19.10.2021

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15.04.00 Ein wahres Märchen aus unseren Tagen

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. April 2000


Wie ich Fredi wiederfand
Ein wahres Märchen aus unseren Tagen

Ein wunderschöner Sonntag, dieser 1. März des Jahres 1998! Ich sitze gemütlich im Wohnzimmer unseres neuen Hauses und lasse es mir gutgehen. Vor mir auf dem Tisch zwei DIN-A4-Blätter, eng beschrieben mit Adressen. Alle lauten auf den Namen Alfred Neubauer. 78 Alfreds. Mein Gott, so viele!

Aus dem Nebel der mehr als 50 zurückliegenden Jahre taucht das Bild meines Freundes aus Kindertagen auf. Fredi und ich waren unzertrennlich. Gemeinsame Abenteuer in Angerlinde und Insterburg, gemeinsame Kloppe von unseren besorgten Müttern, weil wir wieder einmal Blödsinn angestellt hatten.

Seine letzte Nachricht kam aus Pommern und erreichte mich im Herbst 1944 bei meinen Großeltern in Preußisch Eylau. Dann gab es kein Lebenszeichen mehr. Ob mein Freund überhaupt noch lebt?

Ich gebe mir einen Ruck und greife zum Telefonhörer. 78 Anschriften, wo fange ich an?

Der erste Neubauer ist ein Dr. aus Berlin. Na, den lasse ich am besten aus. Fredi war schon immer mehr fürs Praktische. Dann ein Neubauer aus Hamburg. Ich bete mein Verschen herunter. "Nö", so lautet die Antwort. "Ich war schon immer ein alter Hamburger!"

Es geht eifrig weiter. Als eine Dame, nachdem sie mich angehört hat, nach hinten ruft: "Alfred, stammst du aus Ostpreußen?", werde ich langsam nachdenklich. So wird das nie was! Enttäuscht nehme ich mir das zweite Blatt vor. Ich schließe die Augen, zücke meinen Kugelschreiber und tippe auf die Zeilen. Ich sehe, daß ich zwischen einem Schweriner und einem Parchimer Neubauer gelandet bin. "Na, nehme ich den ersten", sage ich mir, "Schwerin ist größer."

Am Telefon eine sympathische Frauenstimme. Als ich nach meinem Freund frage, heißt es kurz und knapp: "Na, ich hole ihn mal ran." Dann eine Männerstimme. "Gerd, bist du es? Du lebst?"

Ich versuche zu antworten. Mir fällt das Sprechen schwer, im Magen macht sich ein flaues Gefühl breit, und Tränen der Freude kullern mir unter den Brillengläsern hervor. Aber ganz im Innern jubelt meine verschüttet geglaubte ostpreußische Seele in lange nicht mehr gekannten Tönen. Es ist ein Glückstag. Ich habe nach 54 Jahren meinen Freund aus Kindheitstagen wiedergefunden!

PS. Wochen danach stattete ich Fredi und seiner Familie einen Besuch in Schwerin ab. Ein Gegenbesuch in Thüringen erfolgte auch sehr bald. Wir telefonieren jetzt regelmäßig. Ein ungesagtes Versprechen gibt es: "Wir werden uns so schnell nicht mehr aus den Augen verlieren!" Gerd Guddat