20.10.2021

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20.05.00 Die Bäderkette zwischen Darß und Leba wird neu zusammengeknüpft

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. Mai 2000


Reiseeindrücke: Im pommerschen Cannes
Die Bäderkette zwischen Darß und Leba wird neu zusammengeknüpft
Von Thorsten Hinz

Misdroy auf der Insel Wollin gehörte schon vor dem Krieg zu den großen Seebädern an der Ostsee. Im Jahr 1938 bewältigten die 4000 Einwohner mehr als 400 000 Fremdenverkehrsübernachtungen. Heute kommt der Ort mit seinen 6000 – nunmehr polnischen – Bewohnern auf rund eine halbe Million auswärtige Gäste, die sich am breiten, feinsandigen Strand tummeln.

Doch Misdroy setzt heute wie damals nicht bloß auf Masse, sondern auch auf Klasse. Ein "polnisches Cannes" möchte es werden, und tatsächlich geben Politiker und Schauspieler sich im Sommer hier ein Stelldichein. Zahlreiche Künstler haben – in Anlehnung an Hollywoods Sunset Boulevard – ihre Handabdrücke in Bronzeplatten verewigt, die in die Gehwege vor dem Fünf-Sterne-Hotel "Amber Baltic" eingelassen wurden.

Mit seiner baumgesäumten Kurpromenade, den alten, herrschaftlichen Strandvillen und Pensionen, in denen sommers das Berliner Bürgertum residierte, und der erneuerten Seebrücke bietet Misdroy eine Bühne für effektvolle Auftritte.

Nicht der Krieg, sondern erst die nachfolgende sozialistische Ära hat seine Bausubstanz in Mitleidenschaft gezogen, doch noch immer kann man Misdroy anhand alter Fotos identifizieren. Jetzt soll der alte Glanz wiederhergestellt werden. Manches ist schon fertig saniert, vieles wurde begonnen, und noch mehr ist in Planung.

Der Inhaber der frisch renovierten Pension beispielsweise, in der wir unterkommen, ein ehemaliger Offizier der polnischen Grenztruppen, will als nächstes die Umzäunung des Grundstücks nach historischem Vorbild erneuern.

Außerdem verfügt Misdroy über einen prachtvollen alten Baumbestand, mitten im Ort steht eine über 300jährige Eiche unter Naturschutz, Neuanpflanzungen werden in großer Zahl vorgenommen: Man hat begriffen, was den Reiz eines mondänen Seebades ausmacht. Allerdings sind auch die ersten Investruinen zu besichtigen.

Am östlichen Ortsrand geht die Ebene unvermittelt in eine Hügellandschaft über. Die Steilküste erreicht an ihren markantesten Punkten eine Höhe von über hundert Metern. Dieses Gebiet mit seinen dichten Buchenwäldern wurde auf einer Fläche von 45 Hektar als Nationalpark deklariert.

Misdroy ist nach Swinemünde das zweite Seebad hinter der deutsch-polnischen Grenze. Unter den Gästen befinden sich immer mehr Deutsche. Stettin ist rund eine Autostunde entfernt, die Zugfahrt nach Berlin dauert, bei zweimaligem Umsteigen, fünf Stunden. In der Hochsaison gibt es zwischen Berlin-Zoo und der Insel Wollin eine Direktverbindung.

Außerhalb der Hochsaison empfiehlt es sich, bei der Suche nach einer Privatunterkunft wählerisch zu sein. Es macht eben einen Unterschied, ob man in einer sperrmüll-reifen Einrichtung oder in einem neu eingerichteten Raum mit TV und Kühlschrank logiert, während die Preisdifferenz minimal ist.

Misdroy hat sich auf seine deutschen Badegäste eingestellt. Die Zimmerofferten an den Häusern, die Hinweisschilder allerorts sowie die Menükarten in den Gaststätten sind fast durchgängig zweisprachig. Die Kellner bestehen auf der deutschen Sprache, selbst wenn man des Polnischen mächtig ist.

Der Umgang ist längst von professioneller Selbstverständlichkeit geprägt. Die deutsche Schiffahrtsgesellschaft "Adler" lädt in zweisprachigen Prospekten zu zollfreien Einkaufsfahrten von Swinemünde nach Rügen ein. Der Tourismus ist keine Einbahnstraße. Im pommerschen Regionalteil der "Gazeta Wyborza", der größten polnischen Zeitung, wird auf zwei Seiten Berlin als Reiseziel vorgestellt.

Vom Misdroyer Strand sieht man die frisch verputzten weißen Strandhotels auf Usedom; nach Swinemünde ist es ein zweistündiger Spaziergang. Unter den vielen Eindrücken ist dies der wohl faszinierendste: Die Perlenkette der pommerschen Seebäder vom Darß bis nach Leba, die 1945 durch die Grenzziehung ein paar Kilometer weiter westlich zerschnitten wurde, wird wieder zusammengeknüpft, ihre matt gewordenen Edelsteine werden erneut auf Hochglanz poliert. Die alten Handelswege und Touristenströme sind zu neuem Leben erweckt.

In den großen Appartmenthäusern in Strandnähe werden Ferienwohnungen zum Kauf angeboten, auf polnisch und deutsch. Im "Amber Baltic" unterhält die Stettiner Firma "Rent Immobilien" eine Filiale, in der sie täglich zwischen 9 und 19 Uhr ihre Dienste anbietet. Ein Zeitungsartikel, der zu Werbezwecken am Bürofenster angebracht ist, berichtet von zufriedenen Kunden aus der Bundesrepublik: Angestellten, Beamten, Arbeitern, Rentnern, von Leuten, für die ein ähnlicher Immobilienbesitz in Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein unerschwinglich wäre, die sich hier aber eine 64 Quadratmeter große Zwei-Etagenwohnung für 70 000 Mark leisten können. Allerdings ziehen sie es vor, nur mit ihren Initialen genannt zu werden, denn ihre auf Schleichwegen ermöglichten Käufe verstoßen gegen das polnische Gesetz.

Der smarte, junge Geschäftsführer posiert in Maßanzug und mit Handy vor der Tür und fiebert potentiellen Kunden förmlich entgegen. Er will keine "wiedergewonnen Gebiete" verteidigen und sie auch nicht verschenken. Er will Geld verdienen. Geld weiß nichts von geschichtlichen Belastungen. Seine kalte Sachlichkeit hat in diesem Falle sogar etwas Heilsames.