19.10.2021

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15.04.00 Gedenken zum 100. Geburtstag des Komponisten Herbert Brust

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. April 2000


Unerschöpfliche Schaffenskraft
Gedenken zum 100. Geburtstag des Komponisten Herbert Brust

Heilig, vertraut, uralt … So endet das Gedicht "Cranz" von Agnes Miegel, in dem sie ihre tiefe Geborgenheit in der geliebten Heimat Ostpreußen bekundet. Heilig, vertraut, uralt … tief in unserem Innersten verankert und das Wertvollste, das uns Menschen beschieden sein kann, das unser Herz weitet – ist das Bewußtsein, eine Heimat auf dieser weiten Erde zu haben.

Heilig bleibt deshalb auch die in Jahrhunderten gewachsene Heimat Ostpreußen, vertraut und unzerstörbar in der Erinnerung aller dort Geborenen, denn uralt ist diese von der See geprägte Erde, die noch vor zwei Menschenaltern blühendes Land unter dem Pflug bodenständiger Bauern war. Ostpreußen wird aber nicht nur durch das dichterische Vermögen von Agnes Miegel und so vielen anderen, die ihre Heimat in Worten besungen haben, unauslöschlich in unseren Herzen bestehen bleiben. Dieses "Land der dunklen Wälder und kristall’nen Seen" ist darüber hinaus tief in unserem Gemüt, unserer Seele verankert durch eine ganz schlichte, innige Weise, gleichsam zur Hymne angewachsen, seit die vertraute, heilige Heimat verlassen werden mußte.

Nur ein Mensch, der seine Heimat über alles liebte, hat dieses überströmende Gefühl in solche Tonfolge umsetzen können: Herbert Brust, am 17. April vor 100 Jahren geboren, ist der Schöpfer des Ostpreußenliedes; in seiner bescheidenen, stillen Art äußerte er seinerzeit: "Es ist eine Gnade, daß ich diese Weise fand." Und später, nach dem Kriege, als er mit seiner geliebten Frau Edith und Munin, dem jüngeren der beiden Söhne, bei Bremerhaven wieder Fuß gefaßt hatte, als das Ostpreußenlied zur tiefen Huldigung aller Ostpreußen an ihr Land geworden war, äußerte er: "Dieses Lied wurde geboren aus einer großen glühenden Liebe zur Heimat."

Um dem Schöpfer des Ostpreußenliedes, das allein ihn unvergessen sein läßt, ein wenig mehr gerecht zu werden, bedarf es zunächst eines Einblicks in sein von Musikschaffen geprägtes Leben, das durch Krieg, Verlust der Heimat und seines Heimes an der Samlandküste, Neuanfang im Westen Deutschlands – dort, erst 1947, Nachricht vom Soldatentod seines Sohnes Botho – auch große Härten aufwies.

Herbert Brust erzählt über sein Eingebundensein in die ostpreußische Heimat: "Die Sonne in Ostpreußen ist mir immer am schönsten vorgekommen; in der Düne der Kurischen Nehrung so hoch und fern und doch so warm, an den masurischen Seen im Winter immer so tief, rot und groß und doch so kalt. Diese liebe Sonne erblickte ich zum ersten Mal in meinem Leben am Schloßteich in Königsberg am 17. April 1900", und später, schon als Professor der Musik: "Wunderbar und schön war für mich immer der Holzteergeruch der Keitelkähne, die am Fisch- und Zwiebelmarkt festmachten."

Schon mit vierzehn Jahren wandte sich der musikbegabte Junge der Orgel, dem für ihn zeitlebens geliebtesten Instrument, zu. Sein Lehrer, Domorganist und Kirchenmusikdirektor Walter Eschenbach, unterzog ihn schon recht bald einer Prüfung auf der Königsberger Domorgel, die er meisterhaft bestand. "Herbert setzte sich auf die Orgelbank, zog verschiedene Register und begann auf allen Tastaturen zu spielen, daß es brauste und tönte, und wollte gar nicht aufhören." Eschenbach äußerte, daß er selbst so nicht improvisieren könnte.

Herbert Brust erhielt in Königsberg die seinerzeit beste Ausbildung, im Orgelspiel wie auch in der Kompositionslehre.

Schon als Siebzehnjähriger lernte er seine spätere Frau Edith kennen, als er sie zu ihrem Geigenspiel in der Löbenichtkirche auf der Orgel begleitete. Herbert Brust studierte von 1919 bis 1922 in Berlin an der Hochschule für Musik und kehrte nach dem Abschlußexamen in der Meisterklasse für Kompositionslehre und Orgel nach Königsberg zurück. Die umfassende Ausbildung bei bedeutenden Professoren befähigte den jungen Musiker dann, in Sommermusiken, Kantaten und Oratorien seine unverwechselbare eigene Art zu gestalten. Erster Höhepunkt in seinem Schaffen war das Oratorium "Ostpreußenland" mit dem uns als "Ostpreußenlied" überlieferten Schlußchor. Der junge ostpreußische Dichter Erich Hannighofer war gleich Brust von Liebe zu seinem Land durchzogen, so daß Wort und Lied dieses Oratoriums in seltenem Gleichklang standen.

Nahezu unerschöpflich wurde Brusts Schaffenskraft nach seiner Heirat 1924 mit Edith, die inzwischen examinierte Geigerin und Musiklehrerin geworden war. Erfüllung wurde dem beseelten Musiker dann der Erwerb eigener Erde in Neukuhren an der Samlandküste, auf der er mit seiner gleichfalls hochbegabten Ehefrau und den Söhnen Botho und Munin glückvolle Jahre in seinem Haus "Romowe", altpreußisch "Heiliger Hain" bedeutend, durchleben durfte. Über der Schwelle des Hauses stand geschrieben: "Der Heimat Rauch ist leuchtender als fremde Feuer."

In seiner Heimat, dem Rauschen der See mit allen Sinnen nah, brachten Jahre der Schaffensfreude Herberst Brust eine reiche Ernte an Musikschöpfungen, die alle sein geliebtes Ostpreußen besangen. Es seien nur genannt: "Festkantate", "Memelruf", der Liederzyklus "Memelfahrt" und die kurz vor dem Krieg entstandene "Bernsteinkantate" op 59, wohl sein bedeutendstes Werk, das nach Texten von Margareta Kudnig das Land der Ostpreußen von der Urzeit über das Mittelalter bis zur Neuzeit besingt.

Im Frühjahr 1941 wurde Herbert Brust eingezogen, kämpfte auch auf dem Balkan, kam zuletzt nach Braunsberg und durchlitt, fiebrig erkrankt, zu Fuß den Rückzug mit seiner Truppe über das Frische Haff. Ein letztes Atemholen bei seinen Lieben in Neukuhren wurde ihm noch vergönnt. Dann ereilte auch ihn gleich unzähligen seiner Landsleute die Vertreibung aus der Heimat, schwerkrank geworden durch die Jahre an der Front. Seine Frau und den jüngeren Sohn Munin fand er nach dem Kriege bei Bremerhaven wieder. Sein Sohn Botho war als Freiwilliger noch 1945 bei der Verteidigung um Berlin gefallen.

Mühselig fand sich Herbert Brust im Westen Deutschlands wieder zurecht, krank bis ins innerste Mark. Eine neue Aufgabe fand er aber als Professor der Musik an der Humboldt-Oberschule in Bremerhaven. Auch die Kraft, Musik zu schaffen, wuchs ihm wieder zu.

Herbert Brust ging am 26. Juni 1968 von dieser Erde, geschwächt seit Jahren durch Krankheit, aber reich in der Freude über ein neues eigenes Zuhause, reich auch durch die Fülle neuer Musikschöpfungen, die, wie vor dem Kriege, alle sein Ostpreußenland besangen. Das Gesamtverzeichnis seiner Werke hört mit op 96 auf, die drei letzten waren Gesänge, waren Agnes Miegel gewidmet, Vertonungen ihrer Dichtungen "Schöne Agnete", "Du hast in Krieg und Schrecken …" und "O ihr, aus deren Blut ich kam". Zu ihrem 80. Geburtstag wurden sie zum ersten Mal von dem Sänger Willi Rosenau vorgetragen. Möge es uns vergönnt sein, aus dem reichen Musikschaffen von Herbert Brust über das Ostpreußenlied hinaus noch andere Vertonungen kennenzulernen! Imke Thomas-Alberti

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Ein Verzeichnis der Kompositionen von Herbert Brust ist beim Romowe Verlag, Am Kojenholt 11, 27607 Langen, erhältlich. Dort ist auch ein Lebensbild des ostpreußischen Komponisten von Gerhardt Seiffert (mit Aufzeichnungen von Edith Brust) als Faksimile-Nachdruck erschienen (42 Seiten, 6,95 DM zuzügl. Versandkosten). – Der WDR Radio 5 strahlt am 21. April, 9.20 Uhr bis 10 Uhr, eine Sendung zum 100. Geburtstag des Komponisten aus (Autorin Edith Lia Vasilescu M. A.).