25.10.2021

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27.05.00 Die Kenntnisse Frankreichs über den deutschen Osten gehen gegen Null

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Verfehltes Bildungsziel
Die Kenntnisse Frankreichs über den deutschen Osten gehen gegen Null

Nach Angaben des auswärtigen Ausschusses der Nationalversammlung scheint es unmöglich, einen Pariser Politiker zu finden, der Kenntnis und daher eine Meinung über den deutschen Osten hätte. Diese Tatsache wiederum erscheint dem französischen Politologen, mit dem wir über diesen Komplex ein ausführlicheres Telefongespräch geführt haben, angesichts der Tatsache, daß Frankreichs Studenten selbst an den Elitehochschulen nur ein verworrenes Bild von Deutschland haben, nicht erstaunlich.

Selbst vom Westfälischen Frieden wüßten die zukünftigen Kader der französischen Nation fast gar nichts. Dieses Wissensdefizit sei auch gültig für das, was Ost- und Mitteleuropa nach dem Ersten Weltkrieg anbetrifft. Es hat also den Anschein, daß der Adenauer-de-Gaulle-Vertrag von 1963, der unter anderem auch den Ehrgeiz hatte, die kulturelle Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten zu fördern, in dieser Hinsicht ein völliger Mißerfolg war.

Laut Thierry Garcin, der dies ausführlich in seinem Beitrag für die Zeitschrift "Hérodote" ausführte, sei der Begriff von Rapallo der einzige, der noch eine Resonanz, natürlich eine negative, in der französischen politischen Klasse besitze. Das Rapallo-Gespenst wurde an der Seine besonders während der 1990er deutsch-russischen Verhandlungen unterstrichen, als sollte die gesamteuropäische Diplomatie der Fünften Republik immerfort unmittelbaren Anstoß an jegliche etwaigen Annäherungen zwischen Rußland und Deutschland nehmen. Und so wollte, besser gesagt wünschte Mitterrand, daß die deutsche Vereinigung zwischen BRD und DDR langsam und internationalisiert werde. Statt dessen wurde sie geschwind und amerikanisch-deutsch. Die verantwortlichen Politiker Frankreichs, so Garcin, wurden sozusagen gehemmt, obwohl die führenden französischen Medien sorgfältig und offen die Entwicklungen jenseits des Rheins beobachteten und beschrieben.

Gemäß unserem Gesprächspartner, der uns seine Meinung als Soziologe gewissermaßen frei und unverbindlich geben konnte, sei so die Frage der Zementierung der Oder-Neiße-Linie durch den Zwei-plus-Vier-Vertrag an und für sich durchaus als künstlich anzusehen. Für die Deutschen bedeute die Oder-Neiße-Linie die Grenze der Kapitulation von 1945. Die Unterzeichnerstaaten des Moskauer Vertrages vom 12. September 1990 hätten um die Stabilität der Grenzen in Europa nachgesucht, und zwar trotz der aus inenpolitischem Kalkül bewußt gewählten Langsamkeit Kohls, jene Grenzen zu akzeptieren. Garcin meint, die Frage sei jetzt als gegenstandslos zu betrachten, da die Bundesrepublik Deutschland durch ihre Finanz- und Wirtschaftsmacht diese Grenzen gewissermaßen in anderer Form überholt habe. Ähnliches gelte auch für die Rolle, die die Euroregionen in Mittel- und Osteuropa künftig spielen würden.

Insgesamt glaubt Dr. Thierry Garcin, daß das gemeinsame Europa, das Brüsseler Europa, mehr Gewicht den deutschen Begriffen als den französischen gewährt. Man erlebe zur Zeit durch den deutschen Föderalismus eine Balkanisierung Europas. Wichtig in diesem Zusammenhang sei zu wissen, ob England Schottland im Vereinigten Königreich halten kann. Seiner Ansicht nach seien die Forderungen der Regionen in Frankreich durch den Brüsseler Föderalismus gefördert worden. Wie er in seinem schon erwähnten Beitrag für "Hérodote" wurde die Bedeutsamkeit des deutschen Einigungsprozesses für Europa in Frankreich von der gesamten politischen Klasse Frankreichs unterschätzt und durch hartnäckige innere Streitereien ersetzt.

Auf die Frage über die Kehrtwendung der französischen Diplomatie mit de Gaulle, der im Gegenstück zur Vierten Republik die Oder-Neiße-Linie als völkerrechtlich erklärte, zeigte sich Thierry Garcin überfragt und verwies uns auf die Notwendigkeit, einen Historiker zu fragen. Zehn Jahre nach dem deutschen Einigungsprozeß scheint also in Paris der deutsche Osten völlig vergessen zu sein, um so mehr als Staatspräsident Mitterrand und die Gesamtheit der französischen offiziellen Meinungsträger sich stärker und mit großem Ehrgeiz um eine größere Rolle Frankreichs in Afrika und im Mittleren Osten bemühten. Die Furcht vor "Rapallo" ist außer Mode geraten, aber das Wissen um das Schicksal eines Drittels des Deutschen Reichs ist in den Orkus der Vergessenheit geraten. Insofern scheinen allein schon von diesem Ansatz her die Nachkriegsbemühungen über einen Ausgleich zwischen Paris und Bonn/ Berlin beiderseitig verfehlt. Es wurde nicht offen über diese Lage gesprochen, weil das Mißtrauen und die Angst den Mantel des Verschweigens großzügig ausbreiteten.

Für viele Ostpreußen bleibt freilich unvergessen, daß mit dem Fall der Mauer von 1989 die Redaktion unserer Zeitung zahlreiche Briefe von französischen Kriegsgefangenen erreichte, die sich noch bestens an die Zeit in Ostpreußen während des Krieges erinnerten und die wie selbstverständlich davon ausgegangen waren, daß mit dem Fall der Mauer auch der deutsche Osten freigeworden sei.

Pierre Campguilhem / P. F.