17.10.2021

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17.06.00 Deutschland-Stiftung ehrt Ernst Nolte

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. Juni 2000


Geschichtsforschung: Lichtblick aus München
Deutschland-Stiftung ehrt Ernst Nolte – "Historikerstreit" schwelt weiter

Wie weit die Geschichtsforschung bereits in den Sog ideologischer Interessen geraten ist – davon kann der Historiker Ernst Nolte spätestens seit 1986 ein Lied singen.

"Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft", schrieb schon lange vor ihm George Orwell, Autor des Romans "1984", wo er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg meisterhaft die Mechanismen totalitärer Systeme auf den Punkt brachte. Der Kreis schließt sich, denn wer "die Gegenwart kontrolliert, der kontrolliert die Vergangenheit". Und wer die herrschenden Geschichtsdogmen anzuzweifeln wagt, wird erbarmungslos ins gesellschaftliche Abseits gedrängt.

Der Historiker und Geschichtsphilosoph Ernst Nolte wurde zur "Unperson" erklärt, nachdem er im Historikerstreit einer linken publizistischen Übermacht unter Führung von Jürgen Habermas entgegengetreten war. Spätestens mit der Zeitenwende von 1989/90 und dem Erscheinen des "Schwarzbuchs des Kommunismus" von Stéphane Courtois bekam die damalige Kampagne erst recht einen faulen Beigeschmack.

Die Wogen haben sich seitdem etwas geglättet. Doch Habermas wäre nicht Habermas und seine Gefolgsleute nicht das, was sie sind, wenn sie sich angesichts ihrer faktischen Widerlegung zu einem einigermaßen fairen Umgang mit Nolte bereit gefunden hätten – geschweige denn zu einer Entschuldigung. So geistert Ernst Nolte wie der "einsame Wolf" (Hermann Rudolph) durch den deutschen Blätterwald, vor dessen Thesen man sich hüten müsse.

Und jetzt die späte Anerkennung: Am 4. Juni erhielt Nolte den mit 10 000 Mark dotierten Konrad-Adenauer-Preis der CDU-nahen "Deutschland-Stiftung".

Die Laudatio hielt der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Horst Möller. Ein paar etwas müde Versuche linker Medien, einen Skandal auszurufen, nahm man zur Kenntnis. Angela Merkel, die noch vor zwei Jahren bei der Deutschland-Stiftung die Laudatio auf den letzten Preisträger, Wolfgang Schäuble, gehalten hatte, ging wenig couragiert in Deckung: Sie habe "persönliche Schwierigkeiten mit dem Preisträger". Der linke Berliner Historiker Heinrich August Winkler verschickte einen Brandbrief, um die Laudatio Möllers zu verhindern. Noltes Name, schrieb Winkler, sei "unauslöschlich mit dem Versuch einer Revision des deutschen Geschichtsbilds in nationalapologetischer Absicht verknüpft". Auf deutsch: Nolte habe versucht, sein Volk gegen (ungerechtfertigte) Angriffe zu verteidigen – für Winkler unentschuldbar. Auch wenn Nolte nachweisen kann, streng wissenschaftlich neutral vorgegangen zu sein.

Ernst Noltes Thesen ließen sich "seit langem von denen der äußersten Rechten kaum noch unterscheiden", so Winkler. Es dürfe in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, der Direktor des IfZ halte "für vertretbar oder zumindest tolerabel, was Nolte zum Thema Nationalsozialismus seit Mitte der achtziger Jahre gesagt hat".

Die "Süddeutsche Zeitung" veröffentlichte einen Artikel zu Nolte mit der polemischen Überschrift "Die Fahne hoch!". Wieder einmal übte sich die "SZ" mit einem entstellenden Zitat in der Kunst des Rufmords: In der fetten Balkenüberschrift über einer halben Seite mit Leserbriefen unterstellte sie Nolte, er habe "Eiskalt den Völkermord geleugnet". Bei dieser Formulierung war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. In einem der Briefe hieß es dann, Nolte habe "die Einmaligkeit des eiskalt generalstabsmäßig geplanten Völkermords der Nationalsozialisten" geleugnet. Das macht doch einen kleinen Unterschied! Im übrigen konzentriert die "SZ" ihre Angriffe auf das Institut für Zeitgeschichte und dessen Direktor. Die Zeitung ergeht sich in Abgesängen auf das "einst hoch renommierte Institut". Schauerliche Dinge geschähen in der Münchner Leonrodstraße, etwa eine "polemische Auseinandersetzung mit Ralf Giordanos These von der zweiten Schuld" und "der Versuch, die Wehrmacht anhand der Irrtümer in der Hamburger Ausstellung wieder weiß- und reinzuwaschen".

Bei der Preisverleihung an Ernst Nolte im Herkulessaal der Münchner Residenz betonte der Vorsitzende der Deutschland Stiftung, Adelbert Reif, man solle die "volle Wahrheit über die deutsche Geschichte aussprechen, auch das, was die meisten nicht zur Kenntnis nehmen wollen". In Vertretung des Bayerischen Ministerpräsidenten sprach für den Freistaat der Minister Reinhold Bocklet. Er nannte Nolte einen vielbeachteten Historiker, der bahnbrechende Erkenntnisse über den Faschismus vermittelt habe. Auch der Europa-Abgeordnete Bernd Posselt (CSU) gratulierte Nolte und nannte ihn einen Dorn im Auge all derer, die den antitotalitären Grundkonsens – die gleichermaßen scharfe Ablehnung von Nationalsozialismus und Kommunismus – durch eine Antifa-Ideologie abzulösen suchten. Der pure "Antifaschismus" gilt als Mittel der extremen Linken, das bürgerlich-demokratische Lager (wie in der SBZ/DDR geschehen) vor sich her zu treiben und auszuschalten.

Mit Spannung lauschten die Gäste in der Münchner Residenz anschließend Horst Möller. Der suchte sich gegen Angriffe mit einer von ihm selbst als "ungewöhnlich" bezeichneten Vorbemerkung abzusichern: Das Lebenswerk von Nolte sei von hohem Rang und unverwechselbarer Eigenart. International habe es so großes Aufsehen erregt wie kaum ein zweites aus dem deutschen Sprachraum. Doch stimme er nicht mit den Passagen überein, in denen Nolte im Sinne eines "historischen Verstehens" die Absichten Hitlers nachvollziehen wollte. Mit Joachim Fest könne er aber sagen, daß "die Verhältnisse und die Köpfe doch sehr verdreht" sein müßten, um daraus einen Vorwurf der "Apologie" gegen Nolte abzuleiten. Die Morde des Bolschewismus könnten diejenigen der Nationalsozialisten nicht rechtfertigen noch umgekehrt.

Besorgt äußerte sich IfZ-Direktor Möller zur Meinungsfreiheit in Deutschland: Eine kontroverse Diskussion werde nur zu oft mit Haß geführt. Die Grundthese Noltes von wechselnden Beziehungen zwischen den großen Totalitarismen teilte Möller ausdrücklich. Insbesondere für die stalinistische Sowjetunion habe das "Schwarzbuch des Kommunismus" die Berechtigung von Noltes Ansatz bestätigt. "Ohne daß deshalb schon die Antworten oder alle Einzelheiten seiner Interpretation zutreffen", beeilte er sich hinzuzufügen.

Ernst Nolte sagte in seiner anschließenden Rede, er schulde der Deutschland-Stiftung "außerordentlichen Dank". Den von dem umstrittenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als "trübe, ja verächtliche Gestalt" gescholtenen Preisträger freute die Ehrung sichtlich. In seiner Ansprache kam er dann zum "heikelsten Punkt" der Zeitgeschichtsforschung: "Wer das welthistorische Phänomen des Bolschewismus als der gewalttätigen Erscheinungsform des Sozialismus ernst nimmt, der kann die stärkste aller Gegenbewegungen nicht auf ,pure Wahnideen‘ reduzieren." Für die Jahre nach 1968 macht Nolte eine "negativ-germanozentristische" Betrachtungsweise aus. "Es bezog sich in den Hervorbringungen einer schuldlos-schuldbekennenden Generation unter Vernachlässigung der elementarsten Postulate der Wissenschaft immer exklusiver auf Deutschland." Diese Blickverengung auf ausschließlich deutsche (Un-)Taten neigte laut Nolte immer mehr dazu, "Einzigartigkeit" als "Einzigkeit" oder eine Art "Schwarzes Loch" zu verstehen, das allem Begreifen entzogen sei.

An den Schluß seines Vortrages setzte der Preisträger drei Forderungen: Die "kollektivistische Schuldzuschreibung" müsse überwunden werden, und die Auffassung, immer das Gegenteil des vom Nationalsozialismus Erstrebten sei gut und richtig, ebenso. Diese "innere Abhängigkeit" verschließe eigene Wege. Als letztes überraschte er mit einer eigenwilligen Auslegung des geplanten Holocaust-Mahnmals in Berlin. "Niemand hat je behauptet, daß sein Bau auf einer Mehrheitsmeinung beruht, er ist vielmehr das Werk einer selbsternannten ,wissenden Minderheit‘." In gleicher Weise wie das totale Vergessen sei auch eine "totale Erinnerung" widermenschlich. Niemand dürfe aber "einzelne Deutsche und sogar die Mehrheit der Deutschen und gleichgesinnte Ausländer" daran hindern, "die einseitige Erinnerung zu erweitern und das Mahnmal so anzusehen, als wäre es ,allen Opfern der Ideologiestaaten des 20. Jahrhunderts‘ gewidmet."

Philip Plickert / H. H.