25.10.2021

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29.04.00 Der Angriff auf die Sowjetunion im Zusammenhang der Weltmachtpolitik (Teil II)

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 29. April 2000


Zweiter Weltkrieg: "Hitler war wie versteinert"
Der Angriff auf die Sowjetunion im Zusammenhang der Weltmachtpolitik (Teil II)
Von ERNST TOPITSCH

So gelang es Stalin, gleich zu Beginn wesentliche Vorteile gegenüber seinen deutschen Kontrahenten zu gewinnen, die ein geradezu massives Defizit an Augenmaß und politischer Intelligenz an den Tag gelegt haben.

Sogar Nicolaus v. Below, der von 1937 bis 1945 als dessen Luftwaffenadjutant mit Hitler eng zusammengearbeitet hat und in seinen Erinnerungen den ehemaligen Chef sehr einfühlsam und wohlwollend behandelt, spricht von dessen Ahnungslosigkeit und Dilettantismus in außenpolitischen Dingen (296). Er umreißt auch dessen Persönlichkeit, in der sich ein Maß an sachlicher Nüchternheit mit einer traumhaften Sicht der Gegebenheiten und einem bis zum Sendungsbewußtsein gesteigerten Selbstbewußtsein widerspruchsvoll zusammenfanden, wobei nicht selten Wunschbilder den Blick auf die Realität verdeckten.

Das hatte schwerwiegende Konsequenzen. Bekanntlich zieht sich der Gedanke der Eroberung eines "Lebensraumes im Osten" und des Kampfes gegen den "jüdischen Bolschewismus" leitmotivartig durch die politische Vorstellungswelt des Diktators, doch die erste Runde der Auseinandersetzung war klar an den Gegner gegangen. Die Sowjetunion hatte Deutschland in eine Art Stellvertreterkrieg gegen die Westmächte manövriert und ihm gegenüber die eigene Position wirtschaftlich und strategisch wesentlich verstärkt, aber jede direkte Konfrontation mit den Westmächten vermieden.

Dagegen mußte Hitler schon am 25. August 1939 einsehen, daß er sein Vabanquespiel verlor, vor dem auch Göring gewarnt hatte. Die erhoffte Schockwirkung des Moskauer Paktes blieb aus, und damit verminderte sich auch die Aussicht auf ein abermaliges Stillhalten der Westmächte bei dem Angriff auf Polen. Deutschland aber war auf einen "großen" europäischen und gar einen Weltkrieg höchst mangelhaft vorbereitet, und Hitler war bestürzt, als er sich nach dem schwerwiegenden Fehlschlag seiner Politik unmittelbar mit dem "Ernstfall" konfrontiert sah. General Halder schrieb dazu in sein Tagebuch: "Führer ziemlich zusammengebrochen." Als dann am 3. September das englische Ultimatum überreicht wurde, kam es zu der vom Chefdolmetscher Schmidt geschilderten Szene: "Wie versteinert saß Hitler da und blickte vor sich hin … Nach einer Weile, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, wandte er sich Ribbentrop zu, der wie erstarrt am Fenster stehengeblieben war. ,Was nun?‘ fragte Hitler seinen Außenminister …" Betroffene Ratlosigkeit verbreitete sich aber auch – wie Below bestätigt – unter den im Vorraum wartenden Gästen und lastete auf ihnen.

Diese Realität steht natürlich in krassem Gegensatz zu jenen traumhaft-visionären Wunschbildern, in denen sich der Führer tatsächlich als Welteroberer gesehen haben mag und denen etwa auch jene Vorstellungen von der Ausgestaltung Berlins entsprachen, die man ihm wenigstens im Holzmodell überreicht hat.

Die harte Wirklichkeit sah anders aus. Politisch hatte Deutschland seine italienischen und japanischen Freunde verärgert und sich in Abhängigkeit von dem östlichen Koloß begeben, dessen Gefährlichkeit General Beck klar erkannt hatte. Militärisch bereitete zwar Polen keine entscheidenden Schwierigkeiten, doch alles weitere lag im Nebel. Hier mußte man sich mit Improvisationen behelfen, die oft nur infolge schwerer Fehler des Gegners erfolgreich waren. Von durchdachten Plänen zur Eroberung der Weltherrschaft mit Hilfe von Angriffskriegen war keine Spur. Vielmehr hat Hitler selbst zugegeben, daß die Zeit gegen ihn arbeitete, und wohl zuinnerst gefühlt, was General Beck ausgesprochen hat: "Bei einem Krieg gegen eine Weltkoalition wird Deutschland unterliegen und dieser schließlich auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sein." So ist denn auch seine Rede am 1. September 1939 vor dem Reichstag alles andere als eine Fanfare für den Aufbruch zum Marsch an die Weltherrschaft. Sie ist vielmehr auf einen sehr ernsten Ton gestimmt und enthält den Kernsatz: "Ein Wort habe ich nie kennengelernt, es heißt: Kapitulation."

Nach dem Zusammenbruch der polnischen Armee begannen die Sowjets, sich der ihnen vertraglich zugesprochenen Gebiete Ostpolens und der baltischen Staaten zu bemächtigen, und auch Finnland war dieses Schicksal zugedacht, doch es wehrte sich tapfer und geschickt. Die Westmächte – zumal Frankreich, das den Krieg vom eigenen Territorium fernhalten wollte – suchten sich nun mit der Begründung oder unter dem Vorwand der Finnlandhilfe im Norden festzusetzen, um die dortigen Ressourcen zu kontrollieren und eine Flankenstellung gegenüber Deutschland und Rußland zu gewinnen. Um einen direkten Zusammenstoß mit ihnen zu vermeiden, fand sich Moskau vorerst zu einem einigermaßen glimpflichen Frieden mit Helsinki bereit. Bald darauf befreite der deutsche Angriff auf Norwegen die Russen von solchen Sorgen und ließ den bisherigen "komischen Krieg" (drôle de guerre) vielversprechend zum echten "imperialistischen Krieg" entbrennen. In diesen Monaten erwog man in London und Paris auch eine Aktion, die sich aus dem Nahen Osten unter eventueller Teilnahme türkischer und persischer Truppen gegen die Sowjetunion richten sollte, welche man als Verbündete Deutschlands betrachtete, doch blieb es aus verschiedenen Gründen bei bloßen Überlegungen. Diesbezügliche Akten wurden von den Deutschen im Frankreichfeldzug erbeutet und den Russen zugänglich gemacht, was deren Mißtrauen gegen die Westmächte verstärkte. Umgekehrt aber hat damals die Komintern alles getan, um deren Kriegsanstrengungen gegen Deutschland zu konterkarieren, was bis zur Zusammenarbeit mit dem deutschen Geheimdienst ging.

Bald aber schuf der spektakuläre deutsche Sieg im Westen eine grundlegend neue strategische Lage, was aber von der "Zeitgeschichte" mit einer geradezu bewundernswerten Hartnäckigkeit ignoriert wird. Frankreichs Divisionen waren zerschlagen, die Engländer unter Verlust fast ihres gesamten Kriegsmaterials auf ihre Insel zurückgetrieben, und zwischen der Roten Armee und dem Atlantik stand nur mehr die deutsche Wehrmacht. War sie ausgeschaltet, dann waren die Sowjets die Herren zumindest Kontinentaleuropas, und die Briten hätten das nur durch einen fliegenden Wechsel zu einer Verständigung oder einem Bündnis mit Hitlerdeutschland verhindern können. Nun war ein solcher zwar objektiv höchst unwahrscheinlich, aber der mißtrauische Stalin argwöhnte, die "kapitalistischen" Mächte könnten sich zur entscheidenden Stunde doch noch gegen das "Vaterland aller Werktätigen" zusammenfinden, was übrigens auch der kommunistischen Logik entsprochen hätte. Immerhin wäre ein solcher Seitenwechsel nicht ganz ausgeschlossen gewesen, wenn man in London die sowjetischen Absichten durchschaute, und das galt es zu verhindern.

Ab Mitte Juni 1940 begann Moskau eine stärkere Dynamik zu entwickeln. Die baltischen Staaten wurden sowjetisiert, Bessarabien trotz deutscher Einwände annektiert, dazu über die im Zusatzprotokoll vereinbarte Linie hinaus auch die Nordbukowina und ein Grenzstreifen der Moldau, und das ohnehin schon hohe Rüstungstempo nochmals forciert. Überdies begann die sowjetische Propaganda unverkennbar kritische Töne gegenüber Deutschland anzuschlagen, die allerdings von noch schärferen Angriffen auf die Westmächte begleitet waren, und Moskau suchte die Konflikte zwischen den Balkanstaaten auszunützen. Das suchte Berlin mit dem Wiener Schiedsspruch vom 30. August 1940 abzublocken, der mit einer Garantie für das durch seine Ölquellen wichtige Rumänien verbunden war, die sich zumindest indirekt gegen die Sowjetunion richtete. Die Entsendung einer "Lehrtruppe" auf rumänisches Ansuchen gab der Garantie symbolischen Rückhalt.

Weltmachtpolitisch befand sich Deutschland trotz der bisherigen Siege mit dem Fortschreiten der Jahreszeit in einer schwieriger werdenden Lage. Die Luftschlacht über England neigte sich der Niederlage zu, es erwies sich als unmöglich, die divergierenden Interessen Italiens, Frankreichs und Spaniens politisch auf einen Nenner zu bringen, und bei den Gesprächen in Hendaye und Montoire zeigten sich Franco und Pétain sehr zurückhaltend. Die militärische Schwäche und wirtschaftliche Hilfsbedürftigkeit Italiens wurde immer deutlicher, der Dreimächtepakt vom 27. September beeindruckte Washington wenig, am 28. Oktober erzeugte der Angriff Mussolinis auf Griechenland einen gefährlichen neuen Krisenherd und schließlich mußte man nach der Wiederwahl Roosevelts am 5. November mit einer zunehmenden Feindseligkeit Amerikas rechnen. Im Osten aber bildete der russische Koloß eine latente Bedrohung, und sein Verhalten war undurchsichtig und zweideutig genug. Die Weltkoalition, vor der General Beck gewarnt hatte, warf ihre Schatten voraus.

So begann der deutsche Generalstab im Juli 1940 mit den gedanklichen Vorbereitungen für den Feldzug im Osten. Dabei spielte die Annahme eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs der Roten Armee auf das Reich keine Rolle, eher fürchtete man eine Aktion gegen Rumänien. Dringender war die Sorge, Amerika und Rußland könnten im weiteren Verlauf des Krieges für England Partei ergreifen. Tatsächlich warb London um Moskau, doch dieses blieb zurückhaltend, denn in eventuellen Bündnisverhandlungen bestand die Gefahr, daß die Briten in die sowjetischen Karten blickten.

So ergab sich für Hitler – unabhängig von den alten Leitmotiven der Eroberung eines "Lebensraumes im Osten" und des Kampfes gegen den "jüdischen Bolschewismus" – ein unmittelbarer Handlungsbedarf: War die Lage im Osten nicht vor dem Eingreifen Amerikas bereinigt, dann war der Krieg für Deutschland aussichtslos. So begann man sich auf eine militärische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion vorzubereiten, ohne vorerst die Tür für eine politische Lösung oder Zwischenlösung – die Einbeziehung der Sowjetunion in den Dreimächtepakt – gänzlich zuzuschlagen. Der Besuch des Außenkommissars Molotow in Berlin im November 1940 brachte dann Klarheit.

Nun wird dieser Besuch von vielen Historikern mit Recht als ein Schlüsselereignis in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, ja des 20. Jahrhunderts angesehen. Dieser Auffassung entspricht es auch, daß die Sowjets jene Vorgänge konsequent zu verschleiern suchten. So wollten sie nach der Eroberung von Berlin die Tonbänder der seinerzeitigen Gespräche in die Hand bekommen und ihre Agitprop-"Historie" hat sich darüber ausgeschwiegen oder auf einige kurze und nichtssagende Passagen beschränkt. Daher war man lange auf die deutschen Darstellungen angewiesen, die erst vor kurzer Zeit durch russische Veröffentlichungen im wesentlichen bestätigt wurden. So rundet sich heute ein Bild von der Folgerichtigkeit und dem Raffinement Stalins bei der Durchführung der schon von Lenin entworfenen Langzeitstrategie gegenüber Deutschland und besonders den westlichen "Kapitalisten" und "Imperialisten". Während seine Partner oft in nebulöse Betrachtungen abschweiften, bezog sich Molotow genau auf jene Punkte, wo die sowjetische Expansionspolitik auf deutschen Widerstand gestoßen war oder stoßen mußte. Zunächst verlangte er im Sinne der Vereinbarungen von 1939 die Überlassung Finnlands, äußerte sein Mißfallen über die deutsche Garantie für Rumänien, die sich gegen die Sowjetunion richte, und forderte eine russische Truppenpräsenz in Bulgarien sowie Stützpunkte an den Dardanellen. Auch verlangte er nähere Erläuterungen über den Dreierpakt und den sogenannten großostasiatischen Raum. Stalins Abgesandter betonte ferner, die bisherige Abgrenzung der Interessensphären sei überholt und müsse neu festgelegt werden, wie er in der abschließenden Besprechung mit Ribbentrop im Luftschutzkeller der Sowjetbotschaft näher darlegte. Über die bisherigen Forderungen hinaus bekundete er das sowjetische Interesse an Rumänien, Ungarn, Jugoslawien und Griechenland – also am gesamten Südostraum –, erinnerte daran, daß der Sowjetunion auch ein Mitspracherecht bezüglich Westpolens zugestanden worden war, und forderte schließlich eine Kontrolle der Ostseeausgänge. Man konnte das zusammenfassen: "Rußland schickte sich an, die Ostsee in ein russisches Binnenmeer zu verwandeln, den Balkan zu unterwerfen, die polnischen Verhältnisse so zu regeln, daß, wenn möglich, die vierte Teilung Polens durch eine Art Kongreßpolen – unter russischer Oberhoheit also – abgelöst werden konnte" (256). (Schluß folgt)