25.10.2021

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06.05.00 Als man bei Ortelsburg nach Bernstein grub

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Mai 2000


Als man bei Ortelsburg nach Bernstein grub
Von Ruth Geede

Doch glänzt der Vorzeit Träne klar an deiner Küste Saum!"
Die Lyrikerin Johanna Ambrosius hat in ihrem Ostpreußenlied diese wohl schönste Bezeichnung für den Bernstein gefunden. Aber der Vorzeit Träne glänzt nicht nur am Saum des Samlandes, der Bernsteinküste, sondern sie findet sich auch tief im Binnenland. Was heute kaum einer weiß: Ein reiches Bernsteinvorkommen wurde vor 200 Jahren in Friedrichshof bei Ortelsburg entdeckt, dicht an der früheren Grenze zu Polen. Der 1810 in Königsberg geborene Pädagoge und Naturwissenschaftler Julius Schumann hat sich eingehend mit diesem Vorkommen befaßt. Seine Aufsätze wurden 1869 posthum von seinen Freunden als "Geologische Wanderungen durch Altpreußen" herausgegeben und bewirkten ein wachsendes Interesse an den "eigentümlichen Erscheinungen des altpreußischen Bodens".

Und "eigentümlich" ist nun mal, daß es ausgerechnet im tiefsten Süden Ostpreußens ein Bernsteinfeld gab, das mit seinen 46 Quadratmeilen als das größte bekannte Bernsteinlager in Preußen galt. Die Fundorte wurden bereits früher entdeckt, denn in der Preußischen Landes- und Volkskunde von Preuss, auf die sich Schumann stützte, heißt es: "Sehr reiche Lager wurden 1811 bei Ortelsburg zu Friedrichshof, Willamowen und in der puppenschen und korpellenschen Forst entdeckt. Hier bemächtigen sich aber die Bauern, zu denen sich noch polnische Conscribirte gesellten, teils mit Gewalt, teils durch List des kostbaren Fundes und trafen im Nachbarlande bald sehr bereitwillige Abnehmer. Erst 1813 steuerte der Landsturm diesem Unfuge. Man untersuchte nun die Lager genauer und überließ sie später für 200 Taler den Pächtern des Ostseestrandes." Schumann begann seine Forschungen in Willenberg, wo er durch den Stadtkämmerer Tröder die erste Nachricht über die in dieser Gegend vorhandenen Bernsteinlager erhielt. Er liege im Sande, komme stets in Gemeinschaft mit verwitterndem Holz vor und stecke nicht selten darin. Tröder wies ihn noch auf weitere interessante Eigenarten in dieser Gegend hin: Bei Kutzburg, nördlich von Willenberg, gäbe es einen hohen Berg Eisenschlacke, der auf eine ehemalige Eisenschmelze hinwiese. Tatsächlich findet sich auf der Hennenbergschen Karte an dieser Stelle das Zeichen des Eisenhammers, ein Beweis dafür, daß – vor jetzt 500 Jahren – die Menschen dieser Gegend den reichlich vorkommenden Raseneisenstein zum Schmiedeeisen umzuwandeln verstanden. Es muß eine gute Gegend für Schmiede gewesen sein, denn es befanden sich hier im heutigen Kreis Ortelsburg noch sechs weitere Eisenhammer, allerdings keiner so hoch wie der in Kutzburg, der im Jahr 1864 noch 15 Fuß hoch war, obgleich die Bewohner im Laufe der Jahre die Schlacke zu Schüttungen abgetragen hatten.

So interessant die Eisenschmelzen für Schumann auch waren, Zweck seiner Reise war die Erforschung der Bernsteinlager. In Fürstenwalde erhielt er durch den früheren Pächter einer auf Schodmack bei Ortels- burg betriebenen Bernsteingräberei, Reichmann, genauen Aufschluß über das Vorkommen des dortigen Bernsteins. Er läge in allen etwas gesenkten Gegenden bis nach Ortelsburg und Willenberg hin, so in Schodmack, Leschienen, Groß Schiemanen und Friedrichshof. Der Bernstein würde im Sande gefunden, der oben locker, unten fester sei. In ihm liege er stets in Gemeinschaft mit Sprockerde, unter denen auch größere Stubben vorkämen, nicht selten finde er sich in solchen Stubben selbst.

Stießen die Bernsteingräber bei ihren Versuchsgrabungen auf Sprockerde, so würde eine Grube ausgehoben, in der oft beträchtliche Funde gemacht würden. Manche Gräbereien brächten es auf Erträge von 1000 bis 2000 Talern. Bei Friedrichshof habe der vorige Pächter ein fast fünf Pfund schweres Stück Bernstein gefunden, das ihm 1200 Taler eingebracht hätte. Und der Stein sei von besserer Qualität als der Seestein des Samländischen Strandes. Nach diesen Ausführungen des ehemaligen Pächters war Schumann natürlich gespannt auf Friedrichshof, das er am nächsten Tag aufsuchte. Es war gerade Erntezeit, und so bedauerte der dortige Pächter der Bernsteingräberei, der Kaufmann Daniel, daß im Augenblick keine Grabungen stattfänden, da alle Männer bei der Ernte wären. Aber Schumann dürfte auf dem Gelände graben, wenn sich jemand finden würde.

Es meldeten sich dann auch am nächsten Morgen tatsächlich zwei Männer bei Schumann, mit denen allerdings die Verständigung schwierig war, weil diese nur masurisch sprachen. Sie hatten Spaten mit sich, an denen die Eisen merklich schief, nach vorne geneigt, angebracht waren. Die Grabungen erfolgten auf einer nördlich von Friedrichshof gelegenen Wiese, die schon zum Teil durchwühlt war. Bereits beim ersten Spatenstich wurde etwas Sprockholz ausgeworfen, doch leider konnte Schumann darin kein Bernsteinstück entdecken. Da sich die Löcher bald mit Wasser füllten, wurde an einer anderen Stelle gegraben, und tatsächlich fand sich in einer dieser Gruben ein kleines Stück Bernstein. Das war allerdings die ganze Ausbeute.

Trotzdem war es für Schumann interessant, denn zusammen mit einigen größeren Stücken, die ihm Herr Daniel überlassen hatte, versuchte er, Vergleiche mit dem samländischen Bernstein anzustellen. Leider fanden sich in keinem Stück Einschlüsse, einige wiesen Bruchflächen auf, hatten eine teils gelbe, teils rote Rinde wie der samländische Bernstein. Auch beim Brennen – umsonst heißt ja das versteinerte Harz nicht Bernstein = Brennstein! – zeigten sich keine Unterschiede. Schumann, der sich ein großes Wissen mit geologischen Untersuchungen in ganz Ostpreußen erarbeitet hatte, folgerte, daß der bei Friedrichshof gefundene Bernstein und die ihn begleitende Braunkohle nicht im tertiären, sondern im diluvialen Boden, dann aber – da Bernstein und Braunkohle ursprünglich der Tertiärformation angehören – infolge einer Umlagerung in diese Gegenden geführt worden seien.

Der Naturwissenschaftler beschäftigt sich noch eingehend mit dem Braunkohlenvorkommen im südlichen Ostpreußen, vor allem mit dem Braunkohlenlager in Hohenstein. Er nimmt an, daß die Sprockerde der erwähnten Lager vom Hohensteiner stammt, das wohl früher sehr mächtig gewesen ist. Bernstein wurde dort allerdings nicht gefunden. Lediglich bei einer Mühle am Plautziger See, aus dem die Passarge entspringt, wurden einige kleine Funde gemacht.

Leider erwähnt Schumann nichts mehr von der Qualität des im Ortelsburger Gebiet gefundenen Bernsteins. Daß diese, wie der Pächter Reichmann behauptete, besser sein sollte als die des samländischen, erscheint doch wenig glaubhaft. Vielleicht lag diese Behauptung ganz im Sinne des (Er)-Finders.