25.10.2021

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06.05.00 Die neue Universität Allenstein nimmt den Studienbetrieb auf

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Deutsch an der Alle
Die neue Universität Allenstein nimmt den Studienbetrieb auf
Von Brigitte Jäger-Dabek

Man wird wieder vermehrt Deutsch hören an der Alle. Neben Königsberg gibt es jetzt mit Allenstein eine zweite Universitätsstadt in Ostpreußen. Im April nimmt die dort angesiedelte Ermländisch-Masurische Universität den Studienbetrieb auf. Hochschulen gab es schon länger in Allenstein. Die akademische Tradition wurde 1950 begründet mit der Eröffnung der Landwirtschaftlich-Technischen Akademie auf dem Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Kortau. 1969 kam die Pädagogische Hochschule und 1980 noch das Ermländische Theologische Seminar dazu. So wurde Allenstein eine immer jüngere Stadt; fast die Hälfte der Bevölkerung ist heute unter dreißig Jahre alt. Das Bildungsniveau und damit auch die durchschnittliche Einkommenshöhe blieben im südlichen Ostpreußen mit 80 Prozent des Landesdurchschnitts hinter der allgemeinen Entwicklung zurück. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Region nach Flucht, Vertreibung und polnischer Neubesiedlung immer noch relativ dünn besiedelt und mit einer fast archaisch anmutenden Bevölkerungsstruktur gesegnet. Mehr als ein Viertel der 774 000 Einwohner der Region ist immer noch in der Landwirtschaft tätig. Durch seine politisch unsichere Randlage ist das Gebiet auch verkehrsmäßig weniger erschlossen. Ins Gewicht fällt auch die gemischte Nationalstruktur. Viele der nach dem Krieg hier nicht freiwillig angesiedelten Ukrainer leben im Allensteiner Bezirk sowie noch über 20 000 Deutsche. Alle Volksgruppen wurden lange unterdrückt und erreichten daher viel seltener höhere Bildungsabschlüsse. Nach der politischen Wende wurde auch hier umgedacht. Wirkliche akademische Freiheit sollte nun einziehen und bald kam der Wunsch nach einem Ausbau der drei bestehenden Hochschulen zu einer Universität auf. Im Juli 1999 war man am Ziel. Polnisches Parlament und Senat beschlossen die Eröffnung einer Universität in Allenstein, und im August 1999 unterschrieb Präsident Kwasniewski die Gründungsurkunde. Die Bedeutung, die man von polnischer Seite dieser Neugründung beimaß, wird auch dadurch belegt, daß Premierminister Jerzy Buzek persönlich zur Inaugurationsfeier am 1. Oktober 1999 an die Alle kam.

Als Ziele der Universität wurden vor allem die Hebung des Bildungsniveaus genannt, die Hoffnung, die Hochqualifizierten dann auch in der Region halten zu können und in ihrem Sog neue Betriebe ansiedeln zu können, die ihrerseits wiederum Arbeitsplätze nicht nur für Hochschulabsolventen schaffen. Das ist bei einer Arbeitslosenquote von 21,7 Prozent in Südostpreußen gegenüber 13,6 Prozent im Landesdurchschnitt enorm wichtig. Selbst wird die Universität auch ein bedeutender Arbeitgeber sein. Bisher arbeiten dort schon 2700 Personen, gut 1 600 davon sind Lehrer. Etwa 30 000 Studenten sollen hier bald an 12 Abteilungen studieren. Das Angebot reicht von Theologie über Pädagogik, Recht, Wirtschaft, Tiermedizin, Landwirtschaftstechnik bis hin zu einem reichhaltigen humanistischen Angebot einschließlich Geschichte und Deutsch.

Besonders interessant ist für alle Ostpreußen natürlich die humanistische Fakultät und dort wiederum die Abteilung Germanistik. Im Zuge des Ausbaus in Richtung Universität hatte die Pädagogische Hochschule 1995 eine erste Abteilung für deutsche Philologie eingerichtet, die von der damaligen Parlamentspräsidentin Rita Süssmuth mit eingeweiht wurde. Der Grund war damit gelegt, den Lehrstuhl hat seit der Betriebsaufnahme 1996 Professor Christofer Herrmann inne. Derzeit studieren schon fast 200 Studenten deutsche Philologie, bisher hauptsächlich für das Lehramt. Mit dem neuen Studienjahr, dem ersten, in dem der Lehrstuhl für deutsche Philologie zur Universität gehört, ist das Germanistik-Vollstudium möglich. Die neue Universität hat auch das Recht, Doktortitel zu verleihen. Der Andrang ist nach Angaben der Pressestelle der Hochschule riesig, auf einen Studienplatz für Germanistik kommen sechs bis sieben Bewerber.

Im jetzt beginnenden Semester werden sich 21 Lehrer um die Studenten bemühen, vier davon haben Deutsch als Muttersprache. Eine moderne Ausrüstung soll das Übrige tun, um einen hohen Standard zu gewährleisten. Die Germanisten nennen ein Sprachlabor mit 32 Plätzen ihr eigen sowie einen Saal mit multimediatauglichen Computern. Die Fakultät betont die große Mithilfe von deutscher Seite, einmal von der Stiftung Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und besonders von der Dietrich-Stiftung aus der Allensteiner Partnerstadt Offenburg. Um Georg Dietrich für seine große Hilfe zu ehren, gab man dem Computerraum den Namen Georg-Dietrich-Saal.

Der Ausbau der Bibliothek, die seit 1998 schon im Gebäude der Humanistischen Fakultät an der Friedrich-Wilhelm-Straße  ist, kommt voran. Neben unzähligen Tonbändern und Zeitschriften gibt es 6000 fremdsprachige, meist deutsche Bücher. Davon sind 4 500 Bücher Gaben der oben genannten Stiftungen, der Robert-Bosch-Stiftung und vieler privater Spender. Mit 211 Leseplätzen ist die Bibliothek großzügig dimensioniert, und was besonders für Deutsche interessant ist: sie ist für jedermann zugänglich, nicht nur für Studenten. Seitens der Fakultät betont man die gute, bereits bestehende Zusammenarbeit mit den deutschen Hochschulen in Heidelberg und Freiburg, wo auch immer wieder mehrwöchige Deutschkurse stattfinden.

Als wichtig sieht die Universität auch die Einbeziehung des Allensteiner Deutschen Vereins an, dessen kulturelle Aktivitäten für alle Deutschstudenten eine hervorragende Kontaktmöglichkeit mit der deutschen Kultur sei.

Was die Forschung betrifft, will man sich besonders den Eigenheiten der Region mit ihrer deutschen Vergangenheit widmen und sowohl sprachwissenschaftlich als auch literaturwissenschaftlich dem historischen Ostpreußen näherkommen. Allenstein ist heute eine junge dynamische Stadt. Dieser Entwicklung trägt gerade die Universitätsgründung Rechnung. Sie ist eine Investition in die Zukunft, in eine gesamteuropäische Zukunft, in der auch die deutsche Sprache wieder wie selbstverständlich einen Platz an der Alle findet.

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