28.10.2021

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08.04.00 Pillau-Neutief und Frische Nehrung: Trümmerwüste im Naturparadies (Teil I)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. April 2000


Ein Niemandsland sucht seine Zukunft
Pillau-Neutief und Frische Nehrung: Trümmerwüste im Naturparadies (Teil I)
Von Helmut Peitsch

Es war nachts um halb vier, als mich das Telefon aus dem Schlaf riß. "Hello! Here San Francisco, California. Mein Name ist Henry Smith" – es klang wie Heinrich Schmidt und ganz nah –, "ich vertrete eine große Investment company. Wir bauen weltweit Unterhaltungs- und Vergnügungsparks. Gerade jetzt haben wir einen großen, weißen Fleck auf unserer Landkarte entdeckt: das Königsberger Gebiet. Dort wollen wir nun eine solche Anlage bauen. Kennen Sie dort einen passenden Platz, den Sie uns empfehlen können?"

Spätestens da war ich hellwach. "Ich kenne sogar den schönsten Platz auf der Erde", sagte ich, "aber empfehlen kann ich ihn nicht." "Wo ist dieses wunderbare Land?" fragte Mister Smith atemlos vom Pazifik her. "Das ist Pillau-Neutief und die Frische Nehrung. Eine Trümmerwüste und ein Naturparadies. Ein Niemandsland im untergegangenen Ostpreußen, das seine Zukunft sucht …" "Ja, ja", unterbrach mich der smarte Investor, "das ist genau das Richtige." "Nein, nein", beschied ich ihn, "trotzdem das Falsche. Denn – abgesehen vom Schutz der Natur im Urzustand – hätten Sie dort nicht die Gäste, die Sie brauchen. Woher sollen sie kommen? Wie sollen sie dort hinkommen? Und das Schlimmste: Wollen Sie Ihr Geld riskieren, wo niemand weiß, wie sicher es angelegt ist und wie es weitergeht?" "Das begreife ich nicht", sagte Mister Smith resigniert und legte auf. Sorry!

Ja, wer kann das begreifen? Mehr als ein halbes Jahrhundert war das ganze Königsberger Gebiet hermetisch abgeriegelt. Pillau ist immer noch ein Sperrbezirk in dem 1991 geöffneten Königsberger Gebiet, nur mit schriftlicher Genehmigung erreichbar. Seit gut zwei Jahren dürfen Besucher auch schon mal einen Fuß auf die andere Seite des Tiefs setzen, seit einem Jahr sogar gelegentlich nach Neutief hinein vorstoßen. Mit Sondergenehmigung und in Begleitung gelang uns, was bis vor kurzem noch unvorstellbar war: ein gründlicher Besuch in Neutief und eine Erkundungstour auf die Frische Nehrung bis an die Grenze zu ihrem polnischen Teil hinter Narmeln.

Peter der Große hätte es sich nicht träumen lassen, als er vor fast 300 Jahren im Pillauer Zeughaus mit Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. tafelte, daß er einmal den Platz des Großen Kurfürsten vor dem Leuchtturm einnehmen würde. Seit zwei Jahren steht sein imposantes Standbild dort, in der westlichsten Stadt des Nachkriegsrußlands, auf einem neuen Sockel; der alte "ziert" das völlig heruntergekommene Gelände in der Zitadelle. Der Große Kurfürst, entscheidender Förderer Pillaus und Schöpfer der preußischen und damit auch deutschen Flotte, hat – als einziges gerettetes Denkmal aus Ostpreußen – Zuflucht in der Patenstadt Eckernförde gefunden.

Zar Peter blickt streng südwestlich über Vorhafen, Molenweg und das Pillauer Tief, das sich wie ein übergroßer Kanal schnurgerade in die Ostsee streckt, so als ob er uns beobachtet auf unserer Entdeckungsreise. Er sieht auf das Westfort, das unser erstes Ziel drüben ist. Die Straße – oder das, was von ihr übriggeblieben ist – nahe am blauen Wasser des Tiefs, das wir noch vor acht Jahren während der Fahrt auf dem Königsberger Seekanal vom Riesennetz einer U-Boot-Sperre durchzogen sahen, führt an alten Wohnhäusern von Flugplatzbediensteten vorbei – in 54 Jahren russischer Nichtpflege dahinsiechend. Ein Giebel ist von Geschoßeinschlägen durchlöchert. Gardinen verraten: Hier wohnen Menschen. Das Westfort öffnet sich uns panoramaartig wie ein gewaltiges Kolosseum. Dünensand hat die "Arena" hoch und breitbucklig gefüllt; Buschwerk an den Rändern und dünnes Gras mit zaghaft blühenden Blumen. Schwarzbunte Kühe haben hier ihre kümmerliche Weide, plazieren ihre Fladen auf das einst heroische Gelände oder dösen in den Kasematten. Das Westfort – ebenso wie auf der anderen Seite des Tiefs das Ostfort nahe der früheren Strandhalle und die siebenzackige Zitadelle im Herzen der späteren Stadt – war das Werk Gustav Adolfs von Schweden, der im Krieg gegen Polen als erster die strategische Lage dieser Gegend erkannte. Der Bau dauerte von 1626 bis 1635, insgesamt bis 1670. Viel Nutzen hat die Bastion an exponierter Stelle über die Jahrhunderte nicht gebracht. Nur zeitweilig waren Soldaten dort kaserniert. Zum Einsatz kamen sie nicht. Bis auf eine kleine Batterie im letzten Krieg. Und sie stand auf verlorenem Posten, als das Inferno über Pillau hereinbrach.

Weit geht der Blick oben auf den gewaltigen Umfassungsmauern über das Tief mit Süder- und Nordermole und auf die leicht bewegte See hinüber nach Pillau, wo die begrenzte Zivilisation dieser Gegend endet, und auf die unwirkliche Welt vor uns, die das Auge feucht werden läßt.

Südlich liegt ein fast menschenleerer, breiter Strand vor uns. Nur ein paar Bernsteinsammler suchen den weißen Sand ab. Eine mächtige Blütendolde auf hoher Staude setzt einen kräftigen gelben Farbtupfer ins herzbewegende Bild. Grüner Strandhafer überlappt die von Fluten und Stürmen zerrissene Vordüne wie ein Riesenteppich. Dort hinten, wo sie verflacht und der Wald sich duckt, muß der Ort sein, den wir suchen, die Stelle, wo am 27. April 1945 der Kampf um Pillau sein Ende fand: der Bunker Lehmberg mit seinen Verteidigern unter Generalmajor Carl Henke. Namen, die in die Kriegsgeschichte eingegangen sind. Werden wir den Platz finden?

Ostwärts auf sanft hügeliger Düne stellen hochgewachsene, breitkronige Laubbäume die Kulisse für einen vielfältigen, herrlichen Bewuchs; weiße Birken, kuschelige Weiden, stachelige Akazien, Gebüsche, die grüne Zierflecken auf dem hellen Buckel bilden, blühende Heckenrosen, dornige Stranddisteln, Netze von Flechten, wilde Stiefmütterchen. Doch der Blick ins Naturparadies bleibt nicht ungetrübt. Ruinen, eingestürzte Bauten, Gerippe einstiger Häuser, die in den Lücken sichtbar werden, reißen uns aus allen schönen Träumen.

Die Trümmerwüste im Naturparadies offenbart sich schockartig, wenn wir weitergehen und das Gelände der früheren Siedlung am Seefliegerhorst betreten. Nicht ein Gebäude, das nicht von Verfall und Zerstörung gezeichnet ist. Dann und wann leidlich erhaltene Häuser, die bewohnt sind; sogar zwei, drei Blocks der alten Kasernen, durch russische Einheits-Eternitdächer verfremdet. (Fortsetzung folgt)