25.10.2021

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06.05.00 Alltagsnöte im Zweiten Weltkrieg

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


"Ich geh aus und du bleibst da …"
Alltagsnöte im Zweiten Weltkrieg

Ich geh mit Hellerchen zu Tante Meta", sagt die Mutter zu ihren beiden Mädchen, die unschuldig wie neugeborene Lämmerchen am Küchentisch sitzen und ihre Schulaufgaben machen. "Macht keine Dummheiten, wenn ihr fertig seid, und räumt eure Sachen fort."

Hellerchen – eigentlich heißt er Helmut – ist fünf Jahre alt und steht schon angezogen an der Flurtür. Auf Tante Meta freut er sich. Da ist Heinz, mit dem man gut spielen kann, anders als mit den Schwestern, die ihn manchmal kaltblütig verleugnen, wenn ihnen jemand von ihren Freunden auf der Straße entgegenkommt und sie auf ihn aufpassen sollen. Deshalb ist er schon ungeduldig und mahnt die Mutter, endlich zu kommen. Die kann sich noch nicht so recht trennen, geht noch mal zum Herd, um nach dem Feuer zu sehen, streicht ihren Lämmerchen noch mal über die Köpfe …

Endlich ist sie fort! Kaum hat sich die Haustür hinter ihnen geschlossen, springen die beiden Mädchen auf. Lena, zehn Jahre alt, übernimmt das Kommando, dem Tutachen – eigentlich heißt sie Waltraut und ist ein Jahr jünger als Lena – sich willig beugt. Sie hat die Pfanne aus der Speisekammer zu holen und auf den heißen Herd zu stellen, während Lena die Mischung fertig macht, die aus Haferflocken und Zucker besteht. Aber erst muß Butter in die Pfanne, dann die Haferflockenmischung und nicht zu schnell umrühren! Erst mal muß die Masse etwas "ansetzen" und dann kann gerührt werden. "Köstlich", wird Lena sagen, "kannst die Zunge runterschlucken!"

Sie hatten schon mal Bonbons gekocht. Aber da war die Mutter mit Tante Meta den ganzen Tag unterwegs gewesen. Sie war nach Insterburg gefahren, denn es hieß, daß dort der Transport auf dem Bahnhof halten würde, mit dem der Vater an die Ostfront fuhr, und nur die beiden Jungs hatten mitgedurft. Die Bonbons waren ihnen gut gelungen, und die Mutter hatte nichts bemerkt, obwohl sie sonst sehr mißtrauisch war. Bloß mit dem Verstecken der Süßigkeit war es etwas schwierig, und daß sie nicht mitgedurft hatten nach Insterburg, hatten sie nachher gar nicht mehr so gemein gefunden.

Zu richtigen Bonbons würde heute die Zeit nicht reichen. Deshalb gab es nur geröstete Haferflocken. Jetzt galt es zu rühren. Tuta sieht ungeduldig auf die sich langsam bräunende Köstlichkeit in der Pfanne, die langsam Qualm entwickelt und schon gut riecht. Als Lena gerade Tuta nach Schaufel und Handfeger schicken will, denn eine Menge Haferflocken ist auf dem Linoleumfußboden verstreut, hören sie unten die Haustür gehen und Hellerchen die Treppe raufpoltern.

Erbarmung, die Mutter! Was nun? Runter mit der Pfanne unter den Küchenschrank, die Schwestern unter das große Bett im Schlafzimmer, ganz an die Wand, die Köpfe in den Armen vergraben. Tarnkappen müßte man aufhaben!

"Vorkommen!" Beide wissen, daß die Mutter sie bestrafen wird. "Lena, hol den Ausklopfer!" Hellerchen hat inzwischen die Pfanne unter dem Schrank entdeckt und probiert. Lena, die ihre Mutter kennt, weiß, daß nichts sie davon abhalten wird, den Klopfer zu gebrauchen, und riskiert aber noch zu fragen: "Dürfen wir das denn wenigstens noch essen?"

Diese Geschichte ging als "Vertellchen" in die Familiengeschichte ein und gab immer wieder Anlaß zur Erheiterung. Lena erzählte mir das im Alter, als alle, die diese Geschichte miterlebt hatten, nicht mehr leben. Dann sagte sie noch etwas über das Strafen der Mutter. Schlimmer als alle Schläge, erzählte sie, war die Folter, die die Mutter ihr bereitete, wenn sie den Vater anführte, der "in Rußland sich auf sie verläßt, er dort friert, sogar hungern muß" … Dann hielt Lena sich die Ohren mit beiden Händen zu, geriet außer sich und schrie die Mutter an: "Schlag mich dafür, aber sag so was nicht!" Die Hilflosigkeit der Mutter, sagte Lena, begreife sie erst heute. Denn Hilflosigkeit war es, die sie so handeln ließ. Welcher Verantwortung waren die jungen Frauen damals, als der Krieg begann und die Männer fort mußten, ausgesetzt. Lenas Mutter war damals gerade 29 Jahre alt und hatte kleine Kinder zu versorgen. Es gab schon bald alles nur noch auf Marken zu kaufen. Ihre Flucht bestand aus drei Stationen: erst Labiau, dann Osterode, dann Pommern. Endstation war Niedersachsen, wo sie mit den Worten empfangen wurde: "Gott beschütz uns vor Feuer und Wind und Leuten, die aus dem Osten sind." Ihr ganzes Gepäck hatte aus einem Rucksack bestanden!

Heute spricht Lena mit großem Respekt von der Mutter, die sich und die Kinder durchbrachte, indem sie zu schneidern begann. Aus herrenlosen Anzügen verstand sie Damenkostüme zu nähen, und aus Bettbezügen entstanden Kleider. Lena erzählt gern von ihrer Kindheit. Am liebsten von den Tagen, als noch Frieden herrschte, die Mutter noch sanfter und glücklicher war, als sie zusammen mit dem Vater eine Familie bildeten und vom Krieg noch nicht die Rede ging. "Undenkbar", meint sie, "daß der Mensch soviel ertragen kann." Aber niemals, fügt Lena noch hinzu, habe sie der Mutter diese Art zu strafen verzeihen können, und etwas von der Empörung ist in ihren Augen noch immer zu sehen.

Christel Bethke