28.10.2021

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08.04.00 "Sunday Times": Europäer wollten diplomatische Lösung

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. April 2000


Balkankrieg: "Widerwillig für Gewalt entschieden"
"Sunday Times": Europäer wollten diplomatische Lösung
Von CHRIS MARSDEN

Am Sonntag, dem 12. März, zeigte der britische TV-Sender BBC 2 einen Dokumentarfilm von Alan Little. Der Film heißt: "Moralische Kriegsführung: Die Nato im Krieg." Er enthält erdrückende Beweise, daß die Clinton-Regierung sich einen Vorwand zum Krieg gegen das serbische Regime von Milosevic schuf, indem sie die separatische Kosovo-Befreiungsarmee UCK unterstützte, und daß sie dann ihre Entscheidung gegen die europäischen Verbündeten durchsetzte. Die Enthüllungen wurden von einem zeitgleichen Artikel in der Zeitung "Sunday Times" ergänzt.

Little führte Interviews mit Personen durch, die im Kosovo-Krieg eine Rolle gespielt hatten. Am interessantesten waren die Gespräche mit US-Außenministerin Madeleine Albright, dem stellvertretenden US-Außenminister James Rubin, US-Vermittler Richard Holbrooke, William Walker, dem Leiter der Uno-Überwachungsmission, und UCK-Führer Hashim Thaci. Sie wurden durch weitere Interviews ergänzt.

Die Dokumentation zeigte auf, wie die "Feindschaft gegen Milosevic aus einer suspekten Guerilla-Truppe Verbündete der mächtigsten Nation der Erde machte". Seit der Zeit des Krieges in Bosnien 1995 versuchte die UCK, die weitverbreitete Feindschaft der Kosovo-Albaner gegen das Belgrader Regime auszunutzen. Sie verfolgte die Strategie, die serbische Provinz Kosovo durch terroristische Akte zu destabilisieren, und hoffte, daß die USA und die Nato schließlich eingreifen würden. Sie überfiel serbische Patrouillen und tötete Polizisten.

UCK-Führer Thaci erläuterte dazu: "Jede unserer bewaffneten Aktionen wurde mit Vergeltung gegen Zivilisten beantwortet. Uns war klar, daß wir viele Zivilisten in Gefahr brachten." Die Früchte dieser Strategie erklärte Dug Gorani, ein nicht zur UCK gehörender Verhandlungsführer der Kosovo-Albaner: "Je mehr Zivilisten getötet wurden, desto größer wurde die Chance auf eine internationale Intervention. Die UCK begriff das natürlich auch. Ein ausländischer Diplomat sagte mir einmal: ,Schau mal, solange ihr nicht mindestens fünftausend Tote zu bieten habt, werdet ihr niemals irgendwelche ausländischen Mächte im Kosovo stationiert bekommen.‘" Albright gefiel die Strategie der UCK, weil die USA unbedingt einen militärischen Konflikt mit Serbien wollten. Ihre Interviews begannen mit den Worten: "Ich glaube an die Größe und Güte der Macht, der Macht der Verbündeten unter Führung der Vereinigten Staaten." Die Provokationen der UCK wurden zum Mittel, mit dem der Einsatz dieser Macht gerechtfertigt werden konnte.

Der Angriff der serbischen Armee vom 5. März 1998 in Prekaz auf das Haus von Adem Jashan, einem führenden Kommandanten der UCK, bei dem 53 Menschen starben, wurde Anlaß eines Treffens der Nato-Kontaktgruppe vier Tage danach. Albright drängte auf einer harte antiserbische Reaktion. "Ich hielt mich für verpflichtet, meinen Kollegen zu sagen, daß wir nicht die Fehler von Bosnien wiederholen dürften, wo es viel Gerede und keine Taten gegeben hatte", meinte sie gegenüber Little.

Die Nato drohte Belgrad zum ersten Mal mit einer militärischen Reaktion. "Die Interessen der UCK und der Nato-Verbündeten fielen zusammen", kommentierte Little. Dann zeigte er, wie ein weiteres Treffen zwischen US-Vermittler Richard Holbrooke und UCK-Mitgliedern in Junik Belgrad verärgerte und die albanischen Separatisten ermunterte. General Nebojsa Pavkovic, der Kommandeur der jugoslawischen Armee im Kosovo, erklärte: "Wenn der offizielle Vertreter eines anderen Landes hierherkommt, Regierungsbeamte einfach ignoriert und statt dessen ein Treffen mit den albanischen Terroristen abhält, dann ist es ziemlich klar, daß diese Unterstützung bekommen." Lirak Cejal, ein UCK-Kämpfer, ging noch weiter: "Von diesem Zeitpunkt an wußte ich, daß die USA, die Nato, die Hand über uns halten würden. Sie suchten den Kopf der UCK, und als sie ihn fanden, wollten sie die UCK an die Hand nehmen und kontrollieren."

Im Oktober 1998 hatte die Nato ein Waffenstillstandsabkommen durchgesetzt, teilweise durch Drohungen und teilweise, weil Serbien gegen die UCK Erfolge erzielt hatte. Eine Überwachungsmission unter dem Schirm der OSZE und der Führung von William Walker wurde in die Provinz geschickt.

Littles Dokumentarfilm weist nur in dem Interview mit Cejal auf die Kontrolle der UCK durch die USA hin, und da auch nur in einer Anekdote. Es scheint, daß sich die BBC in dieser Frage etwas zurückhielt, da am Tag der Ausstrahlung von Littles Dokumentarfilm ja auch der Artikel in der "Sunday Times" erschien.

Die Times-Journalisten Tom Walker und Aidan Laverty schrieben dort: "Zahlreiche Amerikaner, die direkt in CIA-Aktivitäten verwickelt oder daran beteiligt waren, haben mit den Autoren von ,Moral Combat‘ gesprochen, einer Dokumentation, die heute Abend auf BBC 2 ausgestrahlt wird. Sie sprachen auch mit der Sunday Times über ihre geheimen Operationen der verdeckten Unterstützung für die UCK, die der Nato-Bombardierung des Kosovo vorausgingen."

Die "Sunday Times" erklärte, daß die anonymen Quellen "zugaben, die Kosovo-Befreiungsarmee mit ausgebildet zu haben". Sie fügte hinzu, daß die CIA-Offiziere "1998 und 1999 den Waffenstillstand überwachten, Beziehungen mit der UCK anknüpften, ihr amerikanische Ausbildungspläne gaben und sie militärisch berieten, wie man die jugoslawische Armee und serbische Polizei am besten bekämpfe."

Die Times fuhr fort: "Vor einem Jahr, als sich die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die die Überwachung koordinierte, eine Woche vor Beginn der Luftschläge aus dem Kosovo zurückzog, wurden viele ihrer Satellitenverbindungen und globalen Positionierungssysteme insgeheim an die UCK übergeben, um sicherzustellen, daß die Kommandeure mit der Nato und Washington in Verbindung bleiben konnten. Einige UCK-Führer kannten die Handynummer von General Wesley Clark, dem Nato-Kommandanten." Der Artikel zitiert im folgenden ungenannte "europäische Diplomaten, die damals für die OSZE arbeiteten", die "behaupteten, sie sei von einer amerikanischen Politik verraten worden, die Luftschläge unausweichlich machte." Sie zitierten einen europäischen Gesandten, der den OSZE-Verhandlungsleiter Walker beschuldigte, er leite eine CIA-Operation: "Die amerikanische Delegation war mit ihren diplomatischen Beobachtern, auch bekannt als CIA, bestückt, die mit vollkommen unterschiedlichen Vorgaben arbeiteten als der Rest aus Europa und der OSZE." Walker war als amerikanischer Botschafter in El Salvador gewesen, als die USA die Unterdrückung der dortigen linken Rebellen ermöglichten, und er wird im allgemeinen als CIA-Mann betrachtet. Er bestreitet dies, aber gegenüber der "Sunday Times" räumte er ein, es sei fast sicher, daß die CIA in die unmittelbaren Vorbereitungen der Luftschläge verwickelt gewesen sei: "Über Nacht hatten wir hier statt einer Handvoll Menschen plötzlich 130 Personen oder mehr. Konnte es die CIA sein, die sie zu diesem Zeitpunkt hergeschickt hatte? Sicherlich konnte das sein, das ist ja ihre Aufgabe."

Die Zeitung zitiert die relativ offenen Kommentare ihrer CIA-Quellen: "Das war eine CIA-Front; sie sammelte Informationen über die Bewaffnung und Führung der UCK", sagte einer. "Ich sagte ihnen, welchen Hügel sie vermeiden, welchen Wald sie umgehen sollten, und solche Sachen", sagte ein anderer.

Um diese Behauptungen abzurunden, bemerkte die Sunday Times, daß Shabun Shala, ein UCK-Kommandant, der heute in der Kampagne zur Destabilisierung albanischer Gebiete in Serbien aktiv ist, ausgesagt habe, er habe 1996 in Nordalbanien britische, amerikanische und Schweizer Agenten getroffen.

Littles BBC-Dokumentation war etwas zurückhaltender mit der Behauptung, daß die CIA die UCK unterstützt habe, aber sie veranschaulicht, wie die Gelegenheit des Waffenstillstands ergriffen wurde, um den Separatisten die Kontrolle über das Kosovo zu ermöglichen. Little erklärte, überall dort, wo die Serben ihre Kräfte in Übereinstimmung mit dem Abkommen zurückzogen, sei die UCK nachgerückt. Der militärische Führer der UCK, Agim Ceku, sagte: "Der Waffenstillstand war für uns sehr nützlich, er half dabei, uns zu organisieren, uns zu konsolidieren und zu wachsen." Trotz serbischer Proteste wurde nichts unternommen, um dies zu verhindern. Little zufolge liegt der BBC ein vertrauliches Protokoll des Nordatlantikrates (NAC), dem leitenden Gremium der Nato vor, worin es heiße, die UCK sei "Hauptinitiator der Gewalt", und Walker nenne seine Aktionen im privaten Kreis eine "absichtlich provokative Kampagne". Diese verdeckte Unterstützung der UCK durch die USA hat Serbien provoziert, den Waffenstillstand zu beenden und die Armee zurück in das Kosovo zu schicken. Der nächste große Wendepunkt der Ereignisse, die auf den Nato-Krieg gegen Serbien zusteuerten, war das angebliche Massaker an Albanern in Racak am 15. Januar 1999. Bis heute wird die Frage, ob serbische Soldaten in Racak Zivilisten in einem Racheakt ermordet hätten, von Belgrad entschieden bestritten. Belgrad behauptet, die UCK habe das angebliche Massaker gestellt und Leichen aus früheren Kämpfen dafür benutzt.

Internationale Beobachter, die in das Dorf kamen, nachdem serbische Truppen den Tod von 15 UCK-Kämpfern bekanntgegeben hatten und sich zurückzogen, hatten nichts Ungewohntes zu berichten gehabt. Erst am nächsten Morgen, nachdem die UCK die Kontrolle über das Dorf zurückerobert hatte, besuchte Walker es und gab bekannt, daß serbische Polizisten und jugoslawische Soldaten ein Massaker verübt hätten. Little bestätigt, daß Walker mit Holbrooke und General Clarke Kontakt aufgenommen hatte, ehe er diese Meldung in die Öffentlichkeit brachte.

Racak sollte der letzte Vorwand für eine Kriegserklärung werden. Aber erst mußte Washinton noch sicherstellen, daß die europäischen Mächte, die außer Großbritannien immer noch auf eine diplomatische Lösung drängten, mit von der Partie sein würden. Die Verhandlung in Rambouillet, Frankreich, fanden im Schatten eines drohenden Krieges statt.

Little erklärt: "Die Europäer, von denen sich einige nur widerwillig zur Androhung von Gewalt bekehren ließen, machten ernsthaft Druck für eine Lösung, die sowohl Serben als Albaner hätten akzeptieren können. Aber die Amerikaner waren skeptisch. Sie waren in anderer Absicht nach Rambouillet gekommen."

Sowohl Albright als auch Rubin waren außergewöhnlich offen über die Ziele, die sie in Rambouillet erreichen wollten. Sie präsentierten ein Ultimatum, das die serbische Regierung nicht akzeptieren konnte, weil darin nicht nur eine Nato-Besetzung des Kosovo enthalten war, sondern auch unbeschränkter Zugang zu ganz Serbien. Der serbische General Pavcovic kommentierte: "Sie verlangten uneingeschränkte Bewegungsfreiheit, was sich kaum von einer Besetzung unterschied. Niemand konnte so etwas akzeptieren."

Das war die Absicht der USA. Albright erklärte der BBC: "Falls die Serben (dem Ultimatum von Rambouillet) nicht zustimmen sollten, die Albaner aber zustimmten, dann gab es einen ganz klaren Grund für die Anwendung von Gewalt." Rubin fügte hinzu: "Selbstverständlich mußte es in der Öffentlichkeit so aussehen, als ob wir eine Übereinkunft anstrebten, aber insgeheim wußten wir, daß die Chancen auf eine Zustimmung der Serben sehr gering waren." Der UCK-Führer Thaci war das einzige Problem, weil er den Einschluß eines Referendums über Unabhängigkeit forderte. So wurde am Valentinstag Albright zu ihm geschickt mit der Aufgabe, ihn zu überzeugen. Veton Suroi, ein mit der UCK rivalisierender Politiker, der an den Gesprächen beteiligt war, gibt eine offene Beschreibung von Albrights Botschaft an Thaci: "Sie sagte: ,Ihr unterschreibt, die Serben unterschreiben nicht, wir bombardieren. Ihr unterschreibt, die Serben unterschreiben, dann habt ihr die Nato im Land. Ihr habt die Wahl.‘"

Nach drei Wochen Diskussion stimmte Thaci endlich zu und unterzeichnete den Vertrag von Rambouillet. So war der Weg für die USA frei, einen offenen Krieg gegen Serbien zu führen, einen Krieg, der mit den schmutzigen Tricks der CIA und politischen Manövern mit Terroristen vorbereitet worden war.