25.10.2021

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27.05.00 Das Mutterhaus der Königsberger Diakonissen wird 150 Jahre alt

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 27. Mai 2000


"Ein ganz eigenartiges Gefühl"
Das Mutterhaus der Königsberger Diakonissen wird 150 Jahre alt
Von Ulrike Neufeldt

Wer durch die alte Reichsstadt Wetzlar im Westen Deutschlands fährt, reibt sich verwundert die Augen, wenn er das Hinweisschild liest "Königsberger Diakonissen-Mutterhaus der Barmherzigkeit". Seit 1955 hat es seinen Sitz in Wetzlar – etwa 900 Kilometer Luftlinie von seinem Stammsitz entfernt. 1850 wurde das Haus, das zum Kaiserswerther Verband deutscher Diakonissen-Mutterhäuser gehört, in Königsberg gegründet. Am 18. Mai dieses Jahres feierte es ein 150jähriges Bestehen. Nach der Gründung wurden im Königsberger Diakonissen-Krankenhaus zunächst Mädchen aus ostpreußischen Familien zu Krankenpflegerinnen ausgebildet. Standen im Gründungsjahr zwanzig Betten zur Verfügung, so bot das Haus 1930 in einem Neubau 600 Patienten Platz. Als Anfang 1945 die Rote Armee näherrückte, entschloß sich die Leitung, die ältesten und jüngsten Schwestern nach Westen zu evakuieren. 88 Diakonissen mußten unter der russischen Besatzung aushalten. 244 Schwestern des Mutterhauses und 58 Mitarbeiter kamen in den Kriegs- und Nachkriegswirren um. In Berlin sammelten sich nach dem Krieg etwa 500 der vor dem Krieg knapp 1000 Schwestern, die in verschiedenen Staaten überlebt hatten. Von 1953 bis 1955 bauten sie das abgebrannte ehemalige Kloster Altenberg bei Wetzlar als Diakonissen-Mutterhaus auf. Ihr berufliches Können setzten die Diakonissen im Wetzlarer Krankenhaus, im städtischen Altenzentrum, im Kinderheim und in der Gemeindekrankenpflege ein. Inzwischen mußten die Königsberger Diakonissen aufgrund fehlenden Nachwuchses die Pflegeaufgaben abgeben. Keine der derzeit 43 Königsberger Diakonissen zwischen 59 und 97 Jahren ist noch berufstätig. Die Altenpflege hat die 1966 gegründete "Diakonische Schwestern- und Bruderschaft Altenberg" übernommen. Ihr gehören 29 Frauen und fünf Männer aus unterschiedlichen Sozial- und Pflegeberufen an. In dieser "Dienst- und Glaubensgemeinschaft" soll die Tradition des Mutterhauses fortgeführt werden, um jungen Menschen christliche Bildung zu vermitteln und den Diakonieauftrag zu erfüllen. Zu den Einrichtungen des Mutterhauses zählen zur Zeit fünf Alten- und Pflegeheime sowie acht Wohnanlagen in Wetzlar und Umgebung, in denen 400 Mitarbeiter über 500 Menschen betreuen.

Schwester Christel Hoppe (86) hat die Geschicke des "Diakonissenkrankenhauses der Barmherzigkeit" über 70 Jahre miterlebt. 1914 wurde sie als jüngstes von sieben Kindern in Rastenburg geboren. Ihre Lebensaufgabe fand sie im Königsberger Diakonissen-Mutterhaus, in das sie am 7. Oktober 1930 auf Veranlassung ihrer Mutter eintrat, als der Vater starb und sie ihren Lebensunterhalt suchen mußte. Die Arbeit im Krankenhaus sei ihrer Neigung, Kinderkrankenschwester zu werden, entgegengekommen, auch wenn ihr Einsatzgebiet zuerst die Verwaltung war. Ihre Biographie schien nach der Einsegnung 1937 vorgezeichnet, aber der Zweite Weltkrieg zerschlug alle Planungen. Schwester Christel gehörte zu den 88 Diakonissen, die 1945 nicht evakuiert wurden. So wurde sie nach dem Einmarsch der Russen am 9. April 1945 "Zivilgefangene" der Roten Armee. Daß sie 1948 lebend aus der zerstörten Stadt herauskam und auch ihre Familie die Flucht überlebte, ist für sie ein Zeichen von Gottes Hilfe im Leid. Oft habe sie nicht gewußt, was sie noch beten sollte. Ständig sei sie in Angst gewesen, weil jedes ihrer Worte und Handlungen kontrolliert wurde. Neben viel Erbarmungslosigkeit und Willkür der russischen Befehlshaber habe sie auch Barmherzigkeit erlebt: Eine russische Ärztin steckte ihr Brot zu, Soldaten schenkten ihr Kartoffeln. Ein Kommandeur habe einen Soldaten daran gehindert, eine Diakonisse zu erschießen. Als die 34jährige schließlich ausgewiesen werden sollte, habe ihr eine Ärztin Geld geboten, wenn sie bliebe. Ihr Krankenpflegeexamen machte Schwester Christel erst im Westen – in Helmstedt. Dann zog sie in das neue Wetzlarer Mutterhaus. Dort wurde sie im früheren Stadtkrankenhaus erst Stationsschwester, 1967 Leiterin des Pflegedienstes. Von 1977 bis 1987 war sie Pflegedienstleiterin des Mutterhauses in Wetzlar. Statt sich zur Ruhe zu setzen, führte sie ehrenamtlich die Heimbewohnerkartei, bis ihr nachlassendes Augenlicht sie zum Aufhören zwang.

1991 sah Schwester Christel ihr altes Krankenhaus zum ersten Mal nach 43 Jahren wieder. "Ein ganz eigenartiges Gefühl war das", berichtet sie mit kaum hörbarem ostpreußischen Akzent. Über dem Eingang hing früher ein großes Kreuz. Jetzt hängt dort nur noch der senkrechte Balken, den Querbalken haben sie weggenommen. Das war ein Schock." Das 600-Betten-Krankenhaus von 1930 beherbergt heute weit mehr Patienten in völlig überfüllten Zimmern: "Kein Vergleich zu früher", meint Schwester Christel. Sechs Diakonissen und Vorstandsmitglieder waren per Flugzeug nach Litauen gereist, die sich in Nidden auf der Kurischen Nehrung einquartierten. "Schön, daß das Kurische Haff, die Nehrung und Nidden so wie früher geblieben sind", freut sich Schwester Christel. Sie habe sogar wieder einen Elch gesehen. Vom Niddener Hotel holte sie eine Ärztin des jetzigen Königsberger Gebietskrankenhauses mit einem Ambulanzwagen zu einem Tagesbesuch des ehemaligen Diakonissenkrankenhauses ab. Seit diesem ersten Besuch dürfen die Diakonissen mit den dortigen Krankenschwestern und Ärzten Gottesdienste feiern. Der deutsch-russische Kontakt wird aufrechterhalten. Diakonissen senden Hilfsgüter nach Königsberg, während Krankenschwestern von dort zur Weiterbildung nach Wetzlar kommen.

(Aus "idea-Spektrum", Wetzlar)