25.10.2021

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06.05.00 Ärzte sollen künftig nach Behandlungserfolg honoriert werden

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Gesundheitssystem: "Medizin wie im alten China"
Ärzte sollen künftig nach Behandlungserfolg honoriert werden

Für einen Proteststurm hat der Vorschlag des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) gesorgt, die Bezahlung von Ärzten in Zukunft wesentlich an einen Behandlungserfolg zu binden. VdAK-Vorsitzender Herbert Rebscher hatte gefordert, die gesetzlichen Krankenkassen sollten "künftig, wo immer es machbar ist, die Vergütung von Ärzten und Krankenhäusern vom Behandlungserfolg abhängig machen". Bisher, so Rebscher, verdienten die Ärzte dann besonders viel, "wenn die Patienten möglichst lange krank seien und möglichst viele Verordnungen brauchen".

Ärzteverbände und einige andere Krankenkassen lehnten diesen Vorschlag als "grotesk" ab. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg Dietrich Hoppe, monierte eine "patientenverachtende Ignoranz". "Die ärztliche Behandlung", so Hoppe, "läßt sich nicht nach Schema F wie in einem Werkvertrag standardisieren." Die bayerische Gesundheitsministerin Barbara Stamm sprach von einer "gefährlichen Idee".

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztevereinigung "Marburger Bund", sieht die "Axt an das Sozialsystem" gelegt. Ein Sprecher der Betriebskrankenkassen (BKK) fürchtet, dies wäre "Medizin wie im alten China: Der Arzt wird geköpft, wenn der Patient nicht gesund wird".

Die Frage bleibt: Was ist denn nun eigentlich ein Behandlungserfolg? Und wie ist es etwa bei unheilbar Kranken? Gibt es da überhaupt so etwas wie "Erfolg" – und wäre das für eine Kassenabrechnung meßbar? Ist der Erfolg hier bei einer Überlebensdauer von einem oder fünf Jahren – oder vielleicht schon bei zwei Monaten anzusetzen? Und wer soll darüber bestimmen und urteilen? Das könnte nach Lage der Dinge wiederum nur ein weiteres neu einzusetzendes ärztliches Kontrollgremium sein, was die Kassenbürokratie ein weiteres Mal anwachsen ließe und nicht gerade ein Element der Kostendämpfung sein würde.

Und was macht eigentlich ein Arzt, dessen Patient sich nicht oder nicht vollständig an seine Anweisungen und Therapievorschläge hält? Soll er mit Honorarkürzungen bestraft werden, wenn ein Erfolg sich nicht einstellt? Welcher Mediziner hätte dann ein Interesse an der Behandlung von Patienten, die an lang andauernden oder komplizierten Krankheiten leiden? Wäre es da für einen Arzt nicht klüger, Problem- und Risikofälle wie beim berühmten "Schwarzen Peter" per Überweisung einem Kollegen oder ins Krankenhaus zu überweisen, um sich seinen "guten Schnitt" nicht zu verderben?

Schließlich wäre zu fragen, was für ein Menschenbild eigentlich hinter einem solchen Vorschlag steckt. "Erfolg" – und das ist nicht nur in der Medizin so – ist ein relativer Begriff. Meist steckt nur das Bedürfnis einiger Bürokraten dahinter, einen komplexen Vorgang verwaltungstechnisch "in den Griff" zu kriegen. Doch der Körper des Menschen ist eben mehr als ein Auto, das in die Werkstatt gefahren wird, wenn es mal nicht so funktioniert, wie es soll. Und der Arzt ist mehr als ein Automechaniker, der ein paar Ersatzteile auswechselt, wenn es mal nicht so läuft wie geschmiert. Der Mensch, das bleibt die Grundlage eines humanen Menschenbildes, ist schließlich mehr als die Summe seiner Bestandteile.

Richtig bleibt allerdings das Unbehagen am bisherigen Gesundheitssystem, dessen Kosten aus dem Ruder zu laufen drohen. In der Tat wäre es angebracht, einmal darüber nachzudenken, wie es denn möglich wäre, jenigen Patienten vermehrt zu unterstützen, die aktiv etwas für ihre Gesundheit tun, indem sie nicht rauchen, oder etwa dadurch, daß sie regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Dies wäre ein weit weniger mechanischer Denkansatz als derjenige des VdAK.

Hans B. v. Sothen