17.10.2021

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17.06.00 Tristesse in Masuren

© Das Ostpreußenblatt  / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. Juni 2000


Tristesse in Masuren
Immer weniger Touristen machen Ferien im südlichen Ostpreußen
Von Brigitte Jäger-Dabek

Ostpreußen, Masuren, Worte, die bestimmte Bilder, ja Szenarien abrufen, selbst bei Menschen, die noch nie etwas mit dieser Landschaft zu tun hatten. Da steigen Bilder einer verzauberten, verwunschenen Welt in uns auf, Bilder einer fernen Zeit, Bilder von Ruhe und Frieden für die gestreßten Seelen.

Wir sehen es plastisch vor uns, das tiefe, geheimnisvoll dunkle Grün der ausgedehnten Wälder, hören förmlich das Knacken des Geästes und sehen unvermittelt einen Elch im Gegenlicht stehen. Und Seen erscheinen uns, tausend Seen, silbern glitzernd im Sonnenschein, darüber zu Pustebacken sich türmende Wolkengebirge am hohen östlichen Himmel.

Kaum ein Land ist mit so festen Vorstellungen belegt, wie dieses. Das Schöne daran ist, daß es all das immer noch gibt, nur will es scheinbar kaum noch jemand sehen.

Die Entwicklung ist nachhaltig. Schon seit einigen Jahren kommen immer weniger Touristen aus dem "Westen" in das südliche Ostpreußen, allein im vergangenen Jahr waren es 20 Prozent weniger als noch in den vorhergehenden Jahren. Wird es in diesem Jahr noch schlimmer?

Das fragen sich nicht nur die vielen Landsleute, die vom Tourismus leben, auch Offizielle des Allensteiner Bezirkes sind aufgeschreckt.

Jan Cymcyk, Direktor der Abteilung Tourismus im Marschallamt der Wojewodschaft sucht nach Ursachen.

Nicht nur das südliche Ostpreußen allein träfe die touristische Rezession, auch im übrigen Land habe man im Jahr 1998 Einnahmeeinbußen von etwa vier Milliarden Mark im Tourismusbereich verzeichnet, erklärt er. Eine Region wie Ostpreußen, die besonders auf den Tourismus ausgerichtet und auf ihn angewiesen sei, träfe das natürlich auch extrem.

Da spielten einmal die überregionalen Gründe mit, denn das ganze polnische Staatsgebiet gelte als unsicher, der Straßenzustand sei schlecht, die Grenzübergänge chronisch überlastet, die Bahnverbindungen würden immer unbequemer, erklärte Cymcyk der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza". Es macht allerdings keinen Sinn, wie er darüber zu lamentieren, daß die Sommer in Masuren nicht mit der Sonnenscheingarantie der Mittelmeerländer daher- kommen. Mit einigen Regentagen muß man in Mitteleuropa halt rechnen. Es gibt allein in der Bundesrepublik Millionen, die sich deshalb nie von einem Urlaub in der norddeutschen Küstenregion oder in Skandinavien abhalten lassen würden.

All diese Minuspunkte gelten aber überregional, treffen gleichfalls für all die Gebiete zu, in denen der Rückgang der Gästezahlen längst nicht so dramatisch ist, wie in Ostpreußen.

Die eigentlichen Rezessionsgründe sieht daher auch Cymcyk als hausgemacht an.

Für zu teuer hält er den Allensteiner Bezirk. Hohe Preise für touristische Dienstleistungen ergäben sich zwangsläufig dort, wo die Saison wie im südlichen Ostpreußen nur drei, vier Monate dauert. In dieser kurzen Zeit müssen die Gelder eingefahren werden, die das Überleben in den übrigen langen Monaten sichern.

Es gäbe viel zu wenig Betriebe in der Reisebranche, die über das ganze Jahr Erholung in der Region anbieten, klagt Cymcyk.

Wenn man bedenkt, daß beispielsweise das Seebad Zoppot konsequent sein Winterurlaubsprogramm mit einem abgerundeten Spektrum von Ausflugs- und Sportmöglichkeiten bewirbt, ist das erstaunlich.

Sollte der sprichwörtliche ostpreußische Winter touristisch nicht nutzbar sein? Man denkt spontan an Skilauf in den Kernsdorfer Höhen oder bei Goldap, ein Netz von Langlaufloipen in tief verschneiten Wäldern, Eissegeln auf zugefrorenen Seen, lange Eislauftouren im Stile holländischer Grachtenläufe.

Touristisch gesehen ist das südliche Ostpreußen obendrein sehr unterschiedlich erschlossen, es gibt eine Art Angebotsballung um Sensburg, Nikolaiken und die großen Seen herum, andere ebenso reizvolle Gegenden sind fast nicht vorhanden auf der Tourismuskarte. Es gibt dort nicht die nötige Infrastruktur, um den Reiseverkehr anzukurbeln.

Einer dieser weißen Flecken umgrenzt fast das ganze nördliche Gebiet. Dies ist ein Hauptgrund, warum es hier zwar pro Jahr 1,7 Millionen Grenzübertritte ins Königsberger Gebiet gibt, aber nur 750 000 Touristen wenigstens 24 Stunden im südlichen Teil Ostpreußens verbringen.

Den größten Teil dieser 1,7 Millionen machen Deutsche aus, die das nördliche Ostpreußen besuchen, durch den südlichen Teil aber ohne weiteren Aufenthalt durchfahren. Als Hauptgrund nannte Cymcyk polnischen Journalisten gegenüber das Fehlen jeglicher touristischer Infrastruktur im Bartensteiner Raum.

Deutsche machen überhaupt den weitaus größten Teil der das südliche Ostpreußen jährlich besuchenden 750 000 Touristen aus. Sie bleiben im Mittel 4,6 Tage und geben täglich 72 Mark aus.

Diese Deutschen sind aber nicht mit "normalen" Touristen vergleichbar. Sie kommen, weil sie eine ganz besondere Verbindung zu diesem Land haben. Es ist ihnen relativ egal, wie gut die Infrastruktur ist. Um sie braucht man sich nicht speziell zu bemühen, sie werden auch weiterhin kommen.

Die Zahlen des Statistischen Amtes Allenstein belegen das, denn nur sieben Prozent der Deutschen kommen in organisierten Gruppenreisen, der Rest hält sich halb privat auf, bei Verwandten, Bekannten oder macht Ferien auf dem Bauernhof bei Landsleuten. Nur, mehr werden sie von allein auch nicht, ihre Zahl nimmt kontinuierlich ab, sie werden schlicht irgendwann aussterben.

Die anderen muß man umwerben auf einem härter werdenden Markt, muß ihnen mehr bieten als ein Bett und geregelte Mahlzeiten, das hat man auch in der Heimat erkannt und beginnt in vielen örtlichen Entwicklungsplänen einen Schwerpunkt im Bereich Tourismus zu setzen.

Was fehlt, ist das Bewußtstein, wie hoch die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für einen ganzen Ort, eine ganze Region sein kann sowohl unmittelbar als auch mittelbar, und nicht nur für einzelne direkt davon profitierende Betriebe. Zu diesem Schluß kommt auch Gwidon Wojcik, Präsident der Polnischen Tourismus Organisation (POT).

Orte müssen am Reisemarkt geschlossen vorgestellt werden, Städte, am besten ganze Regionen, nicht einzelne Hotels oder Firmen, ist seine Devise.

Alle mit dem Tourismus einer Region verbundenen Firmen sollten sich zusammenschließen, um durch diese gemeinsame Anstrengung den Touristen auf den heimischen Markt zu holen. Dann könnten die Einzelbetriebe um dessen Geld konkurrieren, erklärte er der englischsprachigen Zeitung "Warsaw Voice".

Wenn man Ostpreußen betrachtet, erkennt man, wie recht Wojcik hat. Allein das Polnische Fremdenverkehrsamt in Berlin erhält jährlich 25 000 Anfragen betreffs Informationsmaterial und erfüllt diese Wünsche in der Regel prompt. Auch wenn man als Urlaubsgebiet explizit das südliche Ostpreußen angibt, stellt man fest, daß etliche ostpreußische Regionen nicht vertreten sind. Da kommt das Ermland bestenfalls mit Allenstein und Frauenburg vor, die Frische Nehrung kaum, das Oberland einzig in Gestalt des Oberlandkanals.

Einzelne Hotelprospekte helfen da nicht, der Reisende möchte wissen, welche Sehenswürdigkeiten es in der Region gibt, was für Aktivitäten möglich sind, wie er die Natur intensiv erleben kann.

Wenn aus dem Interessenten ein Urlauber werden soll, müssen obendrein seine Sinne angesprochen werden, muß er gefühlsmäßig "verführt" werden. Da ist der Oberlandkanal als technisches Wunderwerk zwar ganz eindrucksvoll, mehr Interessenten einfangen könnte man aber, wenn man sie in ein paar Absätzen erleben läßt, was für ein einmaliges Naturerlebnis eine Fahrt auf dem Kanal ist.

Viele Prospekte haben obendrein den sprachlichen Charme eines Schüleraufsatzes, brav übersetzt, mit Fakten überfrachtet und holprig. Trotz der überwiegend guten Fotos, so etwas liest kein Mensch zu Ende. Leider trifft das auch auf die Werbeunterlagen etlicher "Agrotourismus-Betriebe" von Landsleuten zu. Rund 2000 soll es in der Region ja geben, aber lediglich 46 davon sind offiziell erfaßt und nur von denen erfährt der Tourist. Überhaupt erinnert das Wort Agrotourismus eher an Agroindustrie. Der Slogan "Ferien auf dem Bauernhof" spricht hingegen ganz anders an, weckt Bilder von Idylle, Ruhe und Natur.

Im Rahmen der benötigten abgerundeten Konzepte machen auch spektakuläre Ideen wie die des Jochen Elsner vom Deutschen Verein Lyck Sinn. Für seinen Masurenhof in Sareiken bemüht er sich um drei junge Bären aus Breslau. Ganz bewußt will er bei seiner Vorstellung von Urlaub auf dem Lande die gängigen Bilder von Ostpreußen ansprechen.

Nicht nur in Informationspaketen fehlen Broschüren und Ortspläne, auch vor Ort sind sie meist kaum zu erhalten. Herausgegeben von den Stadtverwaltungen werden sie aus Kostengründen nur in geringen Stückzahlen aufgelegt und überwiegend an offizielle Delegationen und bei Tourismusbörsen verteilt. Sie verschwinden so fast ohne Effekt bei notorischen Prospektsammlern, die meist nicht einmal konkrete Interessenten sind.

Womit man wieder bei der regionalen Promotion angelangt wäre, zu der es auch gehören sollte, daß ein lokaler Zusammenschluß von Verwaltung, Gastronomen, Geschäftsleuten und Vereinen Veranstaltungen, Ausflüge und Aktivitäten in schlüssige Programme verpackt, mit einer Portion Service abrundet und das Ganze dann gemeinsam finanziert und bewirbt.

Besonders die Deutschen Vereine könnten sich dabei hervortun. Wie in Osterode sind ihre Häuser vielfach längst in die Funktion von Informationszentren hineingewachsen.

Und Allenstein selbst? Es ist nicht zu übersehen, daß deutlich weniger touristischer Vekehr in der Stadt ist, trotzdem haben die zuständigen Rathausstellen die Zahlen schon seit langem nicht mehr analysiert. Man sähe sich als Metropole, nicht als Touristenattraktion, betont Pressesprecher Wojciech Szalkiewicz der lokalen Zeitung gegenüber. Allenstein sei nun einmal nicht Zielstadt für seine Gäste, sondern nur eine Durchgangsstation für ein bis zwei Tage. Man könne nur versuchen, diese Reisenden ein, zwei Tage länger in der Stadt zu halten, meint Szalkiewicz.

Mehr Gedanken macht sich in Allenstein der Rat des Innenstadtviertels und hat ein Programm zur Revitalisierung und Verschönerung der Altstadt entwickelt. Das angestrebte ehrgeizige Ziel, aus Allenstein ein "Krakau des Nordens" zu machen und die Stadt damit zu vermarkten, bleibt allerdings mehr als fragwürdig.

Was Krakau besonders auszeichnet, ist die historische Kontinuität. Im Krieg kaum zerstört blieb der Stadt ihre angestammte Bevölkerung, die ihr ihren ganz eigenen Charakter gab.

Allenstein jetzt auf Krakau zu frisieren wäre Styling nach dem Baukastenprinzip, Motto: wir bauen uns eine neue Altstadt aus allem, was uns irgendwo gefiel. Ein Stückchen Krakau, ein Stückchen Warschau, alles, nur nicht die eigenen Geschichte, die der Stadt ihr Gesicht gab. Doch erst dieses Gesicht, das mit der Stadt alt wurde und Falten bekam, macht eine Stadt unverwechselbar.