28.10.2021

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08.04.00 Tschechen müssen weiter auf Wirtschaftsaufschwung warten

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. April 2000


Böhmischer Bankensozialismus
Tschechen müssen weiter auf Wirtschaftsaufschwung warten
Von Jaroslav Opocensky

In der vorletzten Märzwoche veröffentlichte das Tschechische Statistische Amt aktuelle Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung. Ältere Angaben über die Jahre 1997 und 1998 mußten bei dieser Gelegenheit berichtigt wurden – und zwar nach unten.

Da auch die neu veröffentlichten Daten für 1999 nicht besonders positiv sind, ergibt sich das Bild einer nun schon drei Jahre währenden Stagnation. Im vergangenen Jahr ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber 1998 um 0,2 Prozent zurück; die 4,9 Millionen Erwerbstätigen in Tschechien erwirtschafteten ein BIP von 1,8 Billionen Kronen, was etwa 100 Milliarden Mark entspricht. Zwar fällt dieser Rückgang weniger stark aus als 1998 (damals waren es 2,7 Prozent), aber von einer Erholung kann man noch längst nicht sprechen.

Dies gilt erst recht, wenn einige deutliche Warnsignale in Betracht gezogen werden: So waren die Investitionen in die Technologie der Betriebe 1999 sogar um 5,5 Prozent rückläufig, und das Handelsdefizit lag bei etwa 4,5 Prozent des BIP – es wird also bedeutend mehr eingeführt als ausgeführt. Die Auslandsverschuldung liegt mittlerweile bei rund 40 Prozent des BIP, und die Arbeitsproduktivität erreicht ungefähr 48 Prozent des deutschen Niveaus.

Als eine ökonomische Bilanz des ersten Jahrzehnts nach dem Umbruch bleibt festzustellen: Der durch die umfassenden Veränderungen von 1989 bedingte Produktionsrückgang ist nach wie vor nicht aufgeholt. Das Bruttoinlandsprodukt kommt gerade auf 96 Prozent des damaligen Standes. Zum Vergleich: In der EU ist das BIP in dieser Zeitspanne um 119 Prozent gestiegen.

Die tschechische Wirtschaft hat sich damit anders entwickelt, als noch vor wenigen Jahren gedacht, geschweige denn als optimistische Prognosen der Jahre 1990 und 1991 vorhersagten. Die Gründe sind vielfältig, und es ist sehr umstritten, ob überhaupt eine andere Entwicklung möglich war. Unter westlichen Fachleuten überwiegt die Ansicht, daß neben den objektiven ungünstigen Ausgangsbedingungen (den bekannten Altlasten der sozialistischen Wirtschaft) auch hausgemachte subjektive Faktoren eine Rolle spielen.

An erster Stelle stehen hier die Privatisierung über die Bezugsscheine (eine Art Volksaktien), die von vielen westlichen Beobachtern kritisch gesehen wird, da sie letztlich eine Wiederholung der Privatisierung nötig macht. Diese Methode führte dazu, daß die Betriebe anonyme Eigentümer in der Gestalt von Investmentfonds bekamen, denen die Kleinaktionäre ihre Anteile überlassen hatten. Diese wirtschafteten vor allem in die eigene Tasche, an der Umstrukturierung und Entwicklung der Betriebe waren sie wenig interessiert.

Da in den Fonds meistens Großbanken das Sagen hatten, die wiederum noch zum Teil staatlich waren, blieben die Unternehmen im Endeffekt in Staatsbesitz. Man spricht in diesem Zusammenhang vom "Bankensozialismus". Dieser Circulus vitiosus endete mit der Überschuldung der Betriebe und schließlich deren Zahlungsunfähigkeit.

Die Auswirkungen sind jetzt zu spüren. Traditionsreiche Firmen wie die Maschinenbaufabrik CKD Prag oder die Traktorenfabrik ZETOR Brünn stehen vor dem Ruin. Im Laufe des Jahres 1999 verbreitete sich ein Phänomen, das man bislang nur aus der Ukraine oder Rußland kannte: Löhne wurden nicht ausgezahlt. Man schätzt, daß heute ungefähr 120 000 Arbeitnehmer ihr Gehalt nicht bekommen, weil Firmen zahlungsunfähig sind. Auch die Banken wurden in diesen Teufelskreis hineingezogen. Sie leiden unter leichtfertig vergebenen Krediten, die nie wieder zurückgezahlt werden können. Die Verluste sollen etliche Milliarden Kronen betragen.

Die neue sozialdemokratische Regierung beschloß vor anderthalb Jahren ein Hilfsprogramm für angeschlagene Betriebe. Dieses Programm kann bislang jedoch kaum Erfolge aufweisen. Wirksamere Unterstützung erhofft man sich von ausländischen Investitionen, die verstärkt ins Land fließen sollen.

In dieser Hinsicht verfügt die Tschechische Republik über ein leuchtendes Beispiel: das VW-Unternehmen SKODA-AUTO. Die bereits Anfang der 90er Jahre an den deutschen Großkonzern privatisierte Fabrik in Jungbunzlau wurde von Wirtschaftsjournalisten gleich mehrfach zum "am meisten bewunderten Betrieb des ganzen Landes" gewählt.