28.10.2021

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10.06.00 Massengesellschaft: Die "großen Brüder" und der "Geist der Schwere"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Juni 2000


Massengesellschaft: Die "großen Brüder" und der "Geist der Schwere"
Die allein auf Umsatz ausgerichteten Medien üben den Generalangriff auf das Intime
Von Kerstin Patzelt

Was ist uns eigentlich noch peinlich, fragte sich unlängst Ulrich Greiner von der linksliberalen Wochenzeitung "Zeit" und beklagte in einem imposanten Essay das offenbar planvolle Entblößen einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihre Intimsphäre preisgibt: Da würden Hausfrauen, während sie sich das Hinterteil abseiften, von der Kamera begleitet und im Internet einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, oder Büroangestellte beichteten gleichsam triumphierend vor Millionen von Zuschauern ihre Seitensprünge. Für Furore und damit selbstredend für hohe Einschaltquoten sorgt derweil die umstrittene "Big-Brother-Show".

Nach Deutschland und Holland ist jetzt auch Spanien von dem schlichtem Isolations-Konzept heimgesucht worden: Fünf Frauen und fünf Männer werden drei Monate in einem Haus, das sie nicht verlassen, von 29 Kameras gefilmt und sechzig Mikrofonen belauscht, damit Millionen Anteil nehmen können an den jeweiligen Stuhlgängen, Blähungen oder sonstigen Intimitäten.

Die rechtlich geschützte Privatsphäre würde offenbar freiwillig aufgegeben, kommentierte Greiner dieses Wechselspiel zwischen Exhibitionismus und Voyeurismus. Was erstaunlich klingt, da sich diese Sphäre mühevoll als große Errungenschaft im Werden der Zivilisation entwickelt hatte, wie es der Psychologe und Mediziner Norbert Elias in seinem Werk über die Stufen der Kulturentwicklung im Abendland auf so nachvollziehbare Weise untersucht hat.

Die Herausbildung von Intimität in Opposition zu einer Öffentlichkeit am Beginn der Neuzeit erklärte Elias mit immer feiner gezogenen Schamgrenzen. Die Veränderungen bei den Tischsitten stehen dafür exemplarisch: Was Reformator Luther mit seinem "Warum furzet und rülpset ihr nicht ..." noch herb als tugendhaft pries, schmähte man alsbald als bäurisch, um die intimen Konvulsionen des Körpers dem öffentlichen Blick und den Ohren zu entziehen. Die Räume in denen man sich wusch, in denen man schlief oder wo man urinierte, wanderten, wie Elias es beschreibt, "hinter die Kulissen". Der Mensch mit sich allein wurde fortan hoffähig, indem er seine Affekte mehr und mehr kontrollierte, Triebe aufschob, sublimierte.

"Big Brother" entblößt nun den demokratisch gewordenen Menschen auf ein Neues. Man könnte dies als deutlichen Kulturverfall skizzieren und beklagen, aber es bleibt die Frage, ob bei den sich Prostituierenden eher das Bedürfnis nach Selbstdarstellung dominiert oder das reichlich gebotene Handgeld der auf Riesenumsatz bedachten Medientycoone. TV-Theoretiker, Psychologen und Kulturwissenschaftler geben sich verwundert bis entsetzt, aber keiner findet offenbar eine plausible Erklärung für die schaurige Resonanz dieses Fernsehspektakels. Mit ihren Scheinfragen nach dem Warum liefern sie nur weitere Goldstücke zur Aufwertung der präsentierten Bügeltechnik von Werner K. aus Wanne-Eickel oder der Verdauungsprobleme von Lotti L. aus Güstrow.

Diese Erörterungsversuche lenken fälschlicherweise zumeist den Blick auf das Wechselspiel zwischen Individuum und einem undurchsichtigen, nebulösen Forum, dem der Gesellschaft. Das Verhältnis des einzelnen zum Massenmedium birgt indes wohl eher des Rätsels Lösung. Dabei stellen nicht seidene Fäden eines ominösen Gesellschaftskörpers die Weichen, sondern reale machtpolitische Bestrebungen. Seit die Nationalökonomie nichts mehr zu gelten scheint und die Hochfinanz auf Globalisierung setzt, wächst die Zahl der Beschäftigungslosen, die es dezent zu unterhalten und zu lenken gilt. Was liegt näher als der seit römischen Kaiserzeiten bewährte Rückgriff auf Brot und Spiele. So wird das Tranchieren der Intimsphäre nicht durch Verkehrung des Prozesses der Zivilisation vollzogen, sondern durch Politik mit dem Hilfsmittel Medien zur Sensation gekürt, was sofort die "große Zahl" an den Bildschirm ruft. Wie selbstverständlich bleibt dabei der gute Geschmack auf der Strecke.

Und das nicht ohne diverse Präparationen: "Big Brother" erhielt in den abgeflachten Vorabendserien über "Verbotene Liebe" oder "Marienhof" etwa eine angemessene Vorbereitung. Die stümpernden Amateurdarsteller fanden dank eines aus Amerika übernommenen wirkungsvollen Medienkonzeptes ebenfalls ihr Publikum. Wer dann auch noch des ohnehin schon simplen Handlungsverlaufes dieser "Seifenopern" überdrüssig ist, schaut nun "Big Brother" – ohne Netz und ohne geistigen Boden. Also, Füße hoch, Chips heraus und gleichzeitig mit Edda S. auf der Toilette die Wasserspülung ziehen! Was schert da noch die Politik ... Das Phänomen des vermeintlichen "Big-Brother"-Fiebers ist also schlicht Programm, Fernsehprogramm und damit gezielt gesteuert. Der Mensch mit sich allein hat derzeit keine Konjunktur, ist ungeliebt und kann auf dem Altar der inszenierten Sensationen geopfert werden. Denn, wie Alexis de Tocqueville schon er-kannte: "Jeder Mensch, zurückgezogen in sich selbst, verhält sich, als sei er dem Schicksal aller anderen vollkommen fremd. Seine Kinder und guten Freunde sind ihm das ganze Menschengeschlecht."

Im Zeitalter der Globalisierung erweist sich diese Art von Intimitätsverständnis als wenig förderlich. So wird auch der Dichter, hier als geistige Gegenkraft genommen, in seiner leisen Tätigkeit um ein Tausendfaches übertönt von dem Getrampel verbogener junger Frauen und Männer, die in mechanistischer Gebärde dem Gott "Techno" frönen. Dennoch ist der Chronist des Geistigen da, um im Idealfall den Schonraum des Intimen geistig auszupolstern, an die Kraft des einzelnen zu gemahnen, auf daß er sich im Strudel massenmedialer Vereinnahmungen behaupte – nur eben leise, sehr leise.

Das Intime ist dem Massenbegriff fremd, es ist geknüpft an das Individuum, welches Luther aus seiner priesterlichen Gebundenheit löste und seither im mitteleuropäischen Raum in spannungsvoller Wechselwirkung mit der Gemeinschaft lebt. Doch seitdem diese Selbstbehauptung fehlt und die überseeischen Einflüsse wachsen, wird dem Individuum von außen mehr und mehr zu Leibe gerückt.

Der Soziologe David Riesmann stellte in seinem Werk "Die einsame Masse" bereits der "innen-geleiteten" Gesellschaft, in der die Menschen handeln und Verpflichtungen eingehen, indem sie auf innere Bestrebungen und auf Gefühlsregungen zurückgreifen, eine "außen-geleitete" gegenüber, in der diese Regungen und Verpflichtungen davon abhängen, wie die Menschen die Ansichten der anderen einschätzen. Riesmann war, wie sich nun zeigt, wohl zu Recht der Meinung, daß die amerikanische Gesellschaft und in Ansätzen auch Westeuropa sich auf dem Weg von innengeleiteten zu außengeleiteten Verhältnissen befindet. Ihm ist zuzustimmen, auch wenn wir selbst Mitteleuropäer sind und uns diesen Einflüssen vorläufig nicht entziehen können. Aber auch er bemühte zur Beschreibung seiner Theorie die Polarität zwischen Individuum und Gesellschaft.

Da ist das geheimnisvolle "Big-Brother"-Phänomen nur die Spitze des Eisbergs. Der mit System betriebene Angriff auf die Intimität des Denkens schlägt die weitaus größere Wunde in die Privatsphäre der übergroßen Zahl der Zuschauer als die banale Präsentation des schnöden Alltags einiger weniger, die es sich in einem blechernen Container unbequem gemacht haben.

Wer sich an einem ganz normalen Wochentag durch die Fernsehkanäle schaltet, stößt nach 20 Uhr auf überwiegend amerikanische Filme – Wie soll eigentlich Europa geistig gebaut werden? – , in denen ein wirklich schauspielerisches Talent wie ein Vierkleeblatt gesucht werden muß. Edelmäßige Frauen, mit, wie Henry Miller es nannte, "Eiskristallen in den Augen", drängeln sich dafür en masse über den Bildschirm. Dem intimen Verlangen nach echter Schauspielkunst wollen die Programmacher offensichtlich nicht mehr nachkommen. Nach solch einem "Film-Film" bleibt dem Zuschauer dafür ein Gefühl wie nach einem verdorbenen Essen zurück, mit dem er dann geplagt zu Bett geht. Ohne etwaige Impulse, die zu gedanklichen Früchten anregten, wirkt der Nachgeschmack auf den "Psycho-Thriller, -Schocker oder Krimi" schal und leer. Die plakativen Handlungsstrickmuster wiederholen sich bis zum Erbrechen und haben längst auch auf die deutschen Krimis abgefärbt. Allesamt scheinen sie von nekrophil veranlagten Regisseuren gemacht: Blasse Leichengesichter in Blutlachen am Szenenanfang sind mittlerweile wohl obligat für den vermeintlich guten Krimi. Hinzu kommt ein auch noch diese Intimität immer stärker störender Cocktail der Werbebranche mit Joghurt, Toilettenpapier oder Hairstylingprodukten, der kurze Unterbrechungen aufzwingt.

Wer sich fernab der Unterhaltungswelt auf politische Magazine einläßt und damit seine Bereitschaft zumindest zum Nach-Denken signalisiert, erhält Abfuhr auf andere Art, die seiner Intimität der freien Meinungsbildung vor den Bug schießt: Das Nachrichtenkarussell dreht sich vornehmlich nur um die Themen, die die großen Parteien betreffen. Und die Zeitgeschichte scheint nur noch aus den Niederungen eines Guido Knoop darstellbar. Eine durchgängig geistige Linie fehlt, und die Hoffnung, daß durch die Einführung des Privatfernsehens ein belebender Aspekt aufkommen würde, war wohl von Anfang an unbegründet.

Durch aggressive Werbung, stumpfes  Unterhaltungsprogramm und gezielte Auswahl politischer Themen schaffen die Medien den Idealtypus des folgsamen Untertanen, der letztlich seiner Intimität beraubt ist. So kommt Ulrich Greiner zu der Einschätzung, das Individuum hätte sich als historisches Projekt überlebt. Seine Intimität sei dahin, zugunsten von "frei fluktuierenden Intimitäten", deren Grenzen sich von Fall zu Fall ergäben. Eine Wurzel dieses Übels sieht er der Globalisierung entspringen und zieht das für einen linksliberalen Autor bemerkswerte Fazit: Der wahrhaft zeitgemäße Mensch sei multiethisch und multiethnisch, multikulturell und multifunktional und bestünde demnach nur noch aus Fragmenten. Bekanntlich läßt sich aber mit Bruchstücken nur schlecht leben, weshalb sein Gedanke den Schluß nahelegt: Ohne Nation keine Intimität.

Die Ausgangsfrage müßte also, um sie zu beantworten, eigentlich lauten: Was sollte uns eigentlich noch peinlich sein? – Jeder Moment, indem wir, um mit Friedrich Nietzsche zu reden, dem "Geist der Schwere" verfallen und den Knopf unseres Fernsehgerätes betätigen, damit der giftige Strom der Medienpropaganda ungehindert Einlaß auf das Intime erhält.