28.10.2021

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06.05.00 Der DIHT bittet nunmehr auch die Enkelgeneration zur Kasse

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Dammbruch: "Unabhängig von der Geschichte"
Der DIHT bittet nunmehr auch die Enkelgeneration zur Kasse

Vor wenigen Tagen sind in Deutschland auf die Schreibtische der Geschäftsführer Hunderttausender mittelständischer Betriebe Briefe der jeweiligen Innung geflattert, die aufgrund ihrer Dreistigkeit, ihrer Unerhörtheit nicht kommentarlos hingenommen werden können. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) gibt in seinem jüngsten Schreiben an deutsche Unternehmen bekannt, daß die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft mit dem vielversprechenden Namen "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" "einen Ausgleich für das an den ehemaligen Zwangsarbeitern und Verfolgten unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft begangene Unrecht leisten" wolle. Angesichts der während der vergangenen Jahrzehnte geleisteten Wiedergutmachungszahlungen in dreistelliger Milliardenhöhe scheint dieses Begehr mit fünfzigjähriger Verspätung vorgebracht zu werden.

Was der mit vermeintlich politisch-moralischer Intention abgefaßte Aufruf besonders delikat macht, ist die ausdrückliche Erwähnung, daß er sich an alle deutsche Firmen und Betriebe richtet, "unabhängig von der Geschichte des jeweils eigenen Unternehmens, unabhängig davon, ob sie Zwangsarbeiter beschäftigt hatten". Unzulässig verallgemeinernd wird hier selbstredend nicht unterschieden zwischen Fremdarbeitern, die sich zudem zumeist freiwillig zur Arbeit in Deutschland gemeldet hatten und solchen, die als Sträflinge bzw. Häftlinge in den jeweiligen Justizvollzugsanstalten Arbeiten verrichteten. Ebenfalls bleibt in dem Sammelschreiben die Tatsache unberücksichtigt, daß die ausländischen Arbeitskräfte in Deutschland nach Tarif entlohnt wurden und, wie ihre deutschen Kollegen auch, sozial-, kranken-, unfall-, und invalidenversichert waren. Welch ein Unterschied zu den Verhältnissen, unter denen deutsche Zwangsarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise in Frankreich, der Sowjetunion, Polen und in der Tschecho-Slowakei unter unmenschlichen Bedingungen zu schuften hatten. Das interessiert die Stiftungsinitiative freilich nicht. Im Gegenteil, gerade auch die jungen Unternehmen, auch wenn sie nie Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, seien angesprochen. Dies erstaunt angesichts der katastrophalen Ausmaße von Pleiten, Konkurse und Vergleiche – bundesweit immerhin durchschnittlich rund 3000 pro Monat. Gerade junge Unternehmen sind von dem unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Zusammenbruch betroffen. Es gehe um einen Akt der Solidarität! Eine groteske Umwandlung der Formel Gemeinnutz ginge vor Eigennutz.

Nicht, daß man (sich) bescheiden gäbe! Kräftig soll in die Tasche gegriffen werden, Almosen würden keine erwartet werden: In den "Spenden sollte sich der Respekt vor dem erlittenen Unrecht der Betroffenen ausdrücken". Schließlich – und da ist man sich nicht zu schade, patriotisch zu "argumentieren" – gehe es "um die Glaubwürdigkeit und das Ansehen der deutschen Wirtschaft", oder wie die Industrie- und Handelskammer ihre Mitglieder ermahnt: "Mit dem Erfolg der Initiative" sei "das Ansehen der deutschen Wirtschaft im Ausland verbunden". Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Hans-Olaf Henkel, hebt denn auch mahnend den Zeigefinger und entblödet sich nicht festzustellen: "Symbolische Beiträge verbieten sich schon allein wegen des hohen öffentlichen Interesses und der Notwendigkeit, sich an einer Sonderaktion zu beteiligen." Allerdings geht Henkel aber denn doch nicht soweit, in seinem vermeintlich ethnisch begründeten Begehr die angemessene Höhe des von ihm erwarteten Beitrages der freiwilligen Spende vorzuschreiben. Schenkt man den Worten des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft Glauben, würde mit der Initiative gar das Ansehen der deutschen Wirtschaft im Ausland gestärkt werden. Naiv, wer da dachte, die Reputation einer Wirtschaftsmacht würde durch die Qualität ihrer jeweiligen Produkte und Dienstleistungen bestimmt werden.

Eile ist angesagt. Zügig muß die "Unterstützung" erfolgen, "denn die Zeit wird für viele Betroffene knapp." Fragt man sich, warum die "Betroffenen" sich nicht bereits vor 50 Jahren bei den zuständigen Stellen gemeldet hatten, sondern damit bis an ihr in absehbarer Zeit bevorstehendes Lebensende warteten. Drängt sich die Vermutung auf, daß es gar nicht die "Betroffenen" sind, die nun verspätet Ansprüche geltend machen. Hierzu eine allgemeine Frage: Wie kontrolliert die Bundesregierung eigentlich die seit Jahrzehnten auf Monatsbasis hunderttausendfach erfolgenden Auszahlungen vor allem in die USA, Israel, Südamerika, Australien und Südafrika? Kann sie bestätigen, daß die Gelder von den Konten auch von den Adressaten abgehoben werden? So unberechtigt ist diese Frage nun nicht. Präsident Henkel meint, daß zum Ende des 20. Jahrhunderts "noch einmal ein Zeichen gesetzt werden" solle. Offenbar sind in der Vergangenheit, während der gesamten Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht genügend derartiger Zeichen gesetzt worden. Oder sollten die entrichteten astronomischen Geldbeträge etwa in die falschen Hände geraten und berechtigte Antragsteller leer ausgegangen sein? Rolf Schneider