28.10.2021

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
29.04.00 Berliner Ausstellung würdigt Architektin Hilde Weström aus Neisse

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. April 2000


Zerstörte Stadt als Chance
Berliner Ausstellung würdigt Architektin Hilde Weström aus Neisse

Architektur ist Gebrauchskunst, die aus dem Zusammenwirken von Geist und Materie Lebensräume entwickelt", hat Hilde Weström einmal gesagt. Die 1912 im oberschlesischen Neisse als Tochter eines Bauingenieurs Geborene hat sich mit Begeisterung, Wagemut und vielen Ideen in einen Beruf gestürzt, der noch heute meist von Männern beherrscht wird. Nach dem Abitur wollte sie ein Studium aufnehmen, "das Handwerk und Kunst verband" – sie entschied sich für Architektur, nachdem sie ein Praktikum bei einem Tischler absolviert hatte. In Berlin studierte sie an der TH Charlottenburg (heute TU Berlin), wechselte dann an die TH Dresden, wo sie noch Heinrich Tessenow begegnete und 1938 mit einem Diplom abschloß. 1942 zog sie mit ihrer Familie – sie hatte inzwischen geheiratet und zwei Kinder geboren – nach Breslau. Von dort mußte sie vor der Roten Armee fliehen. In Berlin schließlich gründete die Mutter von mittlerweile vier Kindern mit 33 Jahren ihr eigenes Architekturbüro.

Es war eine harte Zeit. Man stand vor dem Nichts. "Die Welt war verändert. Berlin. Die Chance – meine Chance – war die zerstörte Stadt", erinnert sie sich. "Erste Hilfe war notwendig für die Unbehausten, die Vertriebenen und Ausgebombten, für Alte und Kinder." So entwarf und baute sie Behelfshäuser, setzte bestehende Gebäude instand. 1950 dann begann der Wiederaufbau von Wohnhäusern. In dieser Zeit entwickelte Hilde Weström ihr Engagement im sozialen Wohnungsbau. Vor allem der berufstätigen Frau und ihren Bedürfnissen galt ihr Interesse. Auf der Interbau 1957 zeigt sie gemeinsam mit Wera Meyer-Waldeck ihre Ideen variabler, flexibler Wohnformen mit einer Musterwohnung, in der ein Schreibtisch für die Frau, Musikzimmer und Hobbyraum, Eßplatz und Küche zu finden waren. Bereits 1953 war sie in den bauwirtschaftlichen Beirat beim Berliner Senat berufen worden. Dort erarbeitete sie ein sogenanntes "Küchenblatt", das die Mindestanforderungen an eine Küche im sozialen Wohnungsbau regelte. Die DIN-Vorschrift Nr. 18022 ist heute noch gültig!

Neben den Wohnungsbauten entwarf Hilde Weström aber auch Kirchen, Pfarr- und Gemeindehäuser, Altenwohnheime und Studentenheime, Fabrikhallen und landwirtschaftliche Gebäude. In ihrem Werkverzeichnis finden sich mehr als 100 Projekte, darunter 40 Wohngebäude und 13 Ein- und Zweifamilienhäuser. Die Bauten wirken durchdacht, keineswegs verspielt. "Ich versuche heitere Gelassenheit in meinen Bauten zum Ausdruck zu bringen, weil ja die Häuser, in denen wir leben, auf uns zurückwirken."

An diesem Wochenende geht in Berlin eine Ausstellung zu Ende, die das Verborgene Museum e.V. (Schlüterstraße 70, 10625 Berlin) im Berlin-Pavillon, Straße des 17. Juni 100/ Klopstockstraße zeigt (bis 30. April, 11 bis 19 Uhr; Katalog mit Werkverzeichnis 35 DM). Beispielhaft würdigen Katalog und Ausstellung "die Leistung einer Architektin, die ihr Leben dem Verändern der Welt widmet". Silke Osman