28.10.2021

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06.05.00 Mitteleuropäische Staatschefs gaben sich ein Stelldichein

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Jubiläum: Geschichtsstunde in Gnesen
Mitteleuropäische Staatschefs gaben sich ein Stelldichein
Von Martin Schmidt

Am Freitag letzter Woche trafen sich die Staats- und Regierungschefs Polens, Deutschlands, Tschechiens, Ungarns und der Slowakei in Gnesen, um an eines der großen Ereignisse der europäischen Geschichte zu erinnern: den sogenannten "Akt von Gnesen" vor tausend Jahren.

Aus polnischer Sicht steht die Pilgerfahrt des deutschen Kaisers Otto III. an das Grab des auf einer Missionsreise drei Jahre zuvor von Pruzzen ermordeten Adalberts von Prag und die Zusammenkunft mit dem Piasten Boleslaw I. Chrobry ("der Tapfere") am Anfang ihrer Nationalgeschichte.

Die erste überlieferte Begegnung eines römisch-katholischen Kaisers mit einem Slawenfürsten brachte dem letzteren die Bestätigung seiner in mehreren Kriegszügen errungenen regionalen Vormachtstellung durch das Reich und den Papst.

Otto III. hatte Boleslaw I. Chrobry aus Rom als Machtinsignien die Kopie eines Nagels aus dem Kreuz Christi, ein Schwert des Heiligen Mauritius sowie einen Thron mitgebracht. Außerdem soll der deutsche Herrscher zur Bekräftigung der Freundschaft zwischen den Nachbarn dem Piastenfürsten eine Krone aufs Haupt gesetzt haben. Ob es sich dabei allerdings um eine regelrechte Königskrönung gehandelt hat, ist unter Historikern noch immer heftig umstritten.

Die karge Quellenlage ist höchst widersprüchlich, so daß es wahrscheinlich nie zu einer endgültigen Klärung kommen wird.

Im Gegenzug zu den Ehrenbezeugungen für den Slawenfürsten bekam der Kaiser Gebeine des Heiligen Adalberts geschenkt, die Boleslaws Vorgänger Mieszko I. von den Pruzzen losgekauft hatte, indem er den Leichnam des Märtyrer-Bischofs in Gold aufwiegen ließ.

Der hochbegabte, dem Ideal einer Wiederbelebung römischer Herrschafts- und Staatsvorstellungen verpflichtete Otto III. wollte diese Reliquien zusammen mit denen Karls des Großen über sein gesamtes Reich verteilen, um so einen neuen Heiligen-Kult zu stiften. Doch sein früher Tod im Jahre 1003 verhinderte eine Umsetzung dieses Vorhabens.

Das Treffen in Gnesen markiert zugleich eine Aufwertung der nun zum Erzbistum erklärten Stadt gegenüber Prag in allen die Slawenmission betreffenden Aufgaben.

Die Lösung Gnesens aus der bis dato bestehenden engen kirchlichen Abhängigkeit von Magdeburg sollte sich als eine Zäsur für die Politik des Reiches im Osten erweisen: De facto war mit dem "Akt von Gnesen" der Grundstein für die künftige Verselbständigung Polens gelegt.

Die Grenze des neuen Erzbistums, dem die vorhandenen Bistümer Kolberg, Breslau und Krakau (später Posen) unterstellt wurden, sollte für längere Zeit die Einflußgrenze der Piasten-Dynastie bilden und jenen Raum abstecken, auf dem sich in der Begegnung mit deutschen Siedlern und Kultureinflüssen die Herausbildung des polnischen Volkes vollzog.