25.10.2021

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29.04.00 Das Schicksal von Kants Wohn- und Sterbehaus in Königsberg (Teil II)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. April 2000


Ein Gedenkstein am Kaufhaus
Das Schicksal von Kants Wohn- und Sterbehaus in Königsberg (Teil II)
Von Heinrich Lange

Der Regierungsrat Friedrich Schaller aus Berlin erwarb 1836 das Kanthaus in einer Zwangsversteigerung für ganze 130 Taler, um es schon am Tage darauf für 2900 (!) Taler an den Zahnarzt Karl Gustav Döbbelin weiterzuverkaufen. Dieser ließ das Haus renovieren und eine marmorne Gedenktafel anbringen mit der Inschrift: "Immanuel Kant wohnte und lehrte hier von 1783 bis 12. Februar 1804." Um diese Zeit zeigt eine Lithographie von F. Bils das Haus um 1840. "Gedenktafeln an Privathäusern anzubringen" war damals, so der Historiker Fritz Gause, "Sache von Privatleuten. Öffentliche Mittel wurden für Kulturpflege nicht verwandt." "Es war damals Sache des bildungsfreudigen Bürgertums, große Männer mit Denkmälern zu ehren, die Künstler auszuwählen und – nicht zuletzt – die nötigen Geldmittel aufzubringen."

Karl Rosenkranz, 1833 Nachfolger auf Kants Lehrstuhl und Mitherausgeber der ersten Gesamtausgabe der Werke Kants ("Immanuel Kant’s sämmtliche Werke", 12 Bände, Leipzig 1838-42), war damals der eifrigste Verfechter eines Kant-Museums im ehemaligen Kant-Haus. In seinen 1842 in Danzig erschienenen "Königsberger Skizzen" heißt es dazu: "Man hätte dieses Haus für die Universität kaufen und dem jedesmaligen Inhaber des philosophischen Lehrstuhls als Freiwohnung geben sollen, die Werke Kants in allen Ausgaben, seine als Manuskript nachgelassenen Schriften und Briefe, die Übersetzungen seiner Werke in fremde Sprachen, die Schriften über Kantsche Philosophie, genug, eine Bibliotheca Kantiana, außerdem eine Büste Kants, alle Bildnisse und Reliquien von ihm, zum Beispiel seinen Zopf und Spazierstock aufzustellen."

1881 verkauften Döbbelins Erben das Haus an das benachbarte Warenhaus Bernhard Liedtke, der es 1893 gegen den Widerstand nur weniger Stimmen, die es als Gedenkstätte erhalten wollten, für einen Erweiterungsbau abreißen ließ. Am Neubau war aber noch bis zuletzt eine neue "Kant-Tafel" angebracht. Eine genauere Beschreibung findet sich in Wilhelm Lombers Schrift "Immanuel Kants letzte Lebensjahre und Tod" von 1923: "Noch heute erblickt man … zwischen zwei nach dem südlichen Ausgange der Straße zugelegenen Schaufenstern im ersten Stock des Geschäftshauses Bernhard Liedtke eine schwarze, viereckige Metalltafel …" Abgebildet ist die Tafel aber allein auf einer noch unpublizierten, unlängst vom Verfasser erworbenen Ansichtskarte aus dem Beginn der 30er Jahre mit der Legende: "Blick aus dem Orientalischen-Kaffee-Salon der Konditorei Kurt Gehlhaar, Kbg. i. Pr. auf die Kant-Tafel". Für die Photographie ist das Fenster hochgeschoben, so daß die – nicht korrekt zitierte – Inschrift deutlich zu lesen ist: "An dieser Stelle stand das Haus in welchem Immanuel Kant wohnte und lehrte von 1783–1804".

Mancher Gast wird die Gedenktafel bei Kaffee und Kuchen entdeckt haben, worauf unter den "Tischgenossen" die eine oder andere Anekdote über den Weltweisen zum besten gegeben worden sein mag. Erfreulicherweise hat die "Konditorei und Marzipanfabrik Kurt Gehlhaar" mit dem "Weltverband des Königsberger Marzipans", wie der Werbetext auf der Rückseite lautet, nichts Eßbares, zumal kein Marzipan, nach Kant benannt – wie es etwa Gottfried Wilhelm Leibniz mit den Keksen ergangen ist. Doch sollen gegenüber im Liedtkeschen Kaufhaus, dem das Kant-Haus weichen mußte, unter den Nippes auch Hagemannsche Kantbüsten aus Biskuitplätzchen angeboten worden sein.

Als Ludwig Goldstein, Chef der "Königsberger Hartungschen Zeitung", 1912 bedauerte: "Nun ist alles verzettelt, und Antiquare, die Altertumsgesellschaft, die Königliche Bibliothek und wohl auch Private teilen sich den Besitz, soweit er überhaupt noch vorhanden ist", konnte er nicht ahnen, daß doch in naher Zukunft ein solches Museum, wenn auch nicht mehr in Kants Haus, verwirklicht werden würde. Kant-Verehrer Kuhrke ist in seinem 1917 vom Berliner Architekturverlag Der Zirkel herausgegebenen Büchlein "Kants Wohnhaus – Zeichnerische Darstellung mit näherer Beschreibung" schon zuversichtlicher: "Wenn nun auch dieses Gebäude in Wirklichkeit nicht mehr wiederherzustellen ist, so möge doch an würdiger Stelle unserer Haupt- und Residenzstadt, wenn die Friedensglocken wieder geläutet haben, einst ein neues ,Kanthaus‘ entstehen, welches liebevoll all die wertvollen Andenken aufnimmt, die uns jener große Meister hinterließ."

Und 1924 kann der Chronist Karl Gustav Springer in seiner Schrift "Kant und Alt-Königsberg" vermerken: "Wer das Goethehaus in Weimar kennt, weiß auch, wie das Kanthaus hätte verwendet werden müssen, nämlich als Kantmuseum. Einen notdürftigen Ersatz hat man … ganz neuerdings durch das Kantzimmer in der alten Universität geschaffen." Nach diesem Provisorium zu Kants 200. Geburtstag wurde schließlich 1928 von Eduard Anderson ein Kantzimmer in dem zum Stadtgeschichtlichen Museum gewordenen Kneiphöfischen Rathaus eingerichtet, das zuletzt vier Zimmer umfaßte und ab 1938 Kant-Museum hieß. Was hier von dem nach dem Tode Kants "in alle Winde" zerstreuten Nachlaß "an Bildern und Büchern, Möbeln und Kleidung mit viel Mühe wieder zusammengebracht worden und … ausgestellt war", ist, so Gause, der letzte Direktor des Museums, "im Zweiten Weltkriege vernichtet worden".