28.10.2021

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06.05.00 Puppen: Von der Jagdbude des Deutschen Ordens zum modernen Forstamt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Zuflucht vor dem Schwarzen Tod
Puppen: Von der Jagdbude des Deutschen Ordens zum modernen Forstamt

In der alten Hennenbergschen Chronik von 1576 heißt es kurz und knapp: "Poppen ist eine Jagdbude." Solche Jagdbuden hatte der Deutsche Orden mehrere. Als der Orden seine kolonisatorischen Aufgaben in Altpreußen begann, ließ er die "große Wildnis" im Süden zunächst, mit wenigen Ausnahmen, unangetastet. So leer, wie man vermuten möchte, war die "Wildnis" allerdings nicht. Schon frühzeitig, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, legten Deutschordensritter hier im alten Gallinden feste Stützpunkte an, sogenannte Wildhäuser, die ständig vermehrt wurden. Man muß sie sich als ursprünglich ziemlich einfache, befestigte Blockhäuser vorstellen, die dem Orden als Vorpostenstellungen zur Beobachtung der Wildnis dienten, aber auch als Vorratslager und Rückhalt für die in der näheren und weiteren Umgebung tätigen Fischer und Jäger, die hier ihre Erträge an Fischen, Honig, Wachs, Wildbret, Häuten und Fellen absetzen und dafür Proviant und sonstigen Bedarf eintauschen konnten.

Solche Wildhäuser, oft auch Jagdbuden genannt, wurden im alten Gallinden – später Teil Masurens – bereits im 14. Jahrhundert gegründet, um 1350 auch in Ortelsburg und Willenberg. Doch auch Angerburg, Insterburg, Rastenburg, Johannisburg, Neidenburg, Rhein und Lyck hatten in solchen burgartig ausgebauten "Wildhäusern" des Deutschen Ordens ihren Ursprung. Puppen scheint als Jagdbude erst später dazu gekommen zu sein.

Diese Wildhäuser und Jagdbuden hatten für den Orden und die landesherrliche Versorgung einen wichtigen Stellenwert. Was man – etwa beim Wildbret – nicht sofort verzehren konnte, das wurde in Fässern eingepökelt, gedörrt, geräuchert oder sonstwie haltbar gemacht. Das hatte für die Proviantierung der zahlreichen Ordenshäuser eine erhebliche Bedeutung. Das Haus Ortelsburg zählte beispielsweise bei einer landesherrlichen Visitation im Jahre 1507 unter den Vorräten seiner Speisekammer 21 Faß gepökeltes und 300 Stück getrocknetes Wildbret auf. Eindrucksvoll auch das Verzeichnis, das um 1550 für einen Transport aus der Jagdbude Puppen angefertigt wurde. Danach überantwortete Cunz Truchseß dem Quirin Sacken von dem in der Jagdbude Puppen eingesalzenen Wildbret folgende Mengen für den Transport an den Hof nach Königsberg: 46 Faß Hirsch, 7 Faß Elch-, 6 Faß Wisent- und 3 Faß Wildschweinwildbret sowie dreiviertel Tonnen "Elend- und Hirschmäuler", die sicher die herzogliche Tafel als besondere Delikatesse zieren sollten.

Noch 1525, zu Beginn der Reformation, sind die Ämter Ortelsburg und Seehesten im Süden Ostpreußens am spärlichsten besiedelt. Ganz Masuren bestand zu jener Zeit noch zu über 60 Prozent aus Wald, Bruch, Wasser, Wildnis. Erst danach faßten auch hier von Norden und Westen Siedler ins Land um Ortelsburg Fuß und rodeten es. Doch auch im 16. Jahrhundert blieb der östliche Teil des Gebiets noch weitgehend Wildniszone. Dazu gehörte neben Johannisburg und Nikolaiken auch Puppen mit seinen großen Urwäldern. Im Forst Puppen und der Johannisburger Heide standen ursprünglich vor allem Eichen, was sich erst im 18. Jahrhundert änderte.

August Ambrassat nennt in seinem Buch über die Provinz Ostpreußen die Jagdbude Puppen "die schönste unter den fünf Jagdbuden in der damals sehr wildreichen Heide". Während der Pestzeit verlegte Herzog Albrecht in den Jahren 1548/49 und 1564/65 seine Hofhaltung nach Puppen. Der Ort lag so abseits, wie Albrecht es sich für diesem unerfreulichen Anlaß nur wünschen konnte. Hier fühlte er sich einigermaßen sicher. Zu jener Zeit muß die Jagdbude wenigstens mit einem gewissen Luxus ausgebaut worden sein, denn sonst hätte man nicht die gesamte preußische Hofhaltung von Königsberg hierher verlagern können. Die nahegelegene Ortelsburg war in jenen Jahren ein wenig anziehender Ort. Sie war stark verfallen und wurde erst in den Jahren 1579 bis 1581 durch Albrechts Nachfolger Markgraf Georg Friedrich von Brandenburg wieder aufgebaut und instandgesetzt.

Auch herzogliche Urkunden wurden in jenen Monaten und Jahren des unfreiwilligen Pest-Exils in der Jagdbude Puppen vom Herzog ausgestellt. So etwa am 10. März 1565 für die Verschreibung des Haberkruges in Ortelsburg an einen gewissen Pauel Ofschanken. "Urkundtlich mit unserem Secret behsigelt und gegeben zu Poppen", ist sie unterschrieben von Herzog Albrecht. Die Jagdbude soll auf der etwa fünf Hektar großen Halbinsel Zamzisko, zu Deutsch etwa: "Burghügel", gestanden haben. Von diesem Punkt aus hat sich später der älteste Dorfteil von Puppen entwickelt.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg ließ der Große Kurfürst in Masuren verstärkt Wassermühlen und Kleinindustrien einrichten und verlieh diese in der Regel an verdiente Soldaten. So entstand in Puppen wegen des Holzreichtums ein Teerofen, aus dem sich später der gleichnamige Ortsteil entwickelte. In Adamsverdruß wurde 1781 eine Glashütte eingerichtet, die in ihren besten Jahren bis zu 200 Beschäftigte zählte. Der merkwürdige Name soll vom damaligen Domänenamtmann Adam herrühren, gegen dessen Willen diese Fabrik angeblich damals gegründet wurde. Auch hier spielte der Holzreichtum der Region die entscheidende Rolle, denn Holzasche war wichtiger Bestandteil für die Produktion von Glas. Als der Rohstoff Holz in späteren Zeiten zu teuer wurde, rentierte sich der Betrieb nicht mehr. Die Glashütte wurde von der Forstverwaltung übernommen.

Bis in die neueste Zeit blieb der Forst Puppen ein außerordentlich wildreiches Revier: 1804 wurde hier der letzte Bär Ostpreußens erlegt. Auch der Umfang des Forstamtes Puppen war bedeutend. Die zugehörigen Reviere umfaßten insgesamt über 7300 Hektar, von denen etwa tausend im Kreis Sensburg lagen. Der Rotwildbestand von Puppen gehörte traditionell zu den stärksten Ostpreußens. Noch kurz vor 1914 war der Puppener Forst deshalb von Kaiser Wilhelm II. seinem Sohn Prinz Eitel Friedrich als Jagdrevier zugewiesen worden. Der Krieg verhinderte dann allerdings, daß es hier zu einem ausgedehnteren gesellschaftlichen Leben kommen konnte.

1938 interessierte sich auch Hermann Göring für das Revier und beabsichtigte, es in Anspruch zu nehmen. Ein Abstellgleis für Sonderzüge war bereits eingerichtet worden. Auch hier machte der Krieg dieses Vorhaben schließlich hinfällig.

Hans B. v. Sothen