20.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

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22.04.00 Unterhaltung:

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. April 2000


Unterhaltung:

 

Auf den Leim gegangen
Von KURT BALTINOWITZ

Zum Geburtstag hatte Paul seiner Emma eine neue Bratpfanne geschenkt. Natürlich mußte sie gleich ausprobiert werden. Sechs Klopse gab Emma hinein. Paul verweilte hinter seiner Frau, schnupperte genüßlich den aufsteigenden Bratenduft und schwärmte: "Du bist am Herd eine wahre Künstlerin, mein Emmchen! Deine Klopse sind die besten weit und breit.

"Na, na, nu ibertreib man nich! Wart erst ab, ob sie auch so schmecken, wie sie aussehen."

Und wie die schmeckten: Paul verzehrte drei, Emma nur zwei.

"Siehste", sagte Emma, "schon wieder bleibt ein Klopsche übrig."

"Kann ich ja morgen früh zum Brötchen essen."

"Den letzten Klops könnte genauso gut ein Hundche auffressen."

"Wie kommst du mit einem Mal darauf?"

"Ach, weißte, ich hab’ schon oft darüber nachgedacht, ob wir uns nich so’n niedliches Hundche anschaffen", entgegnete Emma zaghaft. "Viele Leute haben doch einen Hund als Haustier."

"Kommt gar nicht in die Tüte", blockte Paul energisch ab. "Das fehlt uns gerade noch: einen Köter im Haus!"

"Warum bist du so dagegen?"

"Hunde stinken!"

"Nicht alle!"

"Aber die meisten!"

"Schäferhunde sollen nicht stinken", konterte Emma. "Bulldoggen auch nicht. Die sind besonders lieb und pflegeleicht."

"Wer hat dir den Blödsinn erzählt?"

"Die Meiersche!"

"Heiliges Kanonenrohr …, jetzt befaßt die Meiersche sich auch schon …"

"Nei, nei, die befaßt sich nich damit, die hat sogar schon ein Hundche. Eine kräftige Bulldogge … Ein Prachtexemplar, sag’ ich dir!"

"Eine Bulldogge?" platzte es aus Paul heraus. Grinsend fügte er noch hinzu: "Na ja, im Aussehen passen die beiden bestens zusammen …"

"Sei nich so gemein, Paulchen … Die Meiersche ist eben tierlieb, und ich auch! Wie wär’ denn mit e Katz? Ich liebe Katzches!"

Nachdenklich drehte Paul seinen Zigarrenstummel zwischen den Fingern, zündete ihn schließlich an und meinte dazu: "Katzen haaren sehr. Und sie machen überall hin. Eine Katze kommt mir nie ins Haus!"

"Aber ich möchte eine Katze haben, wenn schon keinen Hund!"

"Wie wär’s denn mit einem Hamster, einem Hängebauchschwein, einer Kuh, einem Pferd, einem Nashorn oder so?" lästerte Paul schmunzelnd.

Als habe sie Pauls Ironie überhaupt nicht vernommen, bemerkte Emma: "Du gennst mi ok nuscht … Darf ek mi nu e Katzche besorge oder nich?"

"Weder ein Hund noch eine Katze haben in unserem Haus etwas zu suchen. Merk’ dir das mal!" entschied Paul endgültig.

Emma verzog keine Miene, dann lächelte sie schwach, was sie immer tat, wenn ihr eine Idee vorschwebte. Irgendwie und irgendwann würde sich ihr Wunsch bestimmt erfüllen. Vielleicht durch einen unvorhergesehenen Glücksfall. Und das Glück schien ihr tatsächlich hold zu sein: Völlig überraschend wurde Paul auf einen Kurzlehrgang geschickt. Jetzt war ihr Plan ausgereift. Schon am nächsten Tag kaufte Emma sich in einem Zoogeschäft 20 weiße Mäuse und ließ sie frei in der Wohnung herumlaufen, damit sie auch ganz zahm würden.

Freudestrahlend und mit einem langen Butschke empfing Emma ihren Gattern, der, völlig ausgehungert auf heimische Kost, sofort am Tisch Platz nahm und sich Emmas köstliche Bratkartoffeln mit Speck munden ließ. Aber auch die Mäuse, angelockt durch herrlichen Duft, verspürten plötzlich Appetit. Von allen Seiten nahmen sie Kurs auf Pauls Teller. Erschrocken und angewidert fuhr er von seinem Stuhl hoch und rief: "Was ist denn hier los? Wo kommen die Viecher her?"

"Das frag’ ich mich auch", tat Emma unschuldig. "Mit einem Mal waren sie da. Ich hab’ alles versucht, sie zu verjagen, Mausefallen aufgestellt, mit dem Knüppel hinterher, Gift ausgestreut, aber die Biesterchen scheinen zu plietsch zu sein, daß sie sich fangen …"

"Wie lange mußt du die Biester schon ertragen?" fragte Paul.

"Fast eine Woche! Mi brommt de Kopp! Die müssen raus, egal wie!"

"Ja, die Mäuse müssen raus", stimmte Paul seiner schlauen Emma zu. "Ich werde mir schnell was einfallen lassen. Morgen ist unser Haus wieder mäusefrei. Ich muß zum letzten Mittel greifen …!"

Eine Woche später – Paul und Emma saßen sich im Wohnzimmer bei einem Glas Wein gegenüber – meinte Paul nachdenklich schmunzelnd: "Also, wenn ich ehrlich sein soll, dann muß ich zugestehen, daß der Kater ganze Arbeit geleistet hat. Von einem Tag zum anderen fraß er zwanzig Mäuse auf. Normalerweise hätte er platzen müssen. Eigentlich wollte ich ihn ja wieder wegbringen. Doch sind wir ihm nicht irgendwie zu Dank verpflichtet? Ohne ihn tanzten uns noch die Mäuse auf dem Kopf herum … Wie soll er denn heißen!"

"Emil! Wie mein Onkel …" Ihren Paul zärtlich in den Arm nehmend, gestand Emma kleinlaut: "Der Kater hat die Mäuse gar nicht gefressen, denn als du ihn holtest, brachte ich die Mäuse der Zoohandlung zurück."

"Bin ich dir doch schon wieder auf den Leim gegangen", stöhnte Paul. "Na warte, dich leg’ ich auch eines Tages mal rein …!"

 

 

Spielzeugbüchse
Von GERT O. E. SATTLER

Wer kennt sie noch an Kindes Statt,

die Büchse, die es in sich hat,

die echte, ohne Langeweil’,

vom Frischen Haff aus Heil’genbeil?

Wer stellt noch Drechselarbeit her?

Die Spielzeugbüchse gibt’s nicht mehr,

in neuer Zeit verschwand die Gunst

der altbewährten Handwerkskunst.

Es waren nicht nur Kinder stolz

auf Hausrat aus Wacholderholz,

und wer den Kaddigschatz besitzt,

Gedanken in die Büchse ritzt.

Er denkt, und liegt sie noch so weit,

zurück an seine Jugendzeit,

die Spielzeugbüchse, unverwandt,

beschwört den Traum vom Heimatland.

 

 

Sein größter Trick
Von ROBERT JUNG

Indes sich die Wogen der Ostsee wie seit eh und je an den Strand von Zoppot schäumend hoben, spülten sie mir eine der merkwürdigsten Geschichten aus dieser unvergessenen Region an Land: In den sogenannten "Goldenen Zwanzigern" war in einem Einheimischen unzugänglichen Privatquartier nahe des Seebades ein Spieler unter dem Namen Graf Popoff, russischer Emigrant, aufgetaucht. Man sagte ihm nach, er sei im Kartenspiel, ob im Stand Poker, Pharao oder Whist einfach unschlagbar. Andere böse Zungen wiederum behaupteten, er sei ein berüchtigter Falschspieler, der von Land zu Land unter jeweils anderen Namen reise und in allen Kasinos Spielverbot habe …

Eines regnerischen Tages ließ er in den späten Abendstunden einige gewiefte Kartenspieler, darunter zwei Besitzer einer Berliner Spielhölle, in sein getarntes Spielernest ein. Sie alle, die gekommen waren, wollten mit dem angeblichen Grafen und "Falschspieler" die Klingen kreuzen. Obwohl er als Weltklasseformat galt und Routinier ersten Ranges im Kartenspiel, haftete ihm doch über Kontinente der Ruf an, er spiele falsch, aber niemand war ihm hinter die Schliche gekommen.

Dieser Popoff besah sich seine Besucher genauer. Wenig später standen ihm neben zwei weiteren die beiden Spieler aus Berlin gegenüber, die ihn überführen wollten. Sie waren aber dennoch geschockt: Sie hatten sich diesen Popoff anders vorgestellt, irgendwie verwegen. Ihnen trat ein überaus gepflegter älterer Herr mit Backenbart und Pincenez gegenüber, eben mehr ein Gelehrtentyp aus der Sorbonne. Gekleidet war er nach der neuesten Pariser Mode, an seinen Fingern blitzten schwere Brillantringe.

Mit flinken Fingern legte er einige tausend englische Pfund auf den Spieltisch. Der danach dann spielte, war wirklich ein As – ein glänzender Routinier. Anfangs waren die Einsätze noch gering, so an die zwanzigtausend englische Pfund und einige Dollarbündel. Als die beiden Spieler aus dem Berliner Etablissement ihre Einsätze verdoppelten, hielt Popoff dagegen – und gewann erneut. Als fast hunderttausend Pfund auf dem Spieltisch lagen, verlor Popoff nicht die Haltung, während die anderen Spieler wie Raubtiere vor einem Fraß dasaßen – und erneut verloren. Gegen drei Uhr morgens hatte ihr Gastgeber alle Einsätze eingestrichen.

Die Besitzer der Berliner Spielhölle, die Popoff nicht des "Falschspielens" überführen konnten, luden ihn ein, sich anderntags im Hotel an der Zoppoter Seeseite einzufinden. Diesen Mann mußten sie für sich und ihre Spielsalons in Berlin gewinnen, koste es, was es wolle …

"Ihre Spielhölle in Berlin oder etwa Monte Carlo taugen nichts für mich als Spieler", eröffnete er anderntags den beiden. "Wenn Sie die Geschichte der großen Spieler kennen würden, werden Sie rasch feststellen, daß sich die Falschspieler unter ihnen nie einer gerechten Strafe entziehen konnten."

Seine Gegenüber waren verblüfft. Was bezweckte dieser Popoff? Bluffte er, oder? Sprach so ein As unter Spielern? Aber es kam noch dicker. "Damit Sie es wissen, ich werde mich jetzt vom Geschäft zurückziehen, dies war mein letzter Coup im Seebad."

Das schlug wie eine Bombe ein. "Ha!" grinsten sie. "Sich zur rechten Zeit zurückziehen, dann kann man Sie nicht an die Kandare nehmen."

"Wieso, meine Herren?" fragte Popoff. "Sie sollten heute wissen, daß ich alle Gerüchte, ich sei ein berühmter Falschspieler, selbst in die Spielerwelt streute, Mittelsmänner waren mir dabei behilflich."

"Und Ihr Trick?" stöhnte einer der Spielhöllenbesitzer. "Ganz einfach!" triumphierte Popoff. "Es waren immer die ganz Reichen, die mich als Falschspieler sehen wollten. Und da sie in ihrer Habgier nach Geld wie Luchse jede meiner Bewegungen beobachteten, auf meine Hände, meine Ärmel, meine Taschen starrten, waren sie dermaßen abgelenkt, daß sie mich gewinnen ließen. Ich darf es Ihnen jetzt ruhig sagen, ich spielte niemals falsch. Das war mein größter Trick – und mein immer wieder gelungener Coup!"

 

 

För de Katt
Von BRUNO ARNDT

Freuher, da hadd de Katt noch e Beruf: Se weer dato da, Mies to fange, damett de Krete nich met de Mensche öm de Hälft frete. Damett se ehrem Beruf ok nogohne kunn, mussd se natierlich en Stall on Schien frie römrenne könne. Dat weer ok nich so schwierich, wielt Stalldäre nich so eegen gemokt weere wie hiedjendogs de Husedäre, oder man hadd extra e Katteloch gelote. Nu ternähre sek de Katte over nich von Mies, deswegen wurdes ok gefuttert. Se kreeje dat, wat ok de Mensche eete on wat eewrig bleev. On to supe krejes Melk, fresch vonner Kooh. Dat seech emmer putzig ut, wenn se sek hinderher dem Schmand ut dem Bart leckde.

Nu sitt dat aller ganz andersch ut, wielt de Fortschritt ok vörrer Katt nich Halt gemokt hefft. Oppem Land mach seck noch nich veel geändert hebbe, over de meiste Katt lewe nu enner Stadt, on ut dene Miesjägersch senn Zimmertiegersch geworde. Ehre Beruf hebbes verlare, wielt et enne Stadtwohnunge kein Mies gefft. Se warre rein tom Spoß gehole on wete gar nich mehr, towatt se da send. Dafär warres denn nu over verwennt. Se warre gebood on gestriegelt, se hebbe e Kattekorv mett em Kesse tom Schlope, e Halsband gegen Heppsfleege, on de Tierarzt mott se underseeke, ob se zockerkrank oder psychisch gesteert seen.

Wielt se nu nich mehr rutkomme an de rechtge Natur, krieges e Kratzboom tom Krallescharpe, e Klattergeröst för de Bewegung, on e Scholke met Kattegras för de Verdauung. Ach jo, Verdauung hebbes jo ok. Do mott denn e Katteklo angeschafft warre, wielt se ehr Kleter jo nich em Teppich oder em Blomedopp verklaue könne. En dat Katteklo kemmt denn Strei, so graue Keerner wo denn allet opsuuge, watt da renngesett watt. De Strei mott denn no e paar Doog utgewechselt warre, on de verbrukte kommt enne Möllemmer. Ob da denn ok e Scholke mett Woter steit, wo se seck hinderher de Pote wasche könne, weet ek nich.

On denn de Ernährung! Forschers hebbe rutgefunde, dat Katte kein Melk verdreege. On dat Eete, watt de Mensche eete, es fär Katte ok nich good. Ek froog mi bloß, wie de Katte dat falsche Futter all de Jahrdusende äwerleeft hebbe. Nu krieges bloß noch Woter to supe, höchstens bloß mett e beske Melk benne. Solk Mengsel kann men sogar fertig keepe. Als Festfutter gefft dat alle meegliche Konserve on ok kleene Keekskes. För ole on för ganz kleene Katte ess dat noch wedder andersch tosammegesett. Uterdem krieges ok noch Vitamin- on Mineralstofftablette. Von manche Katte hebb ek geheert, dat se bloß emmer een bestemmdet Futter welle, ower dat de Katte lese kenne, watt op dene Konserve bove steit, gloow ek denn doch nich.

So lewe denn de Etogekatte em Luxus, ower se senn ehr ganzet Lewe engesperrt. Dat ess denn kein Wunder, wenn manche Katt wunderlich watt.

 

 

Das Kreuz
Von GERTRUD ARNOLD

Wer das Kreuz verachtet,

gibt sich selbst den Todesstoß,

nicht nach Segen trachtet,

hat ein unheilvolles Los.

Von dem Kreuze gehet

wunderbare, große Kraft,

und der Geist stark wehet,

einen neuen Himmel schafft.

 

 

Ein Versprechen
Von KLAUS WEIDICH

Auch in der letzten Nacht vor jenem bedeutenden Tag hatten sich Feuerstürme zur Erde gesenkt. Die gewaltigen Detonationen und das Beben dauerten bis in die frühen Morgenstunden hinein. Gott sei Dank stand aber Stunden später doch das erwartete Auto vor unserer Tür. Vaters ehemaliger Schulfreund war eben sehr einflußreich, und seine uniformierte Brust zierten beeindruckende Orden.

Auf den Straßen räumten kraftlose Hände müde den Schutt von der Fahrbahn. Oftmals geriet das Auto dadurch ins Stocken. Doch die ordensgeschmückte Brust von Vaters Schulfreund wirkte jedesmal wie ein wahres Wunder. Immer noch zeigte wankender Glanz und anderes Blendwerk erwünschte Wirkung.

Die uralte, backsteingemauerte Kirche, die unser Ziel war, hatte bisher noch keinen nennenswerten Schaden genommen. In ihr war es sehr still und friedlich, was den Krieg fast vergessen machen konnte.

Nach unserem Eintritt hinkte die hagere Gestalt des Pfarrers aus der Sakristei. Mit verstohlenen Blicken und oftmals auch nur aus den Augenwinkeln heraus schielte er immer wieder zu der ordensgeschmückten Brust.

Der Pfarrer drehte und wendete seine Worte und brauchte unendlich viel Zeit, bis er endlich sagte: "… so antworte mit Ja!" Jedoch die Stille wurde von keinem Laut gestört. Kaum traute ich mein Gesicht zu wenden, um zu Eva hinüberzublicken. Aber ich glaubte auch so zu wissen, daß Eva nur zaghaft genickt hatte.

"… so antworte mit Ja!" mahnte der Pfarrer nun eindringlicher. Hinter meinem Rücken hörte ich verhaltene Belustigungen von Vater und Mutter. Aber auch das steinern wirkende Gesicht dicht über der uniformierten Brust, zeigte menschliche Züge: es lächelte.

Endlich kam ein leises und schüchternes Ja aus Evas Mund. Endlich! Mich selber brauchte der Pfarrer nicht zu mahnen. Meine Zustimmung fuhr mir fast von allein aus dem Mund. Deutlich und überlaut stieg mein Ja zu dem mattweißen, gotischen Gewölbe empor.

Augenblicke später waren Vater und Mutter hinzugetreten. Mutter hatte tränenfeuchte Augen, und an Vaters schlecht rasiertem Kinn machte sich ein leichtes Zittern bemerkbar, das anscheinend von seiner Rührung stammte.

"So, Kinder!" sagte Vater, "jetzt seid ihr beide also Mann und Frau." Mutter nickte, und dazu drohte der Tränenreichtum ihre Gesichtszüge zu verwischen …

Den Umständen entsprechend fiel die Hochzeitsfeier sehr bescheiden aus. Einziger Höhepunkt war Mutters sorgsam angerichteter Kartoffelsalat. Dazu gab es schmackhafte Wiener Würstchen vom Fleischer um die Ecke. Dieses alles galt in jener Zeit bereits schon als eine kleine Festtagstafel.

An einem stürmischen Vormittag im November fand die nicht ausklingen wollende Euphorie dann doch ihr jähes Ende: Der Briefträger hatte meinen Stellungsbefehl ins Haus gebracht. Was nützten Mutters Klagen und Evas erschrockener Blick? "Ja, Junge, das Vaterland nimmt uns nun alle in die Pflicht!" belehrte die ordensgeschmückte Brust, die am Nachmittag kurz hineinschaute, um sich nach dem "jungen Glück" zu erkundigen. Vaters Kopfnicken dazu fiel sehr kläglich aus … Die Zeit des Abschieds ließ nicht lange auf sich warten. "Paßt auf meine Eva auf!" sagte ich auf dem Bahnsteig zu Vater und Mutter. Sie nickten dazu beide. Plötzlich aber tat sich ehrfurchtsvoll die Menge auf, heran stelzte mit gewichtigen Schritten eine braune, ordensgeschmückte Brust. "Natürlich Junge!" erklangen beruhigende Worte, oberhalb dieser funkelnden Orden, "auf deine Eva, da passen wir alle schon auf, das verspreche ich dir!"

Für den nun folgenden Zeitabschnitt lassen sich nur mühsam die passenden Worte finden. Zu übermächtig war der Anblick von Blut und von zerrissenen Leibern. Bis weit in die Normandie hinein trugen mich die Wirren des Krieges. Aus der fernen Heimat, dort weit im Osten, kam mit der Feldpost hin und wieder Nachricht: "Mein lieber Sohn! Uns geht es hier in der Heimat sehr gut. Desgleichen hoffen wir auch von Dir! Bei uns nimmt der Alltag seinen gewohnten Lauf. Es ist wie im tiefsten Frieden. Eva und Mutter lassen Dich tausendmal grüßen! Dein Vater."

Aus Vaters Zeilen las man deutlich die gebotene Vorsicht heraus. Die Zensur war allgegenwärtig und unerbittlich. An einem jener schicksalhaften Tage wurde das Regiment unverhofft mit "frischen Kräften" aufgefüllt. Durchweg waren es aber schon ältere Männer, die bereits mit den verschiedensten Frontabschnitten Erfahrung gemacht hatten. Erst lächelten sie über meine Fragen, die ihnen sicherlich naiv und einfältig vorgekommen sein mußten. Ihr Lächeln war aber ohne Spott und Hohn. Dann aber sagte einer von ihnen bitter: "Der Himmel wird bald über dem deutschen Osten zusammenschlagen, Junge. – Der Russe schießt, was das Zeug hält …!"

Sorgen um die Meinigen machte ich mir nun mehr den je. Aber ich hatte ja Gott sei Dank ein Versprechen erhalten. Ein Versprechen von einer ordensgeschmückten Brust …

Das Ende ist schnell erzählt: überstürzter Rückzug, französische Gefangenschaft, danach endloses Warten und Hoffen auf die Entlassung.

Bereits im Frühjahr 1947 erfolgte ein Rücktransport in die britisch besetzte Zone. In diesem Transport befand ich mich als einer der ersten. Nur der Preis dafür, der war sehr hoch. – Denn ich hatte mich verpflichten müssen für eine der mühevollsten Arbeiten, die es gibt. "Die Reparationsleistungen – auch in Form von Steinkohle – müssen von Ihrem Land unbedingt erfüllt werden, darauf haben die Siegermächte ein Recht!" hatte der französische Offizier besonders betont, ehe er den Transport fahren ließ. Damals aber war schon alles egal. Für ein schnelles Wiedersehen mit Eva hätte ich mich sogar dem Teufel verschrieben …

Mit vielem Schlimmen war zu rechnen gewesen, mit zerstörten Städten und hungernden Menschen, denn im Lager sickerte hin und wieder eine Nachricht durch. Aber was mich erwartete, übertraf dann doch alles an Schrecken: "Was redest du immer von einer Heimat, Junge?" – "Wo soll diese Heimat gewesen sein, im deutschen Osten?" – "Es gibt keine deutschen Ostprovinzen mehr, Junge!" – "Was, über deinen Vater, Mutter und deine Eva willst du etwas wissen?" – "Junge, sei vernünftig! – Schau dir die Menschenmassen an, die mit Packen und Bündeln gekommen sind – sie wollen alle irgend etwas wissen!"

Nach unendlichem Mühen und Forschen schien mein Suchen jedoch einmal fast von Erfolg gekrönt zu sein. Jemand wollte Eva mit Vater und Mutter zusammen in Heilsberg gesehen haben. Aber von dort aus verloren sich ihre Spuren wieder. Sie sind verwischt bis heute. Von Eva, Mutter und Vater schweben nur noch die Reste ihres verwehten Atem durch lichten, weiten Raum …

 

 

Das alles habe ich schon einmal gesehen
Von GÜNTER HAGNER

War ich schon einmal hier? – Es ist schon eine Reihe von Jahren her, als mir diese Gedanken kamen. – Hier war ich doch schon einmal. Aber wann? Ich denke nach. Vielleicht in einem früheren Leben? Die Menschen kommen mir bekannt vor, ich muß sie schon einmal gesehen haben. Aber wann und wo? Frauen, junge Männer, Mädchen, Kinder, ihre Jugend genießend. Junge Damen, schick oder schlicht gekleidet mit natürlicher Schönheit. Die Älteren geschäftig hin- und herlaufend, überfüllte Straßenbahnen und Autobusse. Das alles habe ich doch schon einmal gesehen, aber wo?

Ab und zu ein altes Haus, das mir bekannt vorkommt und viele, mir fremde, Häuser, die noch älter zu sein scheinen. Diese Straße bin ich schon einmal gegangen. Ich spüre es, ich war schon einmal hier, aber wann? Hier der kleine Teich, dort der große. Habe ich hier nicht schon gebadet und bin ich dort nicht schon einmal "Gondel" gefahren? Ist das nun Istanbul oder Kairo, vielleicht Leipzig oder Ost-Berlin? Aber nein, dieses Haus stand nicht dort, nur hier, scheint mir.

Aber die Menschen? Warum verstehe ich sie nicht? Manchmal aber doch, auch manche Kinder sprechen wie ich. Und auch Pawel mit seinem großen Garten und hundert Schweinen und einem "Wolga"-Auto. Wolga? Das liegt doch in Rußland. Aber in Rußland war ich noch nie. Oder doch? Vor diesem Leben? Sollte das so sein? Dann waren damals aber auch die Straßenbahnen anders. Sie klapperten nicht so entsetzlich, daß einem angst wurde, sie könnte entgleisen. Ja, ich sehe sie noch. Sie waren elfenbeinfarbig und schmaler, fuhren auch schneller und ruhiger. Und jetzt sind sie dunkelrot und viel breiter und mit viel mehr Menschen drin. Sie müssen vorsichtig fahren, damit sie nicht aus den Gleisen springen. Pawel? Ihn sah ich damals bestimmt nicht, auch nicht Igor, Oleg oder Wladimir. Was ist hier geschehen? Ich war doch schon einmal hier. Ein Schloß stand da, mitten in der Stadt. Ich finde es nicht. Aber die zwei Auerochsen sind noch da …

Ja, viele Leute sprechen sehr undeutlich, noch undeutlicher als damals. Auch Frauen, die etwas feilboten, standen nicht hinter Tischen am Straßenrand. Ich konnte sie damals auch schlecht verstehen, auf dem Markt, wenn sie laut wurden. Der bierselige Taumler an der Ecke steht immer noch da. Aber Kneipen sehe ich keine mehr und manches andere, was vor meinen Augen wieder erscheint.

Die Straßenbahnführer waren alle gleich gekleidet. Es waren Männer. Jetzt kurbeln überall Frauen. Man könnte meinen, sie seien gerade vom häuslichen Herd gekommen und haben vergessen, ihre Schürzen abzunehmen. Alles biedere Hausfrauen. Sie lenken mit Bedacht und Geschick ihre klappernden Gefährte schier über Stock und Stein. Auch an die See fährt solch eine Klapperbahn, schaukelt, schwingt und rattert eilig ans Ziel, und ich bin froh, daß sie angekommen ist.

Ich sehe aber noch einen Zug mit einer Dampflokomotive, die ihre Wagen mit offenen Perrons und vielen fröhlichen Menschen darauf schnaufend dahinzog. Zur See mit ihren weißen Schaumkronen, dem weißen Sand, den Dünen, so, wie ich alles schon einmal erlebte. Aber da waren doch weiße Häuser, Hotels, Cafés am Strand mit einem hölzernen Seesteg, auf dem fröhliche Menschen hin- und hergingen, wo Musik zu hören war und lustiges Treiben allenthalben. Nein, so etwas finde ich jetzt nicht. Die Menschen brauchen das wohl auch nicht. Sie liegen in den Dünen, wie früher auch, freuen sich über den Sonnenschein und ein Bad in der See.

Der Klapperzug fährt zurück, in die alte, unwirkliche Stadt und ich fahre mit, so, als fahre ich nach Hause. Nach Hause? Wo bin ich denn? Womöglich in Königsberg? Nein, das ist Kaliningrad.

 

 

Hymne auf Masuren
Von ULRICH JAKUBZIK

Wer nie die große Ruhe jemals spürte,

die göttlich über unserm Lande lag,

Das In-sich-selber-Ruhen auch der Menschen,

Ganz gleich, ob hinter Schraubstock oder Pflug,

Ob auf dem Dorfe, in den kleinen Städten,

Ob bei der Arbeit, in der freien Zeit,

Der kennt dich, unsre Große Mutter, nicht.

Wer nie der Zeitgeist-Hektik wollt’ entfliehen,

Sich nie vom Moloch "Große Welt" gelöst,

Wo Geld Maß allen Strebens, aller Dinge,

Ja, oberstes Gebot des Daseins ist,

Um dann das Glück der Selbstbesinnung hier zu finden

In der Idylle unsrer Wälder, unsrer Seen,

Der kennt dich, mein Masuren, nicht.

Wer drum, dies nur ein Platz von vielen, nie erlebte

In der Johannisburger Heide tiefe Einsamkeit

Am waldig-hohen Ufer unsres Niedersees,

Wo die Natur noch lag in unberührter Schönheit,

Von keiner Menschenhand gestört in ihrer Harmonie,

Wo noch der alten Bäume Wipfel sangen

Der Schöpfung uralt-ew’ges und stets neues Lied,

Wo nichts man hörte als des Spechtes Klopfen,

Wo noch der scheue Schwarzstorch war zu Haus,

Ganz nah noch Eichkätzchen mit Schischken spielten,

Wo himmelhoch noch kreiste der Milan,

Und wo man, mit dem Blick hinab zum Wasser,

Dort gleichsam in die Augen unsrer Heimat sah,

In deren Zauber man ganz wunschlos wurde und ganz still,

Beglückend nah den Odem Gottes spürte,

Sich ganz geborgen fühlte in der Heimat Hort,

Der kennt dich, unsre Große Mutter, nicht.