25.10.2021

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27.05.00 Eine Frankfurter Ausstellung und die Jugendstil-Hauptstädte Mitteleuropas

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


Alphons Mucha und Joze Plecnik: Fackelträger der Schönheit
Eine Frankfurter Ausstellung und die Jugendstil-Hauptstädte Mitteleuropas

Das Museum für Angewandte Kunst in der Mainmetropole Frankfurt zeigt bis zum 27. August eine Ausstellung, die für Jugendstil-Liebhaber viel zu bieten hat. Ihr Titel: "Prag 1900 – Poesie und Ekstase".

In der als Auswahl vom Amsterdamer Van-Gogh-Museum übernommenen Exposition sind u. a. Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Schmuck, Glaskunst und Buch-Illustrationen zu sehen. Von den ausgestellten Künstlern haben sich insbesondere Alphons Mucha (1860-1939) und Jan Preisler (1872-1918) über die böhmischen Grenzen hinweg einen Namen gemacht.

Die um die Jahrhundertwende allgegenwärtige Modeströmung des Jugendstils (Art Nouveau, Modern Style) spiegelt sich in Gemälden wie Hlaváceks "Geistererscheinung" oder Maseks "Die Seherin Libussa" ebenso wie in der sehenswerten Schmuckauswahl.

Wem solche musealen Genüsse nicht genügen, der kann in Sachen Jugendstil in den Städten des östlichen Mitteleuropas paradiesischen Lokalstudien frönen. Neben Wien und Prag bieten besonders Riga und Lai-bach reiches Anschauungsmaterial.

In der lettischen Kapitale besteht rund ein Drittel der Altstadt aus Jugendstilbauten – ein Anteil, der an keinem anderen Ort der Erde erreicht wird. Und nirgendwo in Riga gibt es so viele und so schöne Jugendstil-Zeugnisse wie im einst deutschen Viertel rund um die Hansestraße (Hanzas iela).

Blumengirlanden schmücken die Hauseingänge. Von überall her schauen den Passanten Faunen, Satyren , Sphinxe und lächelnde Frauenköpfe an und erzählen ihm, sofern seine Phantasie mitspielt – ganze Märchen und Fabeln.

Die Jugendstilkünstler strebten danach, mit schönen und zugleich zweckgebundenen Formen alle Lebensbereiche zu durchdringen – also neben dem Äußeren der Häuser die gesamte Einrichtung, die Kleidung der Menschen, ihr Gebrauchsgeschirr, ihre Bücher usw. Eine bloße Nachahmung älterer Stile lehnten sie ebenso entschieden ab wie die aufkommende einseitige Betonung der Funktionalität.

Auch für den zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Jugendstil und später vom Expressionismus beeinflußten slowenischen Baumeister Joze Plecnik war eine Reduktion seiner Kunst auf das rein Technische und Zweckdienliche undenkbar. Architektur sollte für ihn stets einem bestimmten Kulturraum entspringen und diesen auf originelle Weise fortsetzen.

Vor allem im Anschluß an den Ersten Weltkrieg geriet Plecnik mit seiner Bevorzugung edler Materialien und der Orientierung an den überlieferten "ewigen Formen" in krassen Gegensatz zur "Moderne", etwa den Kubisten, die unter Hinweis auf die Wohungsnot nach funktionalen und raschen Lösungen riefen. Sein ganzes Leben lang blieb er davon überzeugt, daß die Städte nicht in erster Linie dem neuen schnellen und dichten Verkehr angepaßt werden müssen, sondern den Sichtachsen der Fußgänger.

Erste Kostproben seines Könnens lieferte der 1872 geborene Sohn eines Kunsttischlers nach seinem Architekturstudium bei Otto Wagner an der Wiener Akademie (Wagners Entwürfe für den Berliner Dom hatten ihn dort hingelockt) und stieg zum führenden Architekten der Wiener Sezession auf. Doch als der Thronfolger Franz Ferdinand die Nachfolge Plecnik auf den Lehrstuhl Wagners blockierte, zog der Baumeister 1911 nach Prag weiter.

Dort unterrichtete er an der Kunstgewerbeschule Metallentwurf und setzte just in dem Moment zum bis dato größten Höhenflug an, als der Entschluß zur Heimkehr in die Geburtsstadt Laibach bereits feststand: Der tschechoslowakische Präsident Masaryk beauftragte ihn mit der Umgestaltung der Prager Burg zu einer Art nationaltschechischer Akropolis.

So hinterließ Plecnik zwischen 1921 und 1932 seine bis heute unübersehbaren architektonischen Wegmarken parallel in Prag und in Laibach. An der Moldau gestaltete er als "Hofarchitekt" Masaryks sowohl dessen Dienstzimmer im Hradschin als auch diverse Treppenhäuser, Höfe und Gärten.

In der slowenischen Hauptstadt, an deren neugegründete Universität er berufen wurde, griff er mit zahllosen von ihm entworfenen Gebäuden, Brücken, Denkmälern, Laternen, Sitzbänken usw. derart nachdrücklich in den Ausbau des aus dem Zentrum führenden Straßennetzes ein, das man dort vom "Plecnik-Laibach" spricht.

In den Jahren 1928 und 1943 entwarf der Meisterarchitekt zwei eigene Hauptstadtbaupläne. Zu den Werken, die ihm Weltgeltung verschafften, zählen die National- und

Laibachs Meisterarchitekt

Universitätsbibliothek, die Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie (heute: Sitz des Verfassungsgerichts), die Markthallen, die "Drei Brücken" und die im Jugendstil gehaltene Drachenbrücke.

Nach dem Krieg schuf der gläubige Katholik außer Gefallenendenkmälern vor allem Kirchenbauten. 1957 verstarb Joze Plecnik in der Laibacher Vorstadt Trnovo und fand dort im alten Teil des Friedhofs Sv. Kriz seine letzte Ruhe. (MS)