19.10.2021

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© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. April 2000


Erzählungen

 

Passion
Von EDELTRAUD ROSTEK

Ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund sehen wir nicht gern. Es erinnert uns an Trauer, Leid und Tod. Wir können es aber auch anders – als einen Hinweis auf einen Menschen mit ausgebreiteten Armen – betrachten.

Wie das Kreuz mit seinem Stamm ist der Mensch mit seinen Füßen fest der Erde verbunden, und wie es sich mit seinem oberen Ende zum Himmel streckt, so kann sich der Mensch mit Leib und Seele Gott zuwenden.

Das Querholz weist uns – ähnlich den ausgebreiteten Armen – darauf hin, daß wir offen für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt sein können.

So, Gott und den Menschen verbunden, hat Jesus Christus sein Leiden und Streben getragen und uns den Weg zu einem Leben mit allen Geschöpfen unserer Welt und für sie bereitet.

Aus dem Triumpfkreuz des Schweriner Domes sprießen goldene Akantusblätter. Das "Holz des Sterbens" hat sich in einen "Baum des Lebens" gewandelt. Aus dem gehorsam getragenen Leiden sind Liebe und Versöhnung gewachsen. Sie können das Böse überwinden und uns zu einem wahrhaft mitmenschlichen Handeln befreien. Sooft sie uns dazu bewegen, wird sich das Leben erneuern, das wir von Gott empfangen haben.

 

 

Därr Menschlichkeit
Von HORST REDETZKY

Wie aus der Pistole treffen mich diese beiden Worte, als ich einen kleinen polnischen Jungen nach der Bedeutung seines absonderlichen Vornamens frage. Du meinst, lieber Freund, "Därr Menschlichkeit" sei kein Name? Doch! Aber laß mich der Reihe nach erzählen.

Nach dem Zusammenbruch der Ostfront und meiner Gefangennahme im Juli 1944, einer Hunger-Odyssee rund um Witebsk und einem quälenden Marsch durch Moskau brachte uns ein langer Güterzug von dort in das Lager 150. Es lag – und liegt heute noch bei anderer "Belegschaft" – etwa zehn Kilometer ostwärts von Grjasowez, einer kleinen Bahnstation, an der Strecke Jaroslawl–Wologda. Objektiv betrachtet, ein idyllischer Ort, dieses ehemalige Kriegsgefangenenlager. Hügeliges Gelände, ein Bach, eine Birkenallee und auf der einen Anhöhe das Restgebäude eines weithin abgetragenen Klosters. Auch auf dem Marsch ins Lager leuchtete uns aus den Wäldern hie und da das Weiß eines Gotteshauses entgegen. Die Stadt Jaroslawl wird zur Zeit wegen seiner vielen Kirchen und anderer Kulturdenkmäler gern von West-Touristen besucht. Damals drückten uns aber andere Sorgen: Bei 4800 Offizieren, einigen Mannschaftsdienstgraden und etwa 80 gefangenen Polen auf einem Areal von nur zehn Hektar, konnte kaum Sinn für Kultur aufkommen.

Ja, du hast richtig gehört, auch polnische Offiziere gab es unter uns. Sie mögen aber erst nach dem Kriegsende zu uns gestoßen sein. Ironie des Schicksals, mit den verabscheuten Deutschen zusammen eingesperrt zu sein. Dennoch kam es zwischen uns schnell zu Freundschaften, denn eigentlich haßten sie nur die "SS" und die "Goldfasane". Und nun natürlich auch ihre sogenannten Befreier, die Sowjets.

Und der Junge? Ja, ihn und seine Mutter und eine weitere Polin um die Dreißig hielt man hier auch fest. Während seine Mutter als begnadete Sopranistin anläßlich vieler Konzerte von uns im Lager gefeiert wurde, verehrten wir die Jüngere, allein weil sie weit und breit die einzige Frau war. Wegen ihres betont stolzen Schreitens nannte man sie "Gräfin". Der kleine Bub von ungefähr fünf Jahren aber wurde von uns allen geliebt und nach Kräften verwöhnt. Mit einem Stückchen Trockenobst, einer Prise Zucker oder einer Rübe konnte man ihm schon eine große Freude bereiten.

Irgendwann bin ich diesem dürren, immer etwas müde wirkenden Kerlchen zum ersten Mal auf der Lagerstraße begegnet. Baß erstaunt, hier auf ein Kind zu treffen, fragte ich ihn nach dem Wohin und Woher. Er konnte oder wollte mich erst nicht verstehen. Aber auf meine Frage nach seinem Namen wußte er eine Antwort: "Humanitas!" Humanitas? – Das schien mir doch ein wenig verrückt, einen Jungen Humanitas zu nennen. Oder war das womöglich eine eingetrichterte Antwort von seiner Mutter oder von anderen Mitgefangenen, die in der Internierung eines Kindes eine nicht zu überbietende Unmenschlichkeit sahen?

Schließlich machte ich mich ganz klein und fragte ihn: "Was heißt denn Humanitas?" Darauf schleuderte er mir eben diese beiden Worte haßerfüllt und in hartem Staccato entgegen: "Därr Mensch-lich-keit!"

Wenigstens in diesem Punkte gab es im Lager bei sonst häufig divergierenden Ansichten keine Meinungsverschiedenheiten.

 

 

Nur ein Fliederstrauß
Von HERBERT MARKS-GANDRINNEN

Es ist schon einige Wochen her. Ich sah einen Fliederstrauß voller roter Blüten in einem Garten am Wege. Der bekannte Duft zog mich magnetisch an. Auf einmal war ich in Gedanken in der Heimat an der Fliederhecke, die unseren Friedhof umgab. Einen bescheidenen Strauß erbat ich mir, um ihn meiner Frau zu bringen. Heimatduft sollte auch sie umgeben. Unsere Gedanken schweiften zurück zum stillen Dorffriedhof, wo unsere Vorfahren seit Generationen ruhen. Jetzt wird auch dort der Flieder blühen, und vielleicht summen sogar ein paar Bienen in den Blütenkelchen – wie einst. Die stillen Schläfer könnte man manchmal beneiden um ihre Ruhe in der Heimaterde, umgeben vom schwülen Duft der Fliederhecke.

Vielleicht wird der eine oder andere Leser erraten, welchen Friedhof ich meine. Es war nichts Großartiges an ihm. Er war nicht anders als die Hunderte von Ruhestätten der Toten in den Dörfern des Landkreises. Und doch, es war unser Kirchhof, wie wir ihn nannten, der Treffpunkt der Frauen am Sonnabendnachmittag, mit Harken und Gießkannen und Blumenpflanzen, wo es sich so schön plachandern ließ. Besonders im Frühjahr war er auch als Ziel für die Jugend begehrt. Bänke luden zum Sitzen ein. Wenn man nicht wußte, wohin man spazieren konnte, sagte man: "Wir werden noch mal nach dem Kirchhof gehen …"

Ja, der Dorffriedhof ersetzte uns die Anlagen der Stadt. Hart ging die Dorfstraße vorbei, die in den Kiesweg mündete, und durch die Fliederhecke ließ es sich so schön beobachten, wenn Hänschen mit seinem Gretchen vorbeipromenierte oder was es sonst noch Schönes zu sehen gab. Denn auf dem Kiesweg war jetzt immer Betrieb.

Am Osterheiligabend wurde der Weg meistens gehobelt. Schon als Kinder haben wir immer interessiert zugesehen, wie unser alter Nachbar, der jetzt auch schon auf dem alten Friedhof ruht, auf der Wegehobel stand, eine Pfeife mit grünem Porzellankopf eingebissen. Vier Warmblüter zogen den Vorderwagen mit der angehängten Wegehobel. Der Kutscher saß im Sattel, die Pferde drehten die Schwänze: "Und wenn der Schaum über die Sielen geht, der Weg muß gut werden", sagte unser alter Nachbar. Und er wurde gut!

Wenn sie fertig waren, wurde noch zur Emma gegangen, um ein Fläschchen Bier zu trinken. Manchmal wurden es auch zwei. Am Sonntag rollten dann die Ein- und Zweisitzer-Federwagen, bespannt mit ostpreußischem Warmblut zur Kirche, vorbei an dem Friedhof – und mancher wehmütige Blick streifte die Kreuze im Gedenken an liebe Tote. Manchen guten Nachbarn hatte man selbst mit der Tragbahre zur letzten Ruhestätte gebracht, und wenn es die Anhöhe zum Friedhofstor hinaufging, wurde es manchmal arg schwer und drückte auf die Schultern. Dann flüsterte schon einer der älteren Träger: "Die Geister der Entschlafenen kommen und setzen sich auf den Sarg."

Warum ich dies wohl alles schreibe? Solche kleine Begebenheiten sind doch nicht wert, zu Papier gebracht zu werden, denkt wohl manch einer. Doch ich kann mir nicht helfen, denn gerade aus solchen kleinen Dingen setzte sich unsere engere Heimat zusammen. Besonders unseren Kindern können wir nie genug an kleinen Begebenheiten erzählen, um das Bild der Heimat lebendig zu erhalten. Wir "Alten" empfinden es stärker als die Jugend, was wir alles haben aufgeben müssen. "Verloren" wollen wir noch nicht sagen. Wir haben aber die Pflicht, so anschaulich wie möglich Bilder aus der Heimat ihnen vor Augen zu führen, damit nicht hier im Hasten und Jagen um die Existenz das Heimatbild verblaßt. Wir wollen versuchen, ihnen die Heimatliebe tief ins Herz zu senken, die Liebe zu dem Land, wo der Blick ungehemmt über die weite Ebene schweift, wo alles grünt und blüht. Als Landwirt empfindet man es jedes Frühjahr aufs neue, fast als einen körperlichen Schmerz, nicht säen zu könne. Im Frühjahr ist es am schlimmsten, und es wird ja wohl auch so bleiben.

Doch wo komme ich hin mit meinen Gedanken? Die Gegenwart erfordert unsere ganze Kraft. Doch – ich war für ein Weilchen in der Heimat, und der Fliederstrauß war schuld daran!

 

 

Füllhecht zum Karfreitag
Von GÜNTER SCHIWY

In Masuren, dem Land der tausend Seen und vieler fließender Gewässer, ist man seit jeher der Fischerei im Kampf um das tägliche Brot nachgegangen. Die Seen und Flüsse waren reiche Vorratskammern an verschiedensten Fischen und Krebsen, so daß man sich an Fischen immer satt essen konnte. Die Zubereitungsarten waren damals andere, als sie es heute sind, weil das Salz teuer und kostbar war. Die Fische sind durch Trocknen, Dörren und Sauer-Einlegen haltbar gemacht worden. In der damaligen Zeit ersetzten sie das Brot!

In Kreuzofen errichtete der Fischereipächter Mattern Anfang der 30er Jahre in einer kleinen Bucht am Niedersee ein Holzhaus, einen Fischereikeller, eine Räucherei und eine lange Bootsbrücke mit eingebauten Fischkästen für die Edelfische, damit sie lange lebend gehalten werden konnten. Je nach Bedarf sind die Hechte, Zander und Aale den mit kleinen Bohrlöchern versehenen Kästen entnommen worden. Künftig ist von Kreuzofen der Niedersee vom Fischereipächter befischt worden. Bis 1900 konnten die Bewohner Kreuzofens "zu des Tisches Notdurft" die Fische selbst fangen, das heißt zum eigenen Verbrauch.

Da mein Vater selbst den billigsten Fisch einem guten Braten vorzog, gab es bei uns viel Fisch, in den verschiedensten Zubereitungsarten. Meine Mutter kannte eine Vielzahl von Fischrezepten, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. In der Fastenzeit vor Ostern hat es bei uns auf dem Lande – jedenfalls handhabte meine Mutter als gelernte Diakonisse es so – viel Fisch gegeben, den wir auch gern aßen.

Mein Vater brachte jedes Jahr einen Tag vor Karfreitag einen großen und kleineren Hecht sowie einige Karauschen mit nach Hause. Aus dem großen Hecht machte Mutter für die siebenköpfige Familie einen Feiertags-Füllhecht. Vorher hatte sie beim Fleischer Meya ein Kilo Schweinehack gekauft.

Da die Hechte noch lebten, betäubte sie Vater mit einigen Holzschlägen auf den Kopf, um ihnen anschließend mit einem spitzen und scharfen Messer unter dem Kiemendeckel den Kopf vom Rumpf zu trennen. Die Hechte wurden von meiner Mutter vom Schwanz bis zum Kopfende geschuppt. Mit großer Vorsicht und Mühe gelang es meiner Mutter, dem großen Hecht die Haut abzuziehen, um dann das Eingeweide herauszunehmen.

Nun trat der Fleischwolf in der Küche in Aktion, nachdem Mutter das Fleisch des großen und kleinen Hechtes von den Gräten getrennt hatte. Das Fleisch der beiden Hechte ist mit den Lebern durch den Fleischwolf gedreht worden. Die Masse wurde mit dem Hackfleisch, Reibbrot, Butter, Zwiebeln, Eiern und Salz zu einer Fischfüllung geknetet und der große Hecht damit gefüllt, um anschließend mit einem Faden umwickelt zu werden. Aus dem Rest der Fischfüllung machte Mutter Klopse.

Am nächsten Tag kamen der Füllhecht, die Klopse und die Karauschen in einen Bräter mit Wasser, dem Lorbeerblätter, Petersilie, Piment, Pfeffer, Salz und getrocknete Steinpilze hinzugegeben wurden. Der Bräter ist zum Garen in den angeheizten Kachelofen gestellt worden. Nachdem der Füllhecht, die Klopse und Karauschen dem Bräter entnommen wurden, gab Mutter dem abgeschmeckten Sud – der Soße – Schmand (Sahne) und helle Mehlschwitze hinzu. Der große Füllhecht ist in Scheiben geschnitten worden.

Der Füllhecht ist unsere Karfreitags-Mahlzeit gewesen. Die Eltern tranken einen weißen Burgunder dazu, der ihnen schmeckte. Der Füllhecht war Mutter immer gut gelungen! Nach 45 Jahren habe ich bei meinem Urlaub 1990 in Kreuzofen wieder Füllhecht gegessen. Doch er schmeckte nicht so gut wie bei "Muttern". Mutter war doch die beste Köchin!