28.10.2021

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08.04.00 Deutsche Bahn streicht Direktverbindung nach Königsberg

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. April 2000


Nach Ostpreußen über Weißrußland?
Deutsche Bahn streicht Direktverbindung nach Königsberg

Die Deutsche Bahn beabsichtigt die Einstellung aller Direktverbindungen von Berlin über Stettin und Köslin nach Gdingen, Danzig und Allenstein zum nächsten Fahrplanwechsel am 28. Mai 2000. Damit soll auch die einzige Verbindung von Berlin nach Königsberg entfallen.

Die Bahn begründet die Einstellung mit einem Rückgang der Zahl der Reisenden, die eine Aufrechterhaltung der bisherigen Züge, die über Stettin hinausgehen, nicht rechtfertige. Hierzu zählen neben dem InterRegio "Mare Balticum" entlang der pommerschen Ostseeküste bis nach Masuren ein weiterer Tageszug, der seit der letzten Fahrplanumstellung im September 1999 ganze 25 Kilometer vor den Toren der Ostseemetropole Danzig endet und damit für viele Reisende unattraktiver geworden ist. Weiterhin wegfallen sollen der Nachtzug von Berlin nach Gdingen mit Kurswagen nach Königsberg und die Sommerverbindung von Berlin nach Swinemünde.

Die Reisenden werden sich auf vermehrtes Umsteigen und schlechtere Anschlüsse einstellen müssen. In Zukunft sollen Fahrgäste zur hinterpommerschen Ostseeküste ab Berlin bis Angermünde fahren, dort in eine Regionalbahn nach Stettin umsteigen, um dort erneut den Zug zu wechseln. Für Reisende nach Königsberg bliebe nur der lange Umweg von Berlin über Warschau, das weißrussische Grodno und das litauische Wilna – eine kleine Weltreise und eine Verdoppelung der bisherigen Fahrzeiten. Das oftmalige Umsteigen bedeutet außerdem, daß Anschlüsse schlecht koordiniert sind und bei Verspätungen nicht funktionieren. Dies verdeutlicht die geplante Verschlechterung.

Die geplante Einstellung bedeutet aber darüber hinaus auch, daß Berlin zunehmend den Anschluß Richtung Osten verpaßt. Seit die alte und neue Hauptstadt mit dem Umzug von Parlament und Regierung für den politischen wie auch wirtschaftlichen Ost-West-Austausch zu einer zentralen Drehscheibe geworden ist, gewinnen auch die Verkehrsverbindungen in Richtung Osten verstärkt an Bedeutung. So haben viele deutsche mittelständische Unternehmen über die letzten Jahre Verbindungen auch ins Königsberger Gebiet aufgebaut. Sie stehen aufgrund der Einstellung jeglicher Zugverbindungen von Königsberg nach Deutschland teilweise vor dem erzwungenen Abbruch dieser Beziehungen.

Die Begründung der Deutschen Bahn erscheint nicht nachvollziehbar: Eigenen Erfahrungen wie auch Aussagen von Zugbegleitern zufolge haben die Züge – wie auch andere Züge in deutsche Urlaubsregionen – eine saisonal schwankende Auslastung, die im Sommer oft das Bereitstellen zusätzlicher Wagen nötig machte, während in der Winterperiode naturgemäß weniger Fahrgäste anzutreffen sind. Da viele Reisende ihre Fahrkarten beim Schaffner nur bis zur Grenze lösen, um auf polnischer Seite in den Genuß der gegenüber den internationalen Tarifen um etwa 30 Prozent günstigeren Tarife der polnischen Bahngesellschaft PKP zu kommen, weisen die Statistiken der DB einen viel zu geringen Wert von Zugreisenden aus, deren Ziel weit über Stettin hinausgeht.

Die von der Deutschen Bahn angepriesene Alternative des Buslinienverkehrs überzeugt keineswegs: Der von der DB selbst angegebenen Zahl von gegenwärtig täglich 240 Reisenden, die sich auf drei Züge verteilen, steht ein Angebot von 120 Sitzplätzen pro Woche in den Linienbussen gegenüber. Flugverbindungen kommen als Ausweichmöglichkeit ebensowenig in Betracht, da es kein Flugangebot für die Strecken von Berlin nach Danzig oder nach Königsberg gibt.

Die "Fahrgast-Initiative Mare Balticum" hat jetzt – unterstützt vom Fahrgastverband "Pro Bahn" – gegen die Streichung der Direktverbindungen nach Danzig und Königsberg protestiert. Detlev Lutz, Koordinator des Fahrgast-Protestes, stellt den Plänen der Bahn einen Forderungskatalog gegenüber, der bei mehreren spontanen Unterschriftensammlungen eine große Resonanz gefunden hat. Der Deutschen Bahn werden Alternativen vorgeschlagen:

Zum einen die Aufrechterhaltung mindestens einer Tages- und einer Nachtverbindung von Berlin nach Danzig. Da bisher nur der deutsche, 140 Kilometer kurze Ast der Verbindungen von der Einstellung der DB bedroht sei, werde die kurzfristige Aufrechterhaltung dieser Züge – zumindest aber mit durchgehenden Kurswagen – trotz des bald bevorstehenden Fahrplanwechsels nicht für illusorisch gehalten.

Zum anderen solle, anstatt die Nachtverbindungen zu streichen, besser versucht werden, durch die Verlegung von Ankunft und Abfahrt der Züge vom Bahnhof Berlin-Lichtenberg auf die zentrale Stadtbahn-Strecke den doppelten Umsteigezwang für Fahrgäste über Berlin hinaus zu beseitigen und Anschlüsse in und aus Richtung Süden und Westen zu verbessern. Anstelle des gegenwärtig langwierigen Rangierens der Kurswagen in Gdingen solle der ganze Zug durchgebunden werden.

Detlev Lutz von der Fahrgastinitiative appelliert daher an die Deutsche Bahn, die im letzten Jahr von DB-Chef Ludewig und seinen polnischen Kollegen getroffenen Verbesserungen (beispielsweise eine beschleunigte Grenzabfertigung) im grenzüberschreitenden Verkehr nach Osten aus kurzsichtigen Rentabilitätserwägungen wieder zunichte zu machen. OB

Informationen und Unterschriftenlisten der Fahrgastinitiative "Mare Balticum" erhalten Sie über Herrn Detlev Lutz, Apoldaer Straße 5, 12249 Berlin.