viele Landsleute waren in jener Zeit stark seelisch angeschlagen. Um sie ein wenig wieder aufzurichten, gab es auch humorvolle Vorträge.

Zu jener Zeit war auch ich im Lande unterwegs mit meinem Lichtbildervortrag "Heimatland Ostpreußen – Half tom griene … half tom lache". Der Veranstaltungsdienst der LO in Hamburg hatte für mich im Frühjahr 1950 im Land Schleswig-Holstein an mehreren Orten Veranstaltungstermine mit örtlichen Vorständen der Ostpreußen-Gruppen festgemacht. Um die Menschen in den entsprechenden Orten darauf aufmerksam zu machen, wurden bereits vorab gedruckte Werbeplakate verschickt. Oben stand groß der Titelschriftzug der Zeitung "Wir Ostpreußen", einer der Vorläufertitel des Ostpreußenblattes, darunter der Hinweis, daß es sich um eine Veranstaltung des Landsmannschaft Ostpreußen in Zusammenarbeit mit der örtlichen Ostpreußengruppe handele. Unten mußte von den örtlichen Gruppen nur noch Ort, Datum und Uhrzeit eingetragen werden – anschließend verteilt und plakatiert –, und dann konnte es losgehen.

So weit, so gut. Ich bekam von Hamburg den ersten Vortragstermin in Schleswig-Holstein mitgeteilt, packte meine Lichtbilder in eine große Tasche, den Bildwerfer in einen alten Rucksack – stoßgesichert in weiche Unterhemden. Am Nachmittag kam ich am ersten Einsatzort an. Auf dem Weg zum örtlichen Vorsitzenden sah ich auch schon unser erstes Veranstaltungsplakat. Aber es sah so merkwürdig anders aus! Ich gehe näher – und was sehe ich: Da haben die Plakatkleber doch das obere Drittel unserer Plakate nach hinten geknickt, so daß man den Schriftzug "Wir Ostpreußen" und den Veranstalter, die Landsmannschaft, nicht mehr lesen kann. Nur noch die Veranstaltung mit dem Lichtbildervortrag von mir ist zu lesen.

Beim Vorsitzenden angekommen, frage ich nach herzlicher Begrüßung: "Herr Landsmann, warum habt Ihr denn unsere Plakate verändert und ,Wir Ostpreußen‘ nach hinten abgeknickt?"

"Nu, das werd ich Ihnen sagen", antwortet er mir, "Wir haben hier sehr viele Pommern im Dorf und die haben uns angesprochen und gesagt: Ihr Ostpreußen, Ihr habt dauernd was; da war der Heinz Wald mit seinem bunten Abend und den Geschichten von Tante Malchen, und nun kommt schon wieder was mit ,Wir Ostpreußen‘, da fühlen wir Pommern uns etwas zurückgesetzt. – Na wissen Sie, da haben wir uns gedacht, die Pommern sind doch auch ganz nette Leute, von Kolberg und der Persante, und da haben wir unsere Plakate um ,Wir Ostpreußen‘ verkleinert. Man kann ja so auch sehen, was los ist – und die Pommern fühlen sich nicht zurückgesetzt."

Tatsächlich zeigte sich, daß mein Vortrag sehr gut besucht war und von den Landsleuten mit viel Beifall aufgenommen wurde. – Am nächsten Tag, am nächsten Ort derselbe Tatbestand. Wieder waren unsere Plakate um "Wir Ostpreußen" verkleinert, und es gab ein ähnliches Gespräch mit dem örtlichen Vorstand, und so ging das noch einige Male.

Nach Ende der Vortragsreise ging es zurück nach Hamburg in die Räume der Geschäftsstelle der Landsmannschaft, um über die Erfahrungen mit den besuchten Ortsgruppen zu berichten. In der Averhoffstraße traf ich den damaligen Geschäftsführer der LO, Werner Guillaume. Guillaume meinte, es würde sich mit dem Mitteilungsblatt "Wir Ostpreußen" wohl etwas ändern. Die Schriftleitung des Blattes solle zur Bundesgeschäftsführung nach Hamburg verlegt werden, um die Verbindung zu den vielen neu entstandenen Gruppen besser gestalten zu können. Auch das Format solle geändert werden – eigentlich solle es ein völlig neues Blatt werden, meinte Guillaume.

Nun erzählte ich meine Geschichte von den veränderten Plakaten in Schleswig-Holstein mit dem umgeknickten "Wir Ostpreußen" und sagte: "Na wenn schon eine neue Zeitung, dann auch ein neuer Name. Wie wär’s mit ,Das Ostpreußenblatt‘! Das klingt bescheidener, sagt aber auch alles aus, was wir sagen wollen. Und die Pommern werden auch nichts dagegen haben."

Wochen vergingen, dann kam die erste Zeitung in neuer Aufmachung, und sie hieß Das Ostpreußenblatt! Die Auflagenhöhe stieg sehr schnell an, während anfangs die Landsleute in der Bundesrepublik beliefert wurden, ging der Versand bald über die Grenzen überall dorthin, wohin das Nachkriegsschicksal unsere ostpreußischen Landsleute verschlagen hatte. Bruno Poddig