28.10.2021

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10.06.00 Zwerge – das "stille Volk"

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 10. Juni 2000


Zwerge – das "stille Volk"
Von ESTHER KNORR-ANDERS

Wie war zu Köln es doch vordem mit Heinzelmännchen so bequem, denn war man faul, man legte sich, hin auf die Bank und pflegte sich. Da kamen bei Nacht, ehe man’s gedacht" – nun wer wohl? Die Zwerge. Und dabei wäre es geblieben, wenn eine arglistige Schneidersfrau den nächtlichen Hilfsgeistern nicht Erbsen auf die Treppe gestreut hätte, so daß die Rotmützen niederpurzelten. Niemand weiß zu begründen, warum Zwerge, Wichtel, Gnome, insgesamt Unterirdische genannt, geliebt werden. Sollte es sein, weil sie von allen Naturgeistern den Menschen am ehesten wesensverständlich sind? Sie rackern und schätzen musische Pausen. Hingegen schätzen sie nicht, bei der Arbeit beobachtet, zu ihr angetrieben oder ausgenutzt zu werden. Zwar weiß man nicht genau, was sie in der Tiefe ihrer Bergheimat tun, doch kennt man ihre Geräte: Schmiedehämmer, Hacke, Spaten. Überlieferung bekundet, daß sie Gold, Silber, Kupfer freilegen, nach Edelsteinen schürfen.

Ihre Könige heißen Alberich und Laurin, Gübich und Heiling. Auch Königinnen leben im Zwergenreich: Huldra und Berchta. In Island werden die Erdgeister respektvoll "The good people" genannt, in der Schweiz "Härdmännle", im Lüneburgischen "Görzoni" und im ostpreußischen Samland "Underhördschkes". Selbstverständlich haben sie auch Eigennamen. In altnordischen Quellen werden sie Vitr und Litr, Fialarr und Galarr, Anar und Onar gerufen. Alle Zwerge, das "stille Volk", sind hilfsbereit, dem Menschen zugetan. Sie verhalten sich treu, so lange man sie treu sein läßt. Aber schon im "Rudlieb" (Gedicht und Roman aus dem 11. Jahrhundert) beklagt der Zwerg die Hinterhältigkeit der Menschen. Bösartigkeit, gepaart mit der Sucht zur Völlerei, bewirkt die kurze Lebensdauer der Menschen, meint der Zwerg. Zwerge aber, weil sie redlich sind und einfache Speisen genießen, leben lange, gesund und heiter. Ihre Hautfarbe ist dunkel. Die Tönungen reichen von schiefergrau über erdbraun bis kohlschwarz. Mit einer Tarnkappe vermögen sie sich unsichtbar zu machen, und als unsichtbare Helfer geistern sie seit Jahrhunderten durch die Sehnsüchte und Träume der Menschen. Sagen und Märchen künden davon.

In "Die Wichtelmänner" (Grimm’sche Sammlung) wird erzählt: "Es war ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, daß ihm endlich nichts mehr übrigblieb als Leder zu einem einzigen Paar Schuhe." Sorgenvoll schlief er ein, doch als er morgens an die Arbeit wollte, standen die fertigen Schuhe auf dem Tisch. So fein waren sie gearbeitet, daß sich sofort ein Käufer fand, der reichliches Entgelt zahlte. Das geschah Tag für Tag. Eines Nachts blieben die Schustersleute auf; sie sahen Zwerge kommen, die im Eiltempo zu schustern begannen. Aber sie waren nackt. "Die frieren ja", jammerte die Schustersfrau. Das Paar schlich in die Wohnstube zurück und beschloß, ihren Helfern Kleider zu nähen. Hemdchen, Hosen, Wams und Strümpfe wurden gefertigt, auch die Schuhe fehlten nicht. Als die Wichtel in der kommenden Nacht die Pracht entdeckten, sich eingekleidet hatten, zogen sie lauthals jubelnd davon. Dem Schusterspaar aber ging es gut, so lange es lebte.

Das Märchen "Die Geschenke des kleinen Volkes" berichtet von einem Schneider und einem Goldschmied, die bei einer Nachtwanderung im Wald zu einem Hügel gelangten, wo Musik ertönte. Das Zwergenvolk feierte ein Fest. Die beiden Wanderer wurden hinzugebeten. Erst ängstlich, dann fröhlich wie ihre Gastgeber, nahmen sie an der Fete teil. Zum Abschied forderte der Zwergenälteste sie auf, sich die Taschen mit Kohlen vollzustopfen. Das taten sie, unhöflich wollten sie nicht sein. Am anderen Morgen entdeckten sie, daß die Kohlen zu Gold geworden waren. Der Schneider freute sich, der Goldschmied nicht. Er wollte mehr. Heimlich schlich er nächtens zu den Zwergen und nahm von den Kohlen. Doch am nächsten Tag waren die Kohlen Kohlen geblieben. Schlimmer: Auch die Goldstücke, die er besessen hatte, waren wieder zu schwarzen Brocken verwandelt …

Wer in die Reiche der Naturgeister Einlaß findet, unterliegt anderer Zeitrechnung. Die Stunden im Geisterreich zählen nach dem Maßstab der Ewigkeit. Das erfuhren zwei Geigenspieler aus dem irischen Strathspey. Berühmt wegen ihres Spiels "wurden sie von einem graubärtigen Alten gewonnen", im Berg zum Tanz aufzuspielen. Sie taten es gern. Nach Strathspey zurückgekehrt, fanden sie sich nicht zurecht. Alles hatte sich verändert: Straßen, Häuser, die Kleidung der Menschen und ihr Gebaren. En Greis redete die ziellos Umherirrenden an. Ihm dünkte, sie könnten jene Geiger sein, die vor 100 Jahren im Berg verschwunden waren. Entsetzt begriffen sie, daß sie in der damaligen Nacht von allem geschieden wurden, das sie mit der irdischen Welt verbunden hatte. Sie betraten eine Kirche und starben dort …

Zwerge – so bezeugen die Mären – sind nicht nur Helfer der Menschen in mißlichen Situationen, sie bauen auch auf deren Hilfe, bitten Hebammen, schwangeren Zwerginnen bei der Geburt ihrer Kinder beizustehen; als redlich bekannte Männer suchen sie zur Schlichtung von Streitereien auf. Doch in der Menge der Unterirdischen befinden sich natürlich auch Giftzwerge; sie wechseln eigene, kranke Säuglinge gegen Neugeborene junger Mütter aus oder versuchen auf andere Weise eines Menschenkindes habhaft zu werden.

Bekanntester Giftzwerg ist Rumpelstilz. Wir erinnern uns: Ein angeberischer Müller hatte ausposaunt, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Darauf läßt der König sie einsperren und erwartet von ihr das Goldwunder; andernfalls müsse sie sterben. Rumpelstilz zeigt sich ihr. Gold spinnen ist für ihn Bagatellarbeit. Als Seelenkenner rechnet er mit der Raffsucht des Königs – und verschätzt sich nicht. Königin soll das Mädchen werden, wenn es die dritte Ladung Gold liefert. Diesmal verlangt Rumpelstilz für seine Hilfe ihr erstes Kind. Das verstörte Mädchen sagt zu, wird Königin, ein Kind kommt zur Welt. Rumpelstilz erscheint, erheischt seinen Lohn. Auf das Flehen der Königin gewährt er ihr drei Tage Zeit, seinen Namen zu erraten. Gelingt ihr dies, soll sie das Kind behalten. Kundschafter streunen durchs Land; am letzten Tag kommt ein Bote, der bei Nacht einen Zwerg ums Feuer tanzen sah, der dabei ein Lied sang und seinen Namen verriet. "Rumpelstilz heißt du", frohlockte die Königin. Aus Wut "riß er sich mitten entzwei".

Eines Tages verließen die Zwerge Höhlen und Grotten. Sie verließen die Menschen. Die heidnischen Zipfelmützen empörte das Glockengeläut, das bis in die Wälder drang. An der Schwalm bei Uttershausen liegt der Dosenberg. Dort sammelten sie sich zum Auszug in ein fernes Land. Gegen reichen Lohn setzte ein Bauer sie über den Fluß. Drüben verabschiedeten sie sich und wurden nie mehr gesehen.

Kulturhistorische Wirklichkeit aber ist die Zipfelmütze. Als "phrygische Mütze" gehörte sie zur Zunftkleidung frühgeschichtlicher zwergenhafter Bergleute, sogenannter "Idäischer Daktylen" (Fingermännchen) in Griechenland und auf Kreta. Sie waren klein genug, um im Altertum für die Fürsten Bergbau zu betreiben. Sie sollen von Griechenland über den Balkan nach Österreich und Deutschland gezogen sein. In alten Bergwerken in Thüringen und Westfalen fand man winzige Geräte, deren Kupfer mit dem kretischen Kupfer identisch war. "Fingermännchen": Sie sanken, wie so vieles, aus der Vorstellungswelt späterer Jahrhunderte.